Fast Forward >> Der Dialog

Natürlich kann man Francis Ford Coppolas Film ausschließlich aus der Sicht eines Thrillers betrachten. Dann bietet Der Dialog um Harry Caul, dem Abhörspezialisten, der auf eigene Rechnung arbeitet, eine solide Geschichte mit unerwarteten Ausgang. Dann bietet er einen famosen Plottwist, aber dann mag er auch die eine oder andere Ungereimtheit, die eine oder andere Länge mit sich bringen. Es ist jedoch vielmehr die Analyse der Figur Harry Cauls, die Coppolas Film so außergewöhnlich macht, die auch ein gutes Stück nicht nur der gesellschaftlichen Verunsicherung Amerikas in Zeiten des Watergateskandals offenlegt, sondern auch gerade wieder in Zeiten der Bespitzelungsaffären in der Wirtschaft – der Fall Telekom ist noch nicht abgeschlossen, da kommt die Bahn um die Ecke - an Aktualität gewinnt. Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherung einmal außen vor gelassen. Harry Caul weiß selbst am besten was die Ergebnisse seiner Arbeit auslösen können, auch wenn er den Mord an den Gewerkschaftspräsidenten, der nach einer seiner Abhöraktionen Ende der 60er für Schlagzeilen sorgte, bisher verdrängen konnte. Es ist dieses Wissen um die möglichen Folgen, das ihn letzten Endes lähmt, ihn nicht nur überaus mißtrauisch gegenüber seinen Auftraggebern und Angestellten werden, sondern ihn auch paranoid auf selbstverständliche Fragen seiner Lebenspartnerin reagieren läßt. Die Bezeichnung Lebenspartnerin für Amy, seine Geliebte, ist aber schon mehr als übertrieben, weiß sie doch noch nicht einmal von seinem Beruf, geschweige denn wo er wohnt. Harry Caul ist eindeutig krank und Coppolas lange Exposition dient zu nichts anderem, als uns dies vor Augen zu führen. Caul hat schon längst den Bezug zum realen Leben hinter sich gelassen als der Film beginnt. Er ist nur noch Beobachter dieser Welt, die er nur aus seiner Warte heraus interpretieren kann, an der er selbst jedoch nicht mehr aktiv teilnimmt. Seine größte Angst ist es von ihr entdeckt zu werden. Aus Scham wegen seines Berufes, wegen der Folgen seiner Arbeit. Es ist dieser innere Disput, der Caul letztendlich lähmt in die Ereignisse aktiv einzugreifen. Und gibt ihm das Erlebnis auf der spontanen Feier in seiner Werkstatt nicht Recht? Da hat er sich für einen kurzen Moment geöffnet und schon wurde dieser Moment von seinem Kollegen und Konkurrenten ausgenutzt, um ihn vorzuführen. So sieht er gar nicht erst die Möglichkeit, sich der Polizei anzuvertrauen, um einen eventuellen Mord zu verhindern. Er weiß um das wahrscheinlich stattfindende Verbrechen in Zimmer 773 des Jack Tarr Hotels. Wer an jenem Sonntag Opfer eines Mordes wird ist dabei völlig zweitrangig und letzten Endes lediglich eine weitere Facette des Plots, die aus der Sicht des Thrillers interessant ist, aber für die viel tiefere Botschaft des Filmes keine besondere Rolle spielt. Man kann der eigenen Schuld nur begegnen indem man sich ihr stellt, es ist die Verdrängung der eigenen Schuld, die zu Harry Cauls Katastrophe führt.

8,5/10 Punkte

Phase IV

Astronomische Phänomene sind es wohl, die Veränderungen im Verhalten der Ameisenvölker in einem Hochlandtal Arizonas hervorrufen. Angefangen bei der Errichtung geometrisch ausgerichteter Bauten bis hin zur aggressiven Eroberung neuem Lebensraumes und dessen Verteidigung. In nur wenigen Wochen verdrängen sie konkurrierende tierische Lebensformen und auch die meisten Farmer verlassen panisch das Gebiet. Die Wissenschaftler Hubbs und Lesko errichten in unmittelbarer Nähe des Ameisenstaates ein autarkes Forschungslabor, um das Phänomen zu analysieren. Dabei entdecken sie, daß die Ameisen einen weit größeren evolutionären Sprung vollzogen haben als zunächst angenommen. Nicht die Ameisen die zu erforschende Spezies in ihren Experimenten sind, sondern sie selbst das Forschungsobjekt der Ameisen sind.

Saul Bass, der in erster Linie für seine stilbildenden Titelsequenzen zahlreicher berühmter Hollywooderfolge und der Erstellung des Storyboards für den wohl bekanntesten Mord der Filmgeschichte in Hitchcocks Psycho bekannt und anerkannt ist, ist ein Vollblut-Designer. Auch sein einziger Langfilm Phase IV, diese Mischung aus esoterischer und harter Science Fiction, steht ganz und gar unter dem Scheffel ästhetischer Prioritäten, die inhaltliche und dramaturgische Komponenten des Filmes ins zweite Glied zurückdrängen. Darunter leidet vor allem der Mittelteil der sichtlich an Kubricks Odyssee, aber auch an Robert Wises Andromeda Strain angelehnten Story. Viel zu sehr verläßt sich Bass auf die Kraft der formal hervorragenden Aufnahmen seines Miniaturfilmers Ken Middlehams, die unterlegt mit einem furchtbar daher dudelndem New Age Score jedoch eher besonders hinsichtlich der Suspense kontraproduktiv wirken. Minutenlang läßt er Ameise für Ameise durch die langen Gänge ihres Baus krabbeln, hier und da die Hochgeschwindigkeitskamera zum Einsatz kommen, nur um zerbrechendes Reagenzglas eindrucksvoll auf die Leinwand zu werfen. Das ist natürlich schön anzusehen, bringt den Film aber nicht um eine Ameisenlänge weiter. Opfert er doch den psychologisch interessanten Disput zwischen seinen beiden Wissenschaftlern dem Design des Filmes. Das ist gerade hinsichtlich des Kommentars des Filmes mehr als schade. Phase IV ist ein höchst politischer Film, erscheint er vielleicht auf dem ersten Blick als New Age Horror, der Wissenschaft und menschliche Arroganz gegenüber der Natur an eben ihrer eigenen Kraft scheitern läßt, versteckt sich doch in ihm mehr als eine Allegorie zum Kalten Krieg. Es ist kein Zufall, daß Hubbs und Lesko einem Gegner gegenüber stehen, der vielleicht technisch unterlegen ist, durch seine Homogenität und Masse jedoch die vielfache Stärke eines seiner einzelnen Individuen erreicht. Ganz dem westlichen Bild einer kommunistischen Welt entsprechend. Bass läßt hier zwei Gesellschaften entgegengesetzter Ideologie aufeinander prallen. Gleichsam zur Kubakrise läßt er den Ameisenstaat die Forschungsstation umzingeln, die Hitze in ihrem Inneren lebenseinschränkend ansteigen. Und allegorisch zu Nixons damaligen Gesprächen mit Moskau und Peking läßt er Lesko mit dem Gegner kommunizieren, was zur Entspannung der Situation führt. Ihm entgegengesetzt steht Hubbs, der mit seinem Konfrontationskurs nichts als Zerstörung und Tod herbeiführt. Der glaubt den Gegner allein durch Abschreckung in die Knie zwingen zu können. In Phase IV überleben am Ende die, die die Kommunikation suchen, ganz im Gegensatz zum anti-kommunistischen Kino der 50er, in dem die redewilligen Wissenschaftler in den meisten Fällen mit dem Tod durch den meist außerirdischen Eindringling bestraft wurden. Am Ende Saul Bass Filmes steht die Erschaffung einer neuen Spezies, deren Eigenschaften Bass jedoch völlig offen läßt. Je nach Lesart des Stoffes und der ideologischen Ausrichtung des Zuschauers ist das die Apokalypse oder aber Happy End. Schade, daß diese Botschaft ausgerechnet durch die dramaturgischen Schwächen des Regisseurs verwässert wird und die Faszination des Filmes, die er unumstritten besitzt, in erster Linie aus seiner befremdlichen und im Finale dann doch sehr esoterischen Atmosphäre resultiert.

6,5/10 Punkten

NEUES AUS UHLENBUSCH

Ja, das war schon eine bewegende Woche für die Zeitung, die immer zuerst mit der Frikadelle spricht. Also erstmal durfte sie Anfang der Woche spekulieren „JETZT FEUERT SCHALKE AUCH DEN TRAINER“, nicht schwer nach dem Spiel gegen den HSV. Risiko 1:100 und „Jetzt“ ist für die Redakteure dieser Zeitung ja auch ein bekanntlich sehr dehnbarer Zeitraum. Aber tatsächlich, nur einen Tag später raste der Trainer mit 250 km/h gen Grenze. „HIER RAST RUTTEN WEG VON SCHALKE“. Tja, die Rechnung ging mal wieder auf. „Jetzt“ ein fast echtes „Jetzt“. Schnusi parlierte dann auch brav über die neuen Saisonziele unseres Vereins, keine Schale, Sparkurs, junge hungrige Spieler. Klasse. „SCHALKE SCHREIBT TITEL AUF JAHRE AB“. Was für ein Chaosverein. Aber was ist das denn für eine Scheiße? „HIER TRAINIERT RUTTEN WIEDER“. Ja, wie jetzt? Als ob nichts wäre. Was für eine Chaosredaktion. Glücklicherweise heult Fred, die "Mega-NULPE", der zum Training erschienenen Journalie vor, daß sein Engagement am Berger Feld über die Saison hinaus nicht mehr gefragt ist. Also nicht entlassen. Jedenfalls nicht "Jetzt". Richtig so, der Kerl soll für die Knete (geschätze 1,2 Millionen Euro) schuften und sich nicht daheim in Enschede die Eier kraulen bis der PSV ihn ruft. Viel schlimmer kanns ja nicht mehr werden. Platz 15 oder 6, wen juckt das schon? Intertoto Cup Teilnehmer der Herzen kann Schalke nicht mehr werden. Was die Zeitungsredaktion an der Rudi-Dutschke-Straße in Berlin folgendermaßen interpretiert. „RUTTEN BESTÄTIGT SCHALKE-AUS: DAS WAR'S!“ und die Vereinsführung daraufhin zu einer sofortigen Beurlaubung Ruttens veranlaßt zwingt. Fast wie damals beim Rolf. „19.42 UHR: RUTTEN AUF SCHALKE GEFEUERT“. Ja endlich ist „Jetzt“ „Jetzt“, nur drei Tage Verzögerung. Nicht schlecht für diese Zeitung. Zwischenzeitlich durfte aber Ottmar dem Olli einen Rat geben. Nicht dem Olli Reck, dem Olli Kahn, dessen Verhandlungen um den Mangagerposten auf Schalke mit Clemens Tönnies schon längst als das erkannt wurden, was sie wahrscheinlich waren. Ein Ablenkungsmanöver, eine PR Aktion. „HITZFELD RÄT KAHN ZUM SCHALKE-JOB – DA MUSS ER ZUPACKEN“. Ja, er wäre sogar „PRÄDESTINIERT FÜR DIESEN JOB“. Tja, und was muß ich da gerade lesen? „KAHN SAGT SCHALKE AB!“. Wahrscheinlich, da sich der Aufsichtsrat mittlerweile endgültig gegen ihn entschieden hat und er sein Gesicht wahren möchte. Nach all dem Tam Tam verständich. Oh Gott, was für eine Katastrophe. Nicht für Schalke, nicht für Kahn. Für die Zeitung, die immer zuerst mit der Frikadelle spricht. Denn eines ist nach dieser Woche wieder einmal klar. Kann sein, daß Tönnies und Schnusi, also Schalke, momentan keinen Plan haben. Das weiß man aber nicht, man kann es nur vermuten. Nur eines ist sicher. Die Zeitung, die immer zuerst mit der Frikadelle spricht, hat erst recht keinen Plan. Wetten?

Glück Auf!

Arbeit für den Rekoder - 28. März - 3. April

Samstag, 28. März

20:15 Uhr Tiger & Dragon (Pro7)
Ich glaube nicht, daß es einen Film von Ang Lee gibt, der es nicht wert wäre gesehen zu werden. Ang Lee ist ein Poet und sein Tiger & Dragon ist Kinomagie pur. Vergeßt die Heros und Flying Daggers...

20:15 Uhr Flucht ins 23. Jahrhundert (Tele5)
Auch wenn man den Staub beiseite wischen muß, ich mag ihn nicht nur wegen Peter Ustinov immer noch sehr gern, nicht nur aufgrund seiner thematischen Parallelen zu THX 1138, seinem leicht naiven Touches und der typischen 70s Sci-Fi Atmosphäre, nicht nur wegen Jenny Agutter. Ich mag ihn weil alles zusammengerechnet ein sehr kurzweiliger, lange nicht perfekter, Abenteuerfilm dabei herausgekommen ist.

22:10 Uhr Coma (ARD)
Michael Crichton verfilmt mal nicht einen seiner eigenen Stoffe, aber Robin Cooks pessimistischer Medizinthriller um Organfarmen könnte gut aus seiner Feder stammen. Natürlich nicht perfekt und alles andere als unkonventionell. Bei dem Stoff muß das nichts böses bedeuten, was es auch längst nicht ist.

22:20 Uhr Im Land der Raketenwürmer (RTLII)
Ja huuuiii, wirklich außerordentlich netter und mit einem sympathischen Humor bedachter Monsterflick ganz im Sinne des 50s B-Movie Cinemas. Lohnt in jedem Fall.

23:35 Uhr Switchback – Gnadenlose Flucht (ZDF)
Ist mal wirklich so ein leicht unterschätzter Action Thriller mit sehr guter Besetzung. Danny Glover kann auch ohne Mel Gibson und Jared Leto Fans schalten eh ein.

00:00 Uhr Schrei in der Stille (WDR)
Habe ich tatsächlich noch nicht gesehen, oder besser gesagt, ich habe immer wieder vergessen, daß ich den eigentlich sehen wollte. Man liest halt viel über tolle Landschaftsaufnahmen und daß Ridley zuviele Lynch Filme gesehen haben soll. Werde ich in jedem Fall mal programmieren.

00:20 Uhr Warlock – Satans Sohn (K1)
Hmm...O.K., ist jetzt wirklich durchschnittliche 80s Videothekenware vom alles anderen als überdurchschnittlichen Steve Miner, der sich letztes Jahr anmaßte Day of the Dead neuverfilmen zu können. Dazu auch noch gekürzt. Aber hey, ich sehe Julian Sands halt ganz gerne.

00:35 Uhr Halloween III (Tele5)
War sicherlich keine gute Idee von Carpenter und Debra Hill die Gewohnheiten der Zuschauer zu unterschätzten und den Film unter diesen Namen in die Kinos zu bringen. Der hat nämlich mit Michael Meyers ungefähr nur soviel zu tun, daß er an Halloween spielt. Ich halte den Film für weit besser als die allgemeine Kritik, die wohl in erster Linie darauf zurückzuführen ist, daß Film nichts mit Michael Meyers zu tun hat. Ein Spielwarenhersteller, der Kinder töten will. Warum erkennen die Menschen den innewohnenden Gag einfach nicht? Der Film hat übrigens einen töften Score.

01:40 Uhr Der Hauch des Todes (BR)
Unnütz zu erwähnen, daß wir es hier mit den besten James Bond und besten Bond überhaupt zu tun haben.

Sonntag, 29. März

20:15 Uhr King Kong (Arte)
Ja, wie ich letztens schon erwähnte. Neuverfilmungen haben es grundsätzlich schwerer. Das hier ist so eine, alles andere als perfekt oder super, aber Jeff Bridges, Jessica Lang und natürlich King Kong hauen es raus. Ich mag den Film jedenfalls. Anschließend besucht Arte mit Jörg Buttgereit ein paar Monsterkonstrukteure in Hollywood. Das halte ich doch für einen gelungenen Filmabend.

23:55 Uhr Below (Pro7)
U-Boot Gruselhorror von David Twohy – ja genau, Pitch Black, The Arrival – an dessen Script auch Arronofsky mitgewirkt hat. Geht im Ganzen in Ordnung und Olivia Williams ist herrlich spröde. Das gefällt.

00:00 Uhr Caché – Versteckt (ARD)
Soll ein anschaubarer Haneke sein. Ich wäre da vorsichtig.

00:10 Uhr Der Wüstenplanet (3Sat)
Jetzt werden die Frank Herbert Jünger wieder vor Wut platzen. Ja, der hat kaum noch was mit den Romanen des großen Sci-Fi Autoren zu tun. Für sich allein genommen, und vor allem in der hier dankenswerter ausgestrahlten Kinoversion, ist Dune aber immer noch ein verdammt schicker und epischer Film. Da können die leicht verstaubten Special Effekts auch nicht mehr dran rütteln. Ein Dino de Laurentiis Film eben.

Montag, 30. März

Nix

Dienstag, 31. März

20:15 Uhr Eve und der letzte Gentleman (K1)
Natürlich höchst konventionelle ComRom mit Branden Fraser und Alicia Silverstone, aber auch verdammt liebenswert inszeniert. Die heimlichen Stars sind jedoch Christopher Walken und Sissy Spacek, die nicht aus ihrem Bunker herauskommen möchten.

22:00 Uhr A Dirty Shame (Tele5)
Ja, John Waters wird alt und dies hier ist garantiert nicht sein bester Film – Pink Flamingos aber auch nicht. Aber hey...Es ist ein John Waters Film.

22:15 Uhr New World Disorder (DAS4.)
Wenn es einen Schauspieler in Hollywood gibt, dessen Fähigkeiten kaum aus seiner Filmographie herauszulesen sind. Oder anders gesagt, der aus unerfindlichen Gründen immer B-Star geblieben ist, obwohl er eindeutig mehr auf der Pfanne hat als in Gurken wie dieser hier mitzuspielen. Dann ist es Rutger Hauer. Was ist da eigentlich schief gelaufen?

00:20 Uhr Infernal Affairs (ZDF)
Dieses sowohl inszenatorisch als auch dramaturgische, leicht pathetische, aber vor allem zutiefst menschliche Meisterwerk läuft als Ergänzung zu Scorseses leider plakativem, dafür endlich oscarprämiertem Remake für die Popcorn Fraktion, das einen Tag vorher im Montagskino zu einer annehmbaren Zeit versendet wird. Soviel zur ZDF Film Redaktion. Meine ausführlichere Meinung zu Infernal Affairs findet sich in der Sidebar.

00:35 Uhr Rififi (ARD)
Natürlich, Cineasten brauchen keinen Schlaf. Da ist die ARD auch nicht besser. Film noir Klassiker der besonderen Güte. Wer glaubt sich beim Heist Movie auszukennen, Rififi aber nicht kennt, der kennt gar nichts.

Mittwoch, 1. April

22:40 Uhr Anatomie (K1)
Da sag noch mal einer, Genrefilm und Deutschland würden sich ausschließen. Das ist doch hier ein netter kleiner Reißer, der sich vor den meisten B-Werken aus Übersee auch nicht zu verstecken braucht. Geht wirklich in Ordnung, trotz der Potente.

22:50 Uhr Annies Männer (RBB)
Susan Sarandon kümmert sich liebevoll gleich um eine ganze Baseballmannschaft. Kenne ich leider nicht, hört sich aber nicht nur aufgrund Kevin Costners Hauptrolle interessant an. Dürfte aufgenommen werden.

Donnerstag, 2. April

20:15 Uhr T(r)icks (Sat.1)
Jetzt nicht sofort zusammenzucken weil: Nicolas Cage in einem Ridley Scott Film. Ich weiß, beide Namen haben nicht nur in letzter Zeit desöfteren für zu Berge stehende Haare gesorgt. Der geht hier aber so ziemlich in Ordnung, hat einen netten Plottwist zu bieten, sieht gut aus, teilweise sogar sehr schick und es menschelt auch im richtigem Maße. Nicht dufte, aber alles andere als schlecht.

20:15 Uhr The Scorpion King (VOX)
Na klar, Mumien Spin Off der dumpfbackigen Sorte. Dialoge zum wegwerfen und schrecklich naiv. Was soll's, mit der richtigen Portion Humor gesehen einfach kurzweilig, nicht zuletzt wegen Dwayne Johnsons Dackelblick. In den 80ern wäre das der Hit gewesen.

23:15 Uhr Long Way Home – Sommer in New York (WDR)
Kenne ich nicht, hört sich aber nach einem zweiten Kids an. Bei Handkamera, Authentisch und Gefühl fürs Milliue bin ich grundsätzlich skeptisch. Könnte dennoch gut sein.

Freitag, 3. April

20:15 Uhr Der Schakal (RTLII)
Remake des außerordentlich guten Fred Zinnemann Klassikers. Natürlich ganz nett für das 90th Kino herrgerichtet und mit Bruce Willis und Richard Gere prominent besetzt. Ich lese gerade die beiden wollten nach dem Film nie wieder zusammen arbeiten. Ich halte zu Bruce Willis.

22:35 Uhr Exorzist: Der Anfang (RTLII)
Ich weiß bis heute nicht welche der beiden Versionen ich gesehen habe. Eine davon soll besser sein, die ich gesehen habe war nicht gerade der Bringer, aber jetzt auch nicht sooo schlecht. Ich würde sagen, in jedem Fall kein guter Film.

00:40 Uhr Panic – Der Tod hat Tradition (ZDF)
Kenne ich auch nicht, scheint mir jedoch schon allein wegen William Macy als depressiver Auftragskiller sehr sehenswert. Ich liebe William Macy. Und die Kritiken sind auch alles andere als negativ.

Nicht vergessen, am Samstag wird die Uhr um 02:00 Uhr um eine Stunde vorgestellt und unbedingt auch bei den Kollegen vorbeischauen.
From Beyond, Blockbuster Entertainment, The Duke, Kino, TV & Co und immer wieder ab samstags.

Aus der Hüfte geschossen >> Die härtesten Cops aller Zeiten

5. Harry Callahan (Dirty Harry)
4. John McClane (Die Hard)
3. Maria Cobretti (City Cobra)
2. Max Rockatansky (Mad Max)
1. Alex Murphy/Robocop (Robocop)

Der Ehrenpreis für besondere Verdienste außerhalb der Kinosäle geht an Sledge Hammer ("Sledge Hammer!").

Natürlich nur meine ganz eigene Top 5 der härtesten Film-Cops. In den Kommentaren darf ihr gerne widersprochen werden.* Nur Platz 1 ist unumstößlich.

*Es geht hier um die Cops, nicht um die Filme.

RocknRolla

Die Unterweltgröße Lenny Cole glaubt das große Geschäft an Land gezogen zu haben, für den russischen Milliardär Uri Olmovich soll er die nötigen Baugenehmigungen für das geplante Megaprojekt besorgen. Im Organisieren von Genehmigungen ist Lenny eine Granate, kein Problem solange die richtige Menge an Kohle an die richtigen Leute transferiert werden kann. Damit es gar nicht erst zu eventuellen Problemen kommt, leiht ihm Omovich auch gleich sein geliebtes Glücksgemälde. Und schon verläßt Omovich selbst das Glück. Omovichs Buchhalterin beauftragt die Kleinkriminellen One Two und Mumbles die 7 Millionen Euro Bestechungsgeld während des Transportes von der Bank zu Omovich zu stehlen. Die beiden gehen auf den Deal ein, benötigen sie doch selbst ein wenig Kleingeld, da sie bei Lenny Cole ganz tief in der Kreide stehen. Und dann wird auch noch Omovichs Glücksgemälde aus Lenny Coles Büro gestohlen, die Spuren führen zu Coles für Tod geglaubten Stiefsohn Johnny Quaid.

Snatch ist Geschichte, Pulp Fiction sowieso. Spätestens seitdem Jonathan Glazer 2002 mit Sexy Beast dem spaßigen Gangster Flick mit all seinen schrägen Vögeln und lustigen Toden ein bitterböses und stark unterschätztes Requiem gönnte herrscht im Genre ein ernsterer Ton. Das hat Guy Ritchie aber anscheinend nicht wirklich erkannt, der größte Tarantino Fanboy des britischen Kinos. Nach zwei Mega-Flops in Folge versucht er mit RocknRolla wieder an vergangene und erfolgreichere Tage anzuknüpfen, ortet die Figuren seines neuen Coups erneut in der Unterwelt Londons. Der einzige Unterschied zu seinen beiden Überraschungshits in den 90ern ist dann auch lediglich die Größe der Fische. Läßt er nicht kleine gegen große Fische, sondern den großen Fisch gegen den Blauwal antreten. So jedenfalls der Anschein, doch wir wissen - am Ende kann es nur den RocknRolla geben. Das wäre gar nicht so tragisch, hecheln wir doch alle wieder nach ein wenig mehr Komödie im Gangsterfilm, doch die RocknRolla innewohnende Stagnation, die er nur begrenzt mit seinem ernsteren Ton und der zurückhaltenderen Form vertuschen kann, führt dann doch zu einer einzigen Enttäuschung. Da tauscht er Statham und Graham einfach gegen Butler und Elba aus, versucht den Clou seines Revolvers mit den Typen aus Snatch zu erzählen. Sicher, das sieht teilweise gut aus, erweckt den Eindruck einer dynamischen und charmanten Reflektion seines eigenen Schaffens. Aber die heutzutage nur noch albern wirkende Zitatwut der 90er Jahre Postmoderne verrät ihn als jemanden, der immer noch in der Vergangenheit lebt. Da ist kaum Originelles zu entdecken und schon gar nichts Neues. Der Russe ist jetzt kein durchgeknallter Waffenhändler mehr, sondern der superreiche distinguiert durchgeknallte Oligarch, der ausgebuffte Barnacle Boxer im heruntergekommenen Trailer ist nun der ausgefuchste Junkie im Altbau. Ritchie wiederholt sich zum wiederholten mal, das ist wenig, sehr wenig. Natürlich kann der Film trotz allem unterhalten, doch fehlt ihm das gewisse Etwas, das einem über den alten Wein in noch nicht einmal neuen Schläuchen gänzlich hinwegsehen läßt. Die Figuren der Geschichte fallen wie gewohnt oberflächlich aus, sind nicht mehr als reine Karikaturen ihrer Klischees, was in diesem Genre nicht unbedingt einen Makel bedeutet, doch fehlt weitestgehend das verbindende Element des skurrilen Situationsswitzes, des Unvorhergesehenen in ihrem Handeln, das ihnen doch ein wenig Leben einhauchen könnte. Erschreckend teilnahmslos verfolgt man dann auch One Two und seine Kollegen während der erschreckend offensichtlichen RocknRolla-Werdung, zumal Ritchie die eine oder andere Länge bis dahin auch nicht umschiffen kann und seinen Film um gute 20 Minuten zu lang werden läßt. Wie daneben Ritchie oftmals nicht nur mit dem Cast liegt, Butler fehlt es einfach an der nötigen Kleinkriminellenglaubwürdigkeit und Thandie Newton kann sich auch diesmal nicht über das schicke Beiwerk hinaus irgendetwas anderes erspielen, kann selbst am lieblos zusammengestellten Soundtrack erahnt werden. Wenn der angebliche RocknRolla beim Posen mit dem alten Clash Hit Bankrobber, der alles nur kein RocknRoll ist, in Szene gesetzt wird, dann geschieht das nur aufgrund des so gerade noch passenden Textes des Songs. Und klar, The Clash ist bei iTunes auch irgendwie unter Rock zu finden. RocknRolla selbst paßt dann auch irgendwie so gerade noch...

6/10 Punkte

Fast Forward >> Doublefeature

Psycho (1998)
O.K., so ein Remake birgt immer die Gefahr von denen in der Luft zerrissen zu werden, die das Original kennen und schätzen. Eigentlich kenne auch ich höchstens eine Handvoll Neuverfilmungen, die besser als ihr großes Vorbild sind. Wenn überhaupt. Wenn dann aber ein Regisseur, offensichtlich vom Oscargewinn seines letzten Filmes verblendet, zum großen Schwanzvergleich mit dem vielleicht bis heute wichtigsten Regisseur Hollywoods bittet, dazu das Original Drehbuch des wohl meist zitierten Films der Filmgeschichte samt Kameraeinstellungen 1:1 übernimmt, jegliche Neuinterpretation auf eine Masturbationsszene, Farbfilm und ansonsten unwichtige Details reduziert. Dann kann er damit nur auf die Fresse fallen. Aber so richtig. Ich frage mich jetzt gerade noch während ich diese Zeilen schreibe, und wahrscheinlich noch lange darüber hinaus, was dieser Film hier soll. Was soll dieser Film? Was habe ich dabei übersehen? Es liegt nicht am Cast, nicht am Beleuchter, nicht am Editor, nicht am Kameramann. Es liegt noch nicht mal an van Sants grundsätzlichem Können. Es liegt einzig und allein an der Idee, die da hinter steckt. Was war überhaupt die Idee, die da hinter steckt? Wollte van Sant beweisen wie gut Hitchcock wirklich war? Danke, das wußte man auch schon vor diesem unglaublich überflüssigen Film, dazu muß man nur einen Hitchcock Film sehen. Ich komme einfach nicht dahinter...

3,5/10 Punkte

Jason X
Willkommen im digitalen Zeitalter, Herr Voorhees. Die acht Jahre Drehpause haben Ihnen ja gar nicht mal so geschadet wie man annehmen könnte. Überhaupt, und dann gleich vierhundertundfünzig Jahre und ein paar Zerquetschte später auf der Nostromo samt debilen Marinechor und knackiger nicht weniger dämlicher Teenagerbesatzung wieder aus dem Cryoschlaf erweckt zu werden. Das tat ihnen doch gut. Kein bisschen von ihrem schwarzen Humor verloren, und dann auch noch die Möglichkeit die coolsten Morde ihrer eigenen Filmgeschichte nachzustellen. Hut ab, oder wie sagt man in Slasherkreisen, Kopf ab? Das schönste an der Geschichte, sie nehmen sich nicht allzu ernst. Quatsch, sie lachen sich ja die ganze Zeit selbst über den Schwachsinn mit System kaputt . Von Lara Croft ins Nirvana geschickt und von kleinen Ameisen wieder zusammengesetzt. Besser, stärker als jemals zuvor. Das ist nur konsequente Parodie der ganzen fantastischen B-Moviewelten. Herrlich, hat Rodriguez nicht annähernd so locker flockig augenzwinkernd hinbekommen. Natürlich, knappes Budget usw., völlig zweitrangig. Herr Voorhees, Sie haben mich gut bei Laune gehalten. Hätten Sie doch nur nicht bei Bay unterschrieben.

6,5/10 Punkte

Warten auf den Abpfiff

Einmal Dritter, einmal Fünfter und natürlich der sensationelle UEFA Cup Sieg. Das waren Schalkes größte Erfolge in den 90ern Jahren. Und wir waren alles in allem sehr glücklich damit. In den letzten 8 Jahren konnte Schalke mit einem ungleich höheren finanziellen Aufwand gleich drei Vizemeisterschaften für sich verbuchen. Die schlechtesten Saisonplatzierungen gab es unter Heynckes und Neubarth, und die waren immer noch besser als der Tabellenstand den Schalke wohl diese Saison nach dem letztem Spiel für sich beanspruchen kann. Machen wir uns nichts vor, der neue UEFA Cup mit dem schicken Titel Europa League, der auch Europe Liga hätte heißen können, wird ohne den FC Schalke stattfinden. Es macht keinen Sinn über das gestrige Spiel gegen den HSV zu lamentieren, es hat sich nicht wesentlich von den anderen Spielen dieser Saison und auch schon von einer ganzen Menge Spiele vor dieser Saison unterschieden. Wenn dies nicht so wäre, wäre diese Saison nicht Fred Rutten Trainer, sondern immer noch sein Vorgänger. Der von der Allgemeinheit verifizierte Grund allen Übels ist schon längst entfernt, nach Wochen des öffentlichen Drucks und ganz bestimmter Teile der Presselandschaft, die für sich beanspruchen Volkes Stimme zu vertreten. Aber auch diese Entlassung hat nur die Gemüter derjenigen für kurze Zeit beruhigen können, die Mißerfolge an genau einer Person festzumachen versuchen. Andreas Müller hat Fehler gemacht, das steht außer Frage und eine Weiterbeschäftigung über diese Saison hinaus wäre genauso unverständlich gewesen wie die in meinen Augen unverständliche Weiterbeschäftigung Mirko Slomkas nach der verspielten Meisterschaft. Sicherlich, einen Vizemeistertrainer entläßt man nicht so einfach, aber was die Fachwelt von Mirko Slomka hält kann man an seinem derzeitigen Arbeitgeber ablesen. Man kann jedoch an Mirko Slomkas Arbeit auf Schalke ablesen was mit diesem Kader, der sich nicht wesentlich seit seiner Beurlaubung verändert hat, trotz Rumpelfußball und fehlender Kreativität möglich ist. Vor einigen Wochen legte ich in einem Schalkeblog die Überlegung nahe, einmal darüber nachzudenken, ob es nicht möglich wäre, daß es für einige Teile der Mannschaft ganz und gar nicht von Vorteil wäre, wenn sich Schalke wieder für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert und damit höhere Einnahmen garantiert wären. Ich denke da zu allererst an Spieler, deren Leistung schon lange nicht mehr ausreicht, um international bestehen zu können und dennoch einen guten Vertrag auf Schalke haben, und ich denke da an Spieler, die schon längst von einem Kontrakt bei einem anderem Verein träumen. Die finanzielle Klammheit Schalkes kommt beiden Spielertypen recht. Die einen können sich darauf verlassen weiterhin für gutes Geld zumindest auf der Bank Platz nehmen zu können, die anderen können auf ein früheres Schwächeln der Vereinsführung auch bei nicht so guten Angeboten hoffen. Für diese Theorie, die meines Erachtens noch nicht einmal eine Böswilligkeit der betreffenden Spieler einfordert, sondern nur das mögliche Unterbewußtsein einiger Schalker Leistungsträger und Nichtleistungsträger einschließt, wurde ich natürlich belächelt. Wenn man aber bedenkt, daß mittlerweile selbst der Trainer dem Ende der Saison entgegen lächelt - das wohl auch seinen Abschied von Schalke bedeutet, sollte der neue Schalke Manager, dessen Name schon diese Woche verkündet werden soll, das Arbeitsverhältnis nicht schon vorzeitig beenden-, dann sehe ich meine Theorie nicht nur als Theorie, sondern als große Wahrscheinlichkeit. Man sollte sich das jetzt nicht so vorstellen, daß die Spieler mit dem Gedanken „Heute müssen wir aber verlieren“ auflaufen, aber diese Haltung läßt dann einen Zweikampf schon mal egaler, einen Fehlpaß Fehlpaß sein, was sich bei einer Mannschaft, die die letzten zwei Jahre eh schon nur mit Ach und Krach funktionierte, leicht zu einem Desaster kumuliert. Als Gegenbeispiel kann man tatsächlich Schalkes Mannschaft der Saison 96/97 sehen, die vielleicht nicht aus 11 Freunden bestand, aber ihr gemeinsames Ziel, den größtmöglichen sportlichen Erfolg, schon mit dem geschlossenen Auftreten während ihrer Rebellion gegen Jörg Berger zum Ausdruck brachte. Wer glaubt Hub Stevens hätte einen Löwentanteil an dem Schalker Sieg in Mailand, der ist ein naiver Tor. Hub Stevens hatte nur das Glück von Assauer als Bergers Nachfolger bestimmt worden zu sein. Der Kader 96/97 war der Prototyp einer echten Mannschaft, das hat man im Parkstadion bis unters Dach der damals schon baufälligen Haupttribüne gefühlt, auch wenn es fußballerisch an manchen Stellen haperte. So ein Idealzustand mannschaftlicher Geschlossenheit ist natürlich eine absolute Seltenheit, man sollte nicht darauf hoffen, daß es etwas gleichwertiges in den nächsten Jahren auf Schalke wieder geben wird. Ich hoffe nur, daß es irgendwann wieder etwas ähnlich gutes auf Schalke geben wird, dann wäre mir der Platz in der Tabelle auch ein ganzes Stückchen egaler.

Glück Auf

Fast Forward >> Ichi the Killer

Von einem Meisterwerk wird schnell geschrieben, sobald ein Regisseur den Pfad der üblichen Konventionen verläßt, auf den ersten Blick nicht sofort durchschaubares, in jedem Fall aber offensichtlich gesellschaftskritisches auf der Leinwand hinterläßt, vielleicht noch grenzüberschreitende Provokation implementiert und das alles in eine gewisse filmische Ästhetik gießt. Takashi Miike ist ganz vorn dabei wenn es um Ästhektik geht, der Fließband Filmer mit seinen TV Wurzeln und oftmals verstörenden Blick auf gesellschaftlich ausgeübte psychologische Gewalt. Ichi The Killer ist sein wohl kontroversester Film, gerade aufgrund des hohen Gewaltgrades, mit dem er versucht die von Homogenität und Hierachidenken geprägte gesellschaftliche Struktur Japans anhand eines sadomasochistischen Yakuza-Streifens ihre tief innewohnende Unmenschlichkeit vorzuführen. Das Yakuza Sujet scheint ihm aufgrund der ausgeprägten hierarchischen Gliederung eine perfekte Plattform für seine Intention. Daß er gleichzeitig mit Ichi the Killer eine Dekonstruktion dieses Yakuza Mythos und auch dem des kalten Auftragskillers vorantreibt, ist dabei nur ein gern gesehenes Nebenprodukt. Von Anfang an konzentriert sich Miike auf die Darstellung der Demütigung, der Hilflosigkeit mit der man ihr gegenübersteht, weniger mit der Genugtuung der Täter. Steigert die Gewaltausbrüche im Laufe des Filmes auf ein immer mehr überspitztes Format bis sie letztendlich für den Zuschauer nicht nur als hinnehmbar, sondern auch als spaßige Unterhaltung gelten werden. Um dies zu erreichen, verläßt Miike zu keiner Zeit die Distanz zu seinen Figuren, vergrößert sie noch mit fortschreitender Handlung. Was jedoch von der Mehrzahl der Analysen über Zusammenhänge gesellschaftlicher Gewalt- und Machtstrukturen als Ergebnis akzeptiert wird, wird von Miike noch einmal aufgebrochen indem er Opfern und Tätern eine sadomasochistische Haltung zufügt, die die Aufrechterhaltung eben jener auf Gewalt basierenden Strukturen erklären soll. Doch läuft sein Film nicht wirklich rund, wirkt vieles der Realität enthoben, zu kryptisch auf den Zuschauer, der zwar sicherlich in seinem Sitz zusammenzuckt, dem es der Ekel eiskalt über den Rücken laufen läßt, wenn Kakihara das Gesicht seines Opfers mit spitzen Nadeln spickt. Wenn Miike den fragwürdigsten Rape and Revenge Film mit Leichtigkeit an visueller und emotionaler Brisanz in den Schatten stellt und als Kontrast zu den Ausbrüchen perverser Gewaltphantasien natürlich die langsame Gangart seiner Inszenierung stellt, die gewollt auf Suspension und Tension im eigentlichen Sinn verzichtet. Das ist kein unbekanntes Mittel der Regie. 1975 verarbeitete Pasolini seine persönliche Abscheu gegen Italiens faschistische Gesellschaft mit Salo ebenso anhand des Sadomasochismus, bediente sich dabei der literarischen Vorlage des Marquis des Sades. Pasolini wurde noch vor der Uraufführung seines Filmes ermordet, und bis heute hält sich das Gerücht, daß es sich um einen Auftragsmord rechter Kreise Italiens handelte. Takashi Miike braucht sich vor niemanden zu fürchten, abseits der visuellen Gewaltdarstellung kann Ichi the Killer keine außerordentliche psychologische Tiefenwirkung attestiert werden. Dafür ist Ichi the Killer einfach zu dahingeschludert, zu unausgegoren, was auch Miikes grundsätzliche formale Qualität nur in Teilen verschleiern kann.

4,5/10 Punkte

Arbeit für den Rekoder - 21. - 27. März

Samstag, 21. März

20:15 Uhr The Time Machine (RTLII)
Was Familienangehörige so alles verbrechen können. Die wirklich gruselig dumpfbackige Neuverfilmung des großartigen Romans von H.G. Wells durch seinen Urenkel Simon. Selten habe ich mir im Kino so sehr Rod Taylor und Morlocks in grünen (oder waren die lila?) Gummianzügen herbei gewünscht, auch wenn die Verfilmung von 1960 sicherlich auch nicht den Kern ihrer Vorlage traf. Der hier bewegt sich jedoch höchstens auf TV Niveau, durch und durch.

22:00 Uhr The Ring (PRO7)
J-Horror fürs amerikanische Kinopublikum aufgearbeitet. Macht ja natürlich keinen Sinn, die Effekte sind aber o.k.

23:45 Uhr Conan – Der Barbar (ZDF)
Der Film, der gemeinhin als Schwarzeneggers Karrierestart betrachtet und von meiner Fernsehzeitung als Trashtipp bzw. als ulkiger Edeltrash mit Muscle-Arnie angekündigt wird, ist in Wirklichkeit nichts anderes als schönste unbekümmerte Verfilmung der Conan Comics, die wiederum auf den 30er Jahre Low Fantasy Edel Pulp Kurzgeschichten Robert E. Howards basieren. Gewalt, Sex, Rache. Pflichttermin.

Sonntag, 22. März

20:15 Uhr Fluch der Karibik (PRO7)
Das Problem eines jeden von Jerry Bruckheimer produzierten Film ist die fehlende Aufmerksamkeit für die Geschichten und deren Figuren, von denen sie erzählen. So wird auch hier ein an sich feines, viel Potenzial in sich tragendes Piratenabenteuer möglichst laut dahin krakelt. Der einzige, der genügend Luft hat, um gegen den Krawall anzukämpfen, ist Johnny Depp. Doch der wird irgendwann selbst Teil des Getöses.

23:40 Uhr Battle Royale II (DAS4.)
Wer hier glaubt es würde genauso augenzwinkernd mit doppelten Boden gemetzelt wie im ersten Teil, wird seiner Entäuschung nach der Sichtung wohl kaum Ausdruck verleihen können. Nicht nur extrem langweilig, vorhersehbar und dümmlich, sondern auch noch extrem überflüssig. Sowieso um 15 Minuten geschnitten.

00:20 Uhr Raum 4070 (HR)
Psychisch Erkrankte erzählen ihre Leidensgeschichten... Aufklärung scheint mir nach diesem Vorfall einfach mal absolut angebracht.

Montag, 23. März

20:15 Uhr U-571 – Mission im Atlantik (K1)
Ja, ja, der geht schon in Ordnung. Matthew McConnaughey, Bill Paxton und Harvey Keitel jagen Nazideutschlands größten Schatz. Die Enigma (selber googlen). Ist aber schon zu lange her um genaueres zu schreiben, was mich wiederum zu dem Schluß kommen läßt, daß er mich zumindest nicht beeindruckt haben kann.

22:15 Uhr White Noise – Schrei aus dem Jenseits (ZDF)
Ich schreie im Diesseits. Nee, jetzt mal ganz ehrlich. Was ist das nur für eine grottenschlechte Woche? Scheint als hätten die Sender den DVD Grabbeltisch im Supermarkt um die Ecke abgegrast. Der Film ist erst langweilig und wird dann langweilig und schlecht. Der Plot ist so dünn, wenn ich auch nur ein Wort zur Handlung erzähle, laufe ich Gefahr extrem zu spoilern. Nur so viel, Archtikt hört nach dem Tod seiner Frau Stimmen im Radio. Dann forscht er ein wenig herum und entdeckt böse Geister. Ich glaube am Ende sterben auch noch ein paar Menschen. Aus.

Und wenn ich das hier schon lese... 00:00 Uhr Die Boxerin (ZDF), da weiß ich doch sofort was die Uhr geschlagen hat. Übelster aus deutschen Filmfördertöpfen zusammengeschraubter Million Dollar Baby Replikant. WTF? Noch nicht einmal einen Wikipedia Eintrag wert, soviel dazu. Aber wenigstens der HR hat Mitleid und sendet um 01:20 Uhr Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Der ist wirklich mal witzig auf herausfordernder Weise. Ich glaube den könnte ich auch mal wieder anschauen, so ein Bunuel tut immer mal zwischendurch ganz gut. Gucken!

Dienstag, 24. März

20:15 Uhr Outland – Planet der Verdammten (TELE5)
O.K., ich glaube der kommt mittlerweile regelmäßiger als Amy Winehouse schon wieder mit Crackpfeife erwischt Meldungen, aber die kleine Sci-Fi High Noon Hommage ist wirklich immer wieder gut anzuschauen. Wer sie noch nicht kennt darf getrost einschalten.

23:00 Uhr Der weite Ritt (3SAT)
Regiedebüt Peter Fondas. Schöner Neowestern mit gutem Score und der damals noch herrlichen Kamera Vilmos Zsigmonds, der unter anderem auch für die Bilder des Deerhunter verantwortlich ist. Leider hat Zsigmond in den meisten Fällen mit den falschen Regisseuren zusammegearbeitet, deren schlechte bis mäßige Filme dann aber wenigstens gut aussahen.

Mittwoch, 25. März

20:15 Uhr Gangs of New York (K1)
Scorcese versucht die Genesis des modernen Amerika nachzuzeichnen, verstrickt sich jedoch allzusehr in der Opulenz seiner Bilder ohne auf eine stringente Geschichte zu achten. Den Versuch muß man ihm anrechnen. Wie man es richtig macht zeigte Paul Thomas Anderson vor etwas länger als einem Jahr mit There will be Blood.

23:40 Uhr Rock Star (BR)
Marky Mark versucht sich als 80th Heavy Metal Wannabe. Hat durchaus wohlwollende Kritiken einheimsen können, Trailer und vor allem der darin zu sehende Wahlberg sehen lustig aus. Wird auf alle Fälle einmal vorgemerkt.

Donnerstag, 26. März

20:15 Uhr Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (VOX)
Die Liga der außergewöhnlich schlechten Alan Moore Verfilmungen führt dieser Film ganz klar und locker mit mindestens 4 Punkten Vorsprung vor dem letzten Spieltag an. Ach, das wird diese Woche nichts mehr...

22:15 Uhr Cliffhanger – Nur die Starken überleben (VOX)
Schlechter Geschmack als Mutprobe. Hierfür reicht mein Humor einfach nicht mehr aus.

03:00 Uhr Ich glaub, ich steh im Wald (RTLII)
Wurde von mir schon immer stoisch mit Ich glaub, mich knutscht ein Elch verwechselt. Ja, deutsche Filmtitel waren noch die das Gelbe vom Ei. Alles weitere erzählt Euch Flo Lieb, ich merke ihn mir vor.

Freitag, 27. März
Nee, mir ist die Lust am TV-Programm vergangen. O.K., gleich sind wir durch...

20:15 Uhr Dragonheart (VOX) Ja, tatsächlich ein Drachenfantasyfilm, aber noch lange kein Hit. Geht so gerade noch in Ordnung, da nicht ganz unwitzig und mit Dennies Quaid ganz passable besetzt. 20:15 Uhr Enemy Mine (DAS4.) Wolfgang Petersen ist klar ein Guter. Sein Friedens Sci-Fi im Low Cost Format gerät zwar ein wenig sentimental, aber nur die Botschaft zählt. 22:15 Uhr Road House (RTLII) Haha, was haben wir im Kino gelacht. Unser guter alter Patrick Swayze, damaliger nicht nur kleine Mädels in ihren Träumen reihenweise Flachleger Nr. 1, macht plötzlich einen auf harten Kneipen Türsteher in einem unfaßbar langweiligen und dämlichen Film. Wer denkt sich so einen Quark eigentlich aus? 22:20 Uhr The Crow – Die Rache der Krähe (DAS4.) Ich fand den ersten Teil schon mager und allenfalls für suizidgefährdete Robert Smith Verehrer/innen geeignet. Der hier macht nochmal alles um eine ganze Ecke schlimmer. Grausam. 00:10 Uhr Beowulf (PRO7) Ui, ganz abgefahrener Obertrash mit Obertrashgranate Christopher Lambert in der Hauptrolle. Naja, für einen Low Cost Actioner nicht ganz so übel, aber auch irgendwie Symbol für eine der schlechtesten Fernsehwochen seitdem ich hier TV-Tipps raushaue. Sorry für das ganze Gemeckere, aber diesmal ging es absolut nicht anders.

Mal schauen was die anderen so empfehlen :
From Beyond, Blockbuster Entertainment, The Duke, Kino, TV & Co und (ich glaub ja nicht mehr dran) immer wieder ab samstags

Schlechte Fälschung vs. Incredible Original

Schlechte Fälschung (abspielen auf eigene Gefahr)


Tobias Regner - 16 Purple Rain - MyVideo

Incredible Original



Das finde ich so traurig an den aktuellen Musiksendungen von DSDS über die Chartshow bis hin zu Hit Giganten. Nur noch Konserve und billig reproduziert, wenn ich schon an diese komischen Humbatruppen der beiden Sendungen von RTL oder SAT.1 denke wird mir nur noch übel. Da habe ich für den Moment überhaupt keine Lust mehr auf Musik. Keine Originale mehr weit und breit. Früher gab es vor den Eingängen der Kaufhäuser immer Grabbeltische mit billigen Musikkassetten auf denen unbekannte Sänger und Gruppen die aktuellen und alte Charthits nachsangen. Diesen Mist haben nur unwissende Omis gekauft, die ihren Enkelkindern im Teenager Alter eine günstige Freude bereiten wollten. Sowas hätte keiner von uns auch nur mit der Kneifzange angerührt, geschweige denn in die Stereoanlage geworfen. Mit so einem frechen Plagiat hätte man niemals die nächste Kellerfete reißen können. Heute verkauft sich so ein Schrott mit dem entsprechenden DSDS Label zum Vollpreis. Die ganzen Sampler von Bravo Hits bis Bernies Knorke Mallorca Party, zu deren Musik man höchstens noch ein Musikvideo auf Viva oder den Sat.1 Hitclip Teaser im Gedächtnis aufrufen kann, deren Künstler nur noch in den Spalten der Klatschzeitungen oder halt in Fragmenten im Web existieren. Die dann bei jedem Liveauftritt eine dermaßen schlechte Figur abgeben, weil sie halt erst nach der ersten Goldenen Platte Bühnenerfahrung sammeln können, weil sie selbst überhaupt keine Beziehung zu der Musik haben, die sie gerade vortragen. Die selbst zu doof sind sich den Text der einen Strophe Nationalhymne zu merken, die überhaupt noch gesungen wird. Die anscheinend so merkbefreit sind, daß sie noch nicht einmal registrieren was sie da eigentlich gerade für einen Mist von sich geben. Die haben es eigentlich nicht anders verdient als das man ihre Musik als Handyklingelton verramscht. Das sind die Künstler und die Musik, die noch im Hauptprogramm des deutschen Fernsehen zu sehen sind. Die Musikindustrie freut sich über den kurzfristigen Gewinn und wundert sich gleichzeitig darüber, daß immer mehr junge Menschen den Wert der Musik nicht mehr erfassen können. Das immer weniger Geld für Musik ausgegeben wird, die heulen lieber rum und drohen noch dabei ihrer letzten Kundschaft. Verklagen arme Rentner, über deren Internetzugang unwissentlich der eigene Schrott illegal downgeloadet wird. Es ist einfach nicht zu fassen mit welch einer Impertinenz da Musik auf Deibel komm raus der ureigenen Magie beraubt wird. Ich will auf keinen Fall glauben, daß früher alles besser war - ich finde den Rest von Prince z.B. nur schwer anhörbar -, aber ein Popmusiker, der sich als Künstler sieht und dies auch noch so eindringlich mit einem Live Auftritt nicht nur zur Schau stellt, der mit so einem Auftritt seiner Kunst eine Wertigkeit verleiht, sie zu einem einmaligen Ereignis werden läßt, der ist selten geworden. Zumindest in der deutschen Fernsehlandschaft, die es sich anscheinend schon lange nicht mehr leisten kann oder will echten Stars eine Bühne zu sein.

Persona non grata

Ich saß damals im Büro und telefonierte gerade einige Kollegen zwecks Mittagspausenplanung ab – Döner, Currywurst oder Köttbullar, soweit ich mich nicht erinnere, sondern vermute – als plötzlich die Tür aufging und sich der schlimmste aller unserer Schwarz-Gelben im Türrahmen mit einem breitem Grinsem aufbaute. Mein Chef. „Weißte bescheidt, ne? ...Ihr habt die Heulsuse geholt.“ Ich kann heute noch kaum in Worte fassen welch eine Welt für mich zusammenbrach nachdem mir kicker, sport1 und eurosport bestätigten, daß es sich nicht um einen üblen Scherz handelte. Als ob, um einmal das im Fußball übermäßig benutzte Bild des Gehörnten zu benutzen, die eigene Frau mit dem allergrößten Spacken der Stadt ins Bett hüpft und man erfährt es nicht von seinem guten Freund, sondern von dem anderen allergrößten Spacken der Stadt. Ich wollte es nicht wahr haben, vermutete eine Ente, einen fiesen Gag des unterbezahlten Auszubildenden bei der dpa oder wo auch immer. Ich war wirklich den Tränen nahe. Andy Möller, der Schwalbenkönig, die Heulsuse, der für alles Schlechte beim Erzfeind stand, die Personifizierung allen Übels außerhalb der Schalker Fußballwelt. O.K., hinter verschlossenen Türen hatte ich mal angemerkt wie gut doch die Heulsuse eine Saison zuvor noch gespielt habe. Doch öffentlich zugegeben hätte ich das nie. Ich kann mich noch erinnern wie er im Derby (ja, das berühmte) in Dortmund einmal Jens Lehmann einen unhaltbaren Freistoß einschenkte. Wie wir daraufhin Lehmann als Fliegenfänger beschimpften, als dämliches Arschloch (wo, wenn nicht in einem Fußballstadion darf man das eigentlich?), wie sich die Schalker Spielerfrauen, die zufällig zwei Reihen vor uns saßen, erstaunt nach uns umsahen und Lehmanns Damalige ganz traurig wie ein begossener Pudel drein blickte. Der Möller war halt in unseren Augen ein Stümper, ein Blödmann, dem man nichts anderes als ein „Heulsusen-Möller“ entgegen schmettern konnte, dem man einen Fersensporn wünschte. Ich weiß noch ganz genau wie ich die ersten Heimspiele der neuen Saison boykottierte, obwohl Schalke sofort im ersten Spiel gegen Köln super aufspielte, nicht zuletzt wegen der Heulsuse. Die Saison endete mit der erfolgreichsten Tabellenplatzierung seit 24 Jahren und Andy Möller hatte einen großen Anteil daran. Andy Möller war rehabilitiert, nicht nur in meinen Augen. Die angebliche Diva entpuppte sich als guter Fußballer, der das Schalker Trikot mit Anstand durch die Stadien der Bundesliga trug. Andy Möller hatte sich nicht plötzlich, sondern mit viel Aufwand und beständig in das Herz des Schalkers gespielt.

Heute morgen verkündete mein Radio, daß Clemens Tönnies mit Oliver Kahn über die auf Schalke vakante Position des Fußballmanagers verhandelt. Ich bin ganz still...

Glück Auf!

[edit] Mein liebster Schalkeblogger (das meine ich so wie ich es schreibe) hat sich die Mühe gemacht und den Bild.de Verhandlungs-Liveticker, zwar nicht bis zum Schluß, aber für die Ewigkeit festgehalten. Ich wische mir gerade die Tränen aus den Augen. Wie lächerlich kann sich ein Boulevardmedium eigentlich wirklich machen?

Grundsätzlich subjektiv

Ich habe in den vergangenen Wochen immer wieder darüber nachgedacht die Punktwertung am Ende eines jeden Filmreviews wegzulassen. Eigentlich sollte das Review selbst alles über den Film aussagen. Zumindest das besondere an ihm herausstellen, das ihn sehenswert oder nicht sehenswert macht. Dennoch habe ich mich dazu entschlossen die Punktwertung nicht fallen zu lassen. Sie gefällt mir nicht, das muß ich nochmal ausdrücklich unterstreichen, aber sie ist ein Appetizer für all diejenigen, die sich noch unschlüssig darüber sind ein Review zu lesen oder nicht. Ich ertappe mich selbst dabei wie ich immer wieder ein Review doch durchlese, nur weil die auf den ersten Blick zu erkennende Meinung des Autoren nicht mit meiner Meinung konform geht. Das sind für mich die interessantesten Reviews. Umgekehrt funktioniert das aber auch bei mir, bei Filmen die mir besonders am Herz liegen. Ich möchte dann wissen ob der Autor den Film aus gleichen oder anderen Gründen genauso sieht wie ich selbst. Naja, lange Rede kurzer Sinn. Damit meine Bewertungen in Zukunft besser einzuschätzen sind - für mich bedeuten 5/10 Punkten eben nicht, daß es sich um einen durchschnittlichen Film handelt – eine klitzekleine Übersicht über meine Bewertungsphilosophie. 8 bis 10 Punkte → Waaaooohhh. Toller Film, der mich bis zur letzten Minute bestens unterhalten hat. Die kleinen Macken können den Gesamteindruck nicht trüben, wer hier die Vorstellung mit heruntergezogenen Mundwinkeln verläßt, hat entweder gerade einen Schlaganfall erlitten oder noch ganz andere Probleme. 6 bis 7 Punkte → Business as usual. Der Film kann durchaus unterhalten, doch nehmen inhaltliche oder formale Abstriche mehr als nur Konturen an. Immerhin, man braucht sicherlich keine zwei Anläufe, um den Film bis zum Abspann zu schauen. 5 Punkte → Ja, es ist ein Film, doch nehmen die Macken überhand. Wenn sich so gar keine Alternative auftreiben läßt, dürfen Genrefans oder Neugierige immer noch einen Versuch wagen. Die Schmerzgrenze kommt jedoch schon bedrohlich nahe. Unter 5 Punkte → Nur mit allen Wassern Gewaschene sollten einen Blick riskieren. Die Schmerzgrenze wird überschritten, von Unterhaltung kann nicht mehr die Rede sein, höchstens im unfreiwilligen Bereich. Nur Masochisten haben hier ihren Spaß. Manchmal bin ich selbst einer, das gebe gerne zu.

[edit] Ich halte mich mit meinem System im groben an die Standards deutscher Universitäten. Zum Vergleich hier die Richtlinie der Uni Osnabrück Fachbereich Biologie ->

Jahr 2022...die überleben wollen aka Soylent Green

Die Apokalypse kam nicht mit einem Schlag, kein Atomkrieg, keine Naturkatastrophe ist im Jahr 2022 für die aussichtslose Situation in Richard Fleischers Dystopie verantwortlich. Der Mensch hat halt einfach so weiter gemacht wie bisher. Der Treibhauseffekt läßt Manhattan noch in der Nacht tropische Temperaturen erleben, der Smog hat sich in den Straßen festgebissen. Eigentlich selbstverständliche Dinge wie fließendes Wasser, frisches Gemüse oder gar ein Glas Erdbeermarmelade sind für den Großteil der mit 40 Millionen Menschen überbevölkerten Stadt unerreichbar und schon gar nicht bezahlbar. Nur wenigen ist das Privileg einer Wohnung vergönnt, die anderen schlafen halt einfach in den Treppenhäusern, die von bewaffneten Personal gesichert werden. Auf dem Markt gibt es statt Kartoffeln und Schweinekoteletts lediglich bunte synthetisch hergestellte Kekse, die besten, die grünen des einzig verbliebenen Lebensmittelkonzerns Soylent, nur dienstags, und dann auch nur rationiert. Eventuelle Aufstände bei ausbleibender Versorgung werden von der Polizei mit Bulldozern planiert. Polizist Thorn lebt zusammen mit Sol, dem Alten, der noch die schöne Welt mit eigenen Augen gesehen hat, in einer kleinen miefigen Wohnung. Aber so schlecht ist sie für Thorn gar nicht, auch wenn Sol da anderer Meinung ist. Sol gehört zum Inventar der Wohnung, doch über die Zeit hat sich zwischen den Beiden eine tiefe Freundschaft entwickelt. Sol recherchiert gerne für Thorn in den Archiven der Stadt, so kann Thorn seiner Arbeit auf der Straße besser nachkommen. Als Thorn zu einem Mord im Appartement-Komplex der Superreichen gerufen wird, wird ihm schnell klar, daß es sich nicht um den vermuteten Raubmord handelt, sondern um eine Hinrichtung. Sols Recherche nach war das Mordopfer Simonson ehemaliges Aufsichtsratsmitglied des Soylent Konzerns, aus dem er jedoch kurz vor seinem Mord zurücktrat. Entgegen dem Rat seines Vorgesetzten ermittelt Thorn weiter und kommt dabei hinter das schreckliche Geheimnis Soylents Greens. Sol läßt sich in der Suizidklinik einschläfern.

Es ist schon ein komischer Film, dieser Soylent Green, dem ausnahmsweise mal mit Jahr 2022... die überleben wollen ein sehr treffender deutscher Titel vergönnt wurde. Richard Fleischer hängt über die gesamte Spieldauer seines Zukunftsthrillers zwischen New und Old Hollywood. New sind natürlich die Themen des Filmes. Umweltverschmutzung, Klimakatastrophe, Überbevölkerung und die Macht skrupelloser Wirtschaftskonzerne mit all ihren sozialen Auswirkungen. Der Mensch ist als solcher nichts wert in Fleischers Jahr 2022, er wird nach seinem Tod nicht beerdigt, sondern mit dem Müllwagen entsorgt. Allein dieses Detail macht die Geschichte schon zu einer der pessimistischsten Zukunftsvision der Filmgeschichte, die sich im Kern der gleichen Ängste vor dem Identitätsverlust in einer industrialisierten und technokratischen Gesellschaft bedient wie z.B. George Lucas THX 1138 oder Francois Truffauts Fahrenheit 451, die sich sicherlich komplett anderer Szenarien und Methoden bedienen, in denen der Mensch jedoch gleichfalls austauschbar, von den Mächtigen belogen, manipuliert und auf die reine Funktion als Wirtschaftsfaktor reduziert dargestellt wird. Fleischer gelingt es aber, im Gegensatz zu den gerade genannten, eine absolut nachvollziehbare Welt zu erschaffen, indem er sich konsequent auf die sozialen Veränderungen einer solchen Zukunft konzentriert, technische Spielereien hinten anstellt und sich stattdessen voll und ganz der Detektivstory widmet, die in kleinen und großen Details die Gefahren einer möglichen Zukunft transportiert, die auch damals schon längst ihre realistischen Bezüge in der dritten Welt und der Historie findet. Fleischer versetzt die Schere zwischen Arm und Reich, den Hunger, die ausgeprägte Korruption, die nur mit Waffengewalt verhinderte Anarchie ins New York - das wie keine andere Metropole der Welt das Zentrum des zivilisatorischen Fortschritts darstellt - einer näheren Zukunft. Fleischers Konsequenzen einer immer mehr die Erde ausbeutenden industrialisierten Gesellschaft sind weniger ideologischer Natur als der ganz offensichtliche Zusammenbruch der Wohlstandwelt, deren ehemalige Vorzüge nur noch den Mächtigen und Reichen vorbehalten sind. Greifbare Alpträume für den westlichen Kinobesucher, Realität für die Mehrheit der Menschheit.

Fleischers Film ist ein Appell für mehr Verantwortung gegenüber der Welt in der wir leben, 30 Jahre vor Al Gore vermittelt Soylent Green ohne CGI und wissenschaftlichem Getöse die Auswirkungen eines ungebremsten Kapitalismus, der sich das nimmt, was er kriegen kann. Den Horror einer Welt, die die Menschheit nicht mehr ernähren kann, deren Ressourcen aufgebraucht sind vermittelt er in Nebensätzen. Da wird ein Apfel zum absoluten Luxusbankett und eine warme Dusche zum Ausdruck privilegierter Lebensart. Menschen nehmen einen Job als Wohnungsinventar an, ein Dach über dem Kopf gleicht die Demütigung des für den Mieter frei verfügbaren Sklaven aus. Der Polizist, Hüter des Gesetzes, Symbol für Sicherheit, wird zum Freibeuter wenn er sich ganz ungeniert an dem bedient was der Tatort noch an Annehmlichkeiten bieten kann. Materielles wird mit den Kollegen geteilt, jeder muß sehen wo er bleibt. Eine nihilistische Gesellschaft, die an nichts mehr zu glauben scheint. Die kirchliche Mission ist schon längst überfüllt und selbst der Geistliche stößt an die Grenzen der christlichen Leidensfähigkeit. Daß dieser Film nur inhaltlich ein moderner ist, oftmals durch Beleuchtung und das Schauspiel vor allem seines Hauptdarstellers an das alte Hollywood erinnert, mag da vielleicht nicht mehr so ins Gewicht fallen, verwirrt und verärgert dennoch an mancher Stelle. Der alte Umweltaktivist Heston interpretiert seine Rolle dann doch ein wenig zu heldenhaft, angereichert mit dem Charme eines damals schon längst auslaufenden Kinomodells. Auch wenn er sichtlich bemüht ist seinem bis dahin aufgebauten Klischee zu widersprechen, Heston ist Ben Hur, Heston ist Old Hollywood durch und durch. Das ist keine Schmach, aber zu Fleischers Soylent Green will dieser Typus Heston einfach nicht recht passen. Als ob Arnold Schwarzenegger Theo in Children of Men spielen würde. Man darf hier ganz unverhohlen von einer Fehlbesetzung sprechen, die den Film älter aussehen läßt als er es müßte. Ganz im Gegenteil zu Edward G. Robinson, der schon während der Dreharbeiten stark an seinem Krebsleiden litt und kurz nach der Fertigstellung des Films verstarb. Sein Sol steht für die im Jahr 2022 abhanden gekommene Integrität, die mit dem Nihilismus der neuen Gesellschaft nicht zurecht kommt und letzten Endes freiwillig das Feld räumt. Seine letzte Rolle verleiht Soylent Green das Quäntchen Menschlichkeit, die er benötigt, um nicht ganz und gar in der Hoffnungslosigkeit zu versinken. Soylent Green ist wahrlich weit von einem perfektem Film entfernt, doch hat er etwas ganz eigenes an sich, das ihn immer wieder sehenswert erscheinen läßt.

7,5/10 Punkte

Downloaden, sofort!

Der Songbird ist vor kurzem endlich geschlüpft und sogar schon um ein paar Updates gewachsen. Ich habe die aktuelle Version 1.1.1 jetzt ein paar Tage getestet. Tja, was soll ich schreiben... Ich bin begeistert. O.K., schnell ist er nicht gerade auf meinem Low Cost Rechner, der aber immerhin über 2 GB RAM und einen für tägliche Arbeiten völlig ausreichenden Zweikernprozessor aus dem Hause AMD verfügt. Das kann dann wohl nur an der Größe meiner Musiksammlung (sie wächst immerhin schon seit 10 Jahren) liegen, wie mir die Supportseite verrät. Aber immerhin, der Vogel hat sich nicht wie in früheren Versionen beim Einlesen selbiger aufgehängt, war dabei auch deutlich schneller als iTunes. Dennoch kann die Datenbankperformance nicht mit der des - meiner Meinung nach - immer noch besten Mediaplayers, dem Media Monkey, mithalten, was aber bei kleineren Mp3 Sammlungen nicht so schwer ins Gewicht fallen dürfte. Das besondere am Songbird ist natürlich seine Webanbindung mit integriertem Browser auf Mozillabasis (Firefox). Zusammen mit Mashtape ist man schneller auf Youtube, Flickr und der Google Blog Search als man glauben mag. Toll, aber natürlich nicht mehr als ein netter Gag. Interessanter ist da schon die direkte Einbindung von SeeqPod, Skreemer und der Music Search Engine, da hat man fast schon ein universelles Musikarchiv zur Hand. Was man in der eigenen Musiksammlung nicht findet, liegt garantiert auf irgend einen Server im Netz zum streamen bereit. Fragt mich jetzt nicht nach der Legalität dieser Features. Letzten Endes garantiert das iTunes Totschlagargument für die große LastFM Gemeinde dürfte die Integration eben dieses Dienstes sein. Heftig, was das kleine Stück Opensource Software alles kann. Fast könnte man meinen der Songbird wäre perfekt. Doch irgendwie fehlen da noch ein paar wichtige Eigenschaften, die mich noch von der Deinstallation des Media Monkeys abhalten. Und zwar alle, die etwas mit der schnellen Verwaltung meiner Musiksammlung zu tun haben. Ich wünschte mir auch für den Songbird die Möglichkeit per rechtem Mausklick aus der Playliste heraus Ordner, das komplette Album oder einfach die restlichen Songs des Interpreten anzeigen zu lassen. Aber was nicht ist kann ja noch werden, vielleicht steht das dafür benötigte Addon schon zum Download bereit. Von den ganzen Addons, die es bereits gibt, gefällt mir eines besonders gut. Recommended Playlists erstellt fantastische und ausgewogene Playlisten, einfach einen Song in der aktuellen Playlist markieren und auf den Button rechts neben der Search Box klicken. Ich habe schon oft mit automatisierten Playlisten herumgespielt, aber niemals kamen so gute dabei herum. Schneller kann man keinen Mp3Player zum Joggen etc. befüllen oder eine Mp3 CD für die nächste Autofahrt zusammenstellen. Wirklich große Klasse. Recommended Playlists greift hierfür auf LastFM zu, was die guten Ergebnisse erklären sollte. Alles in allem gefällt Songbird schon jetzt außerordentlich gut. Also sofort downloaden!

König von Deutschland

Es ist aber auch eine vermaledeite Ungerechtigkeit. Da verdienen sich die Spanier, Italiener und vor allem die Engländer eine goldene Nase an den TV-Rechten, nur der deutsche Fan hat irgendwie nicht so die rechte Lust auf Pay-TV. Premiere dümpelt seit Jahren so vor sich hin, und von den öffentlich-rechtlichen gibt’s auch nur 100 Millionen jährlich. Das ist gar nichts, ein Klümpchen. Am besten – ich weiß, es ist nur sein ganz persönlicher Wunschtraum – jeder Fernsehhaushalt zahle monatlich 2,00 Euro on Top für die international darbende Bundesliga und schon bald könnte auch... Lassen wir das. Spinnereien eines anscheinend völlig aus der realen Welt herausgelösten Fußballmanagers, der sich wahrscheinlich auch eine staatliche Badbank wünscht, auf der die ganzen Fehleinkäufe der letzten Jahre Platz nehmen dürfen. Ich fasse es einfach nicht, mit welch einer vermaledeiten Unverblühmtheit ein Fußballmanager in seiner Verzweiflung einem nicht in der nötigen Größe existenten Markt in Deutschland hinter her jammert und dabei nicht eine Sekunde auf die Idee kommt, daß eventuell das Angebot nicht der theoretisch möglichen Nachfrage entspricht. Wie er immer noch das Urteil des Kartellamtes in seiner Bedeutung verfälscht, wie er glaubt sein Produkt wäre für die Gesellschaft überlebenswichtig. Eine halbe Schachtel Zigaretten pro Monat und die Bundesliga wäre praktisch umsonst. Hören wir auf zu rauchen und zu saufen, überweisen wir unser Erspartes direkt an die DFL, oder besser noch an den FC Bayern München. Nein, das hat er nicht verlangt, aber es hörte sich so an. Und überhaupt, für die schlechte Stimmung sind doch wir verantwortlich...

Glück Auf!

Slumdog Millionaire

Ein ordentlicher Bollywood Streifen soll alle neun Rasas der traditionellen indischen Kunst aufnehmen. Ekel, Wut, Liebe, Pathos, Schrecken, Frieden, Komik, Wunder und natürlich das Heldentum. Danny Boyles oscarprämierter Ausflug nach Mumbai enthält sie alle, und ja, er ist nicht nur eine Hommage an das indische Kino, das in den letzten Jahren auch einige Erfolge in der westlichen Hemisphäre feiern durfte, er ist tatsächlich selbst ein Stück dieser filmischen Welt, für die die meisten Zuschauer in amerikanischen oder europäischen Kinosälen höchstens ein eher belustigtes Lächeln übrig haben dürften. Ein wenig angepaßter an den hiesigen Geschmack, natürlich, aber ansonsten geht das insgesamt schon in Ordnung mit dieser breit angelegten Liebesgeschichte um die beiden Brüder Jamal und Salim, die beide das gleiche Mädchen lieben. Erzählt wird ihre Geschichte in Rückblicken während eines Polizeiverhörs. Jamal hat es bis zur letzten Frage im global versendeten TV Quiz Wer wird Millionär geschafft, und nun steht er unter Betrugsverdacht. Jamal und Simal stammen aus den Elendsvierteln der indischen Metropole, keine Schulbildung, ein Leben von der Hand in den Mund, das sie mal hier, mal dort hinpült. Fast eine ganze Stunde widmet Boyle der Kindheit der Beiden, erzählt in wirklich wunderbar farberfüllten Bildern vom Verlust ihrer Mutter, von ihrer Flucht vor dem Kinderbettler Syndikat, das die Waisen skrupellos verstümmelt und ihrem Erfolg als Touristenführer im Taj Mahal. Flott inszeniert mit einer gehörigen Priese postmoderner Schnitttechnik im Gepäck. Da wähnt man sich schnell in einer genialen Mixtur aus Charles Dickens, altem Technicolor und cleanem Trainspotting 2009. Nein, das ist kein Elendstourismus, was Boyle da in der ersten Stunde seiner Geschichte auftischt, das ist einfach bonbonfarbenes Kinomärchen ohne Anspruch auf Realitäten. Dafür darf man Boyle schon dankbar sein in Zeiten des so modernen farbreduzierten und nach Authentizität hechelnden digitalen Cinemas. Der für Boyle so typische Bruch mit dem zuvor Erzähltem vollzieht sich diesmal jedoch nur innerhalb des Genres mit dem er seine Geschichte weiter führt. Das Märchen wird zur vorhersehbaren Lovestory im postmodernen Gangsterfilmgewand. Hat es Boyle bisher immer wieder geschafft innerhalb seiner Filme gleichzeitig auch eine Reflektion ihres eigenen Themas und dessen Träume unterzubringen, – in Shallow Grave zerstören Mißtrauen und Neid das Glück, in The Beach wird der Traum vom Paradies vom Real Live eingeholt und in Sunshine läßt er den naiven Glauben an eine nur von der Logik geleiteten Gesellschaft auf die Unwägbarkeiten der Spiritualität treffen – gelingt ihm dies mit Slumdog Millionaire nur rudimentär zwischen den Zeilen. Doch die Linie des wundersam trivialen Märchenfilms verläßt er zu keiner Zeit. Das führt dazu, daß sein Film in der zweiten Hälfte abseits der formalen Qualitäten mit einer inhaltlichen Beliebigkeit zu kämpfen hat, deren teilweise erschreckend schlechten Dialoge als geringstes Problem erscheinen. Sicherlich - Mumbai, Bollywood, wir sind hier in der Traumfabrik Asiens mit ihren so vorgegebenen Rollen, Handlungsmustern und nach westlichen Maßstäben ausgestelltem Kitsch. Doch darf man Boyle schon nach seiner Motivation jenseits der inszenatorischen Herausforderung fragen. Slumdog Millionaire ist nichts anderes als Bollywood im westlichen Gewand und Danny Boyle führt zufällig Regie, was das Ganze ein wenig erträglicher macht. Inhaltlich kann kein Mehrwert ausgemacht werden. Für zwei Stunden exotisch anzusehende Unterhaltung reicht das vielleicht, ich kann auch Boyles Wunsch nachvollziehen endlich mal wieder einen sehr erfolgreichen Film zu machen. Man darf sich aber schon ein wenig darüber wundern, daß Boyle gerade für diese leere Verpackung soviel Applaus bekommt. Nicht daß ich ihm diesen nicht wünschen würde. Ich wollte gerne mehr schreiben, aber mehr fällt mir zu diesem mit dem ökonomisch wichtigsten Filmpreis gekrönten Werk einfach nicht ein.

7/10 Punkte

Freitag, der 13.

Ich bin nur abergläubisch wenn es Spaß macht, also lasse ich jetzt mal das gestrige Datum außen vor. Jedenfalls hatte ich mich gestern Abend mit einem Kumpel verabredet und wartete am ausgehandelten Treffpunkt vor der Postfiliale in der Dortmunder Innenstadt. Es war noch früh, die Geschäfte hatten noch geöffnet. Während ich so wartete, warf ich einen Blick in mein Portmonai und erkannte ziemlich schnell, daß ein wenig mehr Bargeld nicht die verkehrteste Vorraussetzung für einen gelungenen Abend sei. Und ich stand ja auch noch genau vor dem nach eigenen Aussagen besten Geldinstitut Deutschlands. Leider war das Foyer der Postfiliale, in der die ganzen Geldautomaten stehen, schon geschlossen und nur der Automat außerhalb des Gebäudes direkt am Gehweg zugänglich. Mag ich ja grundsätzlich nicht, an Automaten Geld abzuheben, die einem den Rücken nicht frei halten. Wer weiß wer da gerade zugekokst, oder was weiß ich auf was für einen Trip, in der Rheinoldistraße auf was weiß ich für dumme Gedanken kommt. Nein, ich bin nicht ängstlich, ich habe lediglich Erfahrung. Zähneknirschend die EC Karte in den Automaten, noch mal rechts und links geschaut und dem jungen Familienvater, der mit Anhang lediglich geschätzte zwei Meter neben mir stand und wohl auch Geld abheben möchte, einen um mehr Abstand bittenden Blick zugeworfen. Geheimzahl eingetippt und dann doch nicht die von der Post Bank AG im Automatenmeneu vorgeschlagenen 100 bis 500 Euro abgehoben, sondern nur 50 Euro. Ich hatte ja schließlich noch den einen oder anderen Euro im Portmonai. Karte wieder ins selbe gesteckt und wieder umgedreht, um nach meinen Freund Ausschau zu halten, der schon ein wenig überfällig ist. Ahh, ich Blödmann, das Geld sollte ich auch aus dem Automaten holen. Da war schon der Famileinvater am Automaten und holte gerade seine Karte wieder heraus. Mehr als 10 oder 15 Sekunden konnten nicht vergangen sein, ich hatte noch nicht einmal mein Portmonai wieder in die Tasche gesteckt. Und so sprach ich den Mann sofort an, da ich auch sofort sah, daß meine 50 Euro nicht mehr im Schlitz des Automaten steckten. Ein Moment der Hoffnung, seine Frau schaute verschämt auf den Boden und er griff in sein Portmonai, einen 50 Euro Schein schon zwischen seinen Fingerspitzen. Aber irgendwas muß ihn dann doch davon abgehalten haben das richtige zu tun und mir mein Geld, das er sich in seiner ganz eigenen Vorstellungen von Glück, er hat gesehen wem das Geld im Automaten gehört, schnell eingesteckt hat. „Was für Geld?“, fragt er mich in seinem Anflug von Bauernschläue. Mann, ich hasse solche dämlichen Zeitgenossen. „Mein Geld, das ich gerade am Automaten vergessen habe, und das Sie sich gerade eingesteckt haben.“, ich weiß gar nicht warum ich es auf die Freundliche versuche. Wahrscheinlich da noch ein paar Unbeteiligte in der Gegend rumstehen und ich selbst leider alleine bin. Die Frau wird rot, ich weiß ich bin auf den richtigen Weg. „Da war kein Geld“, die Frau schiebt den Kinderwagen schon mal Richtung Platz von Leeds, ich denke, was ist das denn für eine bescheuerte Kuh und sage zu den Typ, daß die Polizeiwache nur ein paar Meter weiter weg ist, der Automat eh mit der Kamera jeden aufnimmt, der seine Karte hineinsteckt (ich weiß gar nicht ob das wirklich so ist) und drohe ihm mit rechtlichen Konsequenzen. Man glaubt gar nicht wie dämlich man sich selbst dabei vorkommt, erstens wird man gerade von seinem Gegenüber aufs übelste verarscht, man weiß, man kann gerade nichts dagegen machen – jedenfalls nichts, was einen nicht selbst in Schwierigkeiten bringen könnte -, und dann droht man auch noch damit zu petzen. Ach Gott, plötzlich kommt man sich selbst doof vor. „Mach doch.“, sagt er noch zu mir und dackelt seiner Schmalspur Bonnie hinter her. Schalke verliert natürlich am gleichen Abend wie erwartet in Wolfsburg, und ich bin einfach nur froh nicht mehr Geld abgehoben zu haben.

Arbeit für den Rekorder - 14. März - 20. März

Heute aus zeitlichen Gründen im Schnelldurchlauf...

Samstag, 14. März

20:15 Uhr 2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen (TELE5)
Wer A sagt muß auch B sagen. Wirklich gelungene weitaus angepaßtere Fortsetzung zu Kubricks Odyssee. Geht bei mir wegen Roy Scheider und dem Cold War Szenario sowieso durch.

20:15 Uhr The Glass House (PRO7)
Ordentlicher Reißer im fantastisch architektonischen Setting, auch wenn er hinten raus ein wenig übertreibt. Wer keine kleine Heldenjungen mag sollte nicht einschalten.

02:45 Uhr Blob – Schrecken ohne Namen (K1)
Beware of the Blob! It creeps, and leaps, and glides and slides across the floor. Das Original von 1958. Schönstes B-Movie Feeling.

03:25 Uhr Kalifornia (RBB)
Habe ich schon so lange nicht mehr gesehen, aber Duchovny auf Serienmörder Sightseeingtour mit Brad Pitt auf der Rückbank, da kann ja gar nicht so viel schief gehen. Gemein.

Sonntag, 15. März

20:15 Uhr The Day After Tommorow (RTL)
Der Titel sagt eigentlich schon alles über die Kreativität des Filmes aus. Metaebener Höhepunkt: Mexikaner lassen Amis nicht ins Land. Uiuiuiuiuiuiuiuiuiuiui... Ansonsten business as usual since Earthquake, nur mit noch unglaublicheren Effekten. Emmerich halt.

23:30 Uhr Requiem (ARD)
Hans-Christian Schmid kann sich dann halt doch nicht dafür entscheiden dem Vatikan mal ordentlich vor die Hütte zu scheißen und läßt letzte Zweifel bestehen. Ansonsten glänzt hier nur das außerordentlich gute Schauspielerensemble. ->

Montag, 16. März

21:00 Uhr Im Rausch der Tiefe (ARTE)
Jawoll, da freuen wir uns über die Kinofassung im hoffentlich richtigem Bildformat. Arte setzt sogar noch einen drauf und sendet in HD. Luc Besson, Jean Reno, Rosanna Arquette und der große Tiefenrausch. Absolut betörendes Erlebnis. Anschauen!

22:20 Uhr M.A.R.K. 13 – Hardware (DVIER? – ich denke mal die meinen DAS4.)
Kursiert ja gerne als Geheimtipp unter Endzeitfreunden, ist aber wirklich totaler BBC Schrott ohne Sinn und Verstand. Zusammengeklaubt aus allem Möglichen, was in den zehn Jahren davor auch nur im entferntesten Erfolge an der Kinokasse hatte und dennoch stinklangweilig.

23:45 Uhr Blow Up (HR)
Antonionis ungemein akribischer Zeitgeistfilm mit universeller Metaebene. Genau hinschauen hilft hier wahrscheinlich auch nicht jedem.

01:30 Uhr Zabriskie Point (HR)
Ach Gott, ich liebe diesen Film vor allem aufgrund seiner unglaublichen Visualität und des phantastischen Soundtracks. Die Zabriskie Point Session von Pink Floyd läuft gerade während ich diese Zeilen schreibe. Inhaltlich kann man Antonioni schon ein paar Fragen stellen, trotzdem toll.

03:15 Uhr Liebe 1962 (HR)
Ja, man merkt es so langsam, Michelangelo Antonioni Nacht in Hessen. Da kann ich noch die eine oder andere Lücke schließen.

Dienstag, 17. März

Saunatag

Mittwoch, 18. März

20:15 Uhr Magnolia (K1)
Ich weiß, Herr Burchardt haut mir gleich verbal die Axt in den Rücken. Habe ich immer noch nicht gesehen, und dabei ist der Paul Thomas Anderson doch so ein phantastischer Regisseur. Muß ich jetzt mal endlich nachholen.

23:00 Uhr Sexy Beast (SWR)
Spätestens wenn Ben Kingsley alias Don Logan mit Absicht auf den Teppich neben dem Klo pinkelt möchte man ihm höchstpersönlich den Hals umdrehen. Dunkelschwarzhumoriger Abgesang auf die britische Gangsterklamotte mit einem sehr, sehr, sehr gutem Ray Winstone. Saugut.

Donnerstag, 19. März

20:15 Uhr Assassins – Die Killer (VOX)
Stallone, Juliane Moore und Antonio Banderas in einem fast richtig guten Auftragskiller-Thriller (Oh Gott) von Richard Donner. Wer genau hinschaut erkennt den Spagetti-Western.

21:00 Uhr Ich habe keine Angst (ARTE)
Die Hitze des apulischen Sommers fasst er in betörende Cinemascope-Bilder und zeichnet so die weite Landschaft in epischer Breite. Das reicht bei mir ja schon aus, um den Rekorder zu programmieren. Keine Ahnung, hört sich aber gut an, was man über Gabriele Salvatores Mystery Drama zu lesen bekommt.

22:35 Uhr The Frighteners (VOX)
Ich liebe Michael J. Fox (wer tut das nicht?), und Peter Jacksons nette Geisterkomödie ist auch nicht die schlechteste, auch wenn es ihr doch arg an Konzentration mangelt. Anfangs leicht überdreht, aber hinterher wird’s besser.

Freitag, 20. März

20:15 Uhr Jurassic Park III (RTLII)
Da fällt mir gerade auf, daß ich nicht weiß ob ich den jemals gesehen habe. Tja, egal. Saurier, Saurier und noch mehr Saurier...

22:00 Uhr Alone in the Dark (TELE5)
Wird immer gerne als schlechtester Film der Welt gehandelt. Der ist zwar wirklich scheiße, aber so gut, daß er wirklich den schlechtesten Film der Welt drehen könnte, ist der Boll nun beim besten Willen nicht.

22:30 Uhr The Fog – Nebel des Grauens (DAS4.)
Pure Gruselfilmmagie. Auch wenn... Aaaachh, laber nicht Tumulder, der ist einfach geil. POCK - POCK – POCK...

00:20 Uhr Bats – Fliegende Teufel (PRO7)
Überaus dümmlich aber unterhaltsam. Nee, jetzt wirklich, so als Fast Food mit einer gehörigen Portion unfreiwilliger Lacher geht der durchaus durch. Der Titel ist halt Programm.

00:30 Uhr Full Metal Jacket (RTLII)
Ungefähr zehn Jahre zu spät mußte Kubrick doch noch seinen Kommentar zum Vietnamkrieg abgeben, dabei hatte er mit Wege zum Ruhm doch schon alles zum Thema gesagt. Naja, ich möchte jetzt nicht das Herausragende ins Meer der Belanglosigkeit zurück schreiben, aber was Kubrick hier zeigt, war auch damals schon kalter Kaffee. Wer hat noch nicht, wer will nochmal...

Wem das nicht reicht, der schaut auch hier vorbei:
From Beyond, Blockbuster Entertainment, The Duke, Kino, TV & Co und immer wieder ab samstags.

„It's time for some karaoke“



[edit] Doc Savage hat angefangen. Die guten Cover bitte in die Kommentare.

Fast Forward >> Shivers

David Cronenberg ist einer meiner absoluten Lieblingsregisseure. Es gibt nicht viele seiner Zunft, die es wie er verstehen psychischen Horror in physischen Deformationen und Destruktionen darzustellen. Die dabei so provokant, skurril, fast immer auch grotesk vorgehen, ohne in der Exploitation zu enden. Cronenberg ist in diesem Metier ein Meister, seine Filme sind immer auch ein tiefer Blick in die menschliche Seele, spielen mit den unausgesprochenen Ängsten und Verlangen der Menschen. Natürlich ist auch Shivers, Cronenbergs erster als abendfüllend geltender Film, von diesen für ihn so typischen Aspekten erfüllt. Das Zittern erfaßt hier den luxuriösen und weitestgehend autarken Starliner Appartement-Komplex auf einer Insel vor den Toren Montreals. Eigentlich wollte der pensionierte Wissenschaftler Hobbs einen Parasiten entwickeln, der im Einklang mit dem menschlichen Körper lebt und dabei die Aufgaben kranker Organe übernimmt. Doch irgendetwas ist dabei schief gelaufen, der Parasit entwickelt ein unerwünschtes Eigenleben und verwandelt die Versuchperson Annabel Brown offensichtlich zu einem promisken Vamp. Schnell kommen der Hausarzt St. Luc und Hobbs Forschungspartner Linski dahinter, daß der Parasit die sexuellen Gelüste seiner Wirte zur Fortpflanzung seiner selbst forciert. Bevor sie etwas dagegen ausrichten können ist schon die Mehrheit der Mieter des Wohnkomplexes von dem Parasiten befallen. Die, die sich der sexuellen Übergriffe der Nachbarn erwehren, haben genretypisch nur eine geringe Chance auf die Unversehrtheit ihrer Körper. Am Ende stirbt auch Linski, und St. Luc taumelt auf der Flucht vor der großen Orgie durch die anonymen Flure des Gebäudes, bis er sich schließlich auch nicht mehr vor dem Zungenkuß seiner mit dem Parasiten infizierten Freundin im olympianormkonformen Schwimmbecken des Luxusanwesens retten kann. Wer jetzt ein schlüpfriges Sexploitation Ripoff Romeros Nacht der lebenden Toten oder Crazis erwartet, steht aber im falschen Gang der Videothek. Cronenbergs Film ist zwar nicht wesentlich impliziter als die meisten Exploitationer seiner Zeit, auch hier geht es ziemlich blutig, ekelig und alles andere wie in einem Sonntagnachmittagsfilm zu. Doch differenziert sich schon Cronenbergs Art der Inszenierung im wesentlichen durch ihre Nüchternheit von den üblichen Verdächtigen und erzeugt so einen tiefgründigen Horror, der sich schon bald als wunderbare Groteske über die Angst vor einer sexualisierten Gesellschaft herausstellt, deren Plotauflösung er sich bis zum Abspann aufspart. Wer aber schon zuvor genau hinschaut, wird bemerken, daß die zombiesken Sexualtäter ihre Opfer gar nicht töten, daß die tötlichen Verletztungen, die die Opfer erleiden, durch ihren Widerstand selbstverschuldet sind. Der deutsche Titel Parasiten-Mörder wieder einmal reine Spekulation. The Situation is normal, verkündet der Nachrichtensprecher im Autoradio, das Land wird nicht von einer Welle sexueller Übergriffe heimgesucht, die Hysterie erweist sich als unbegründet. Ein Schelm dieser Cronenberg, der mit seinen Filmen den Blick der Menschen auf die Welt verändern möchte.

7/10 Punkte

Persepolis

Das Erwachsen werden ist eines der beliebtesten Filmmotive überhaupt. Kein Wunder, kann sich doch wohl kaum ein Zuschauer nicht mit den Problemen und den Abenteuern dieser Zeit zwischen pubertierenden Teenager und Erwachsenem identifizieren. Dieser Zeit der neu gewonnenen Freiheiten, der Emanzipation von der Familie, diesem Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt, in dem es soviel neues zu entdecken gibt und in der das Wort Verantwortung erstmals im Leben etwas existenzielles annimmt. Der Coming of Age Film ist mittlerweile ein eigenes Genre, dessen Geburtsstunde wohl in den 50ern des letzten Jahrhunderts zu suchen ist. James Dean und Natalie Wood revoltieren in Rebel Without a Cause gegen die gutbürgerliche Welt ihrer Eltern. Von der Revolution erzählen auch Marjane Satrapis Comic Bücher, in denen die in Frankreich lebende iranische Grafikerin von ihrem Erwachsen werden erzählt, dabei jedoch schon früh in ihrer Kindheit ansetzt. Das wirklich besondere an dieser Coming of Age Geschichte ist Satrapis Herangehensweise, die ihre eigene Entwicklung eng mit den politischen Geschehnissen in ihrer Heimat verknüpft. In Zusammenarbeit mit dem französischem Regisseur Vincent Paronnaud verfilmte sie ihren Comic, dessen Titel Persepolis nicht ohne Grund an die antike Stadt erinnert, die bis heute das einst gesellschaftlich und kulturell fortschrittliche Persien symbolisiert.

Marjanes Geschichte beginnt in den Unruhen des Jahres 1978, zur Zeit der Revolution gegen den Schah von Persien, dessen Sturz die Jahrzehnte lange Diktatur im Land beendete und deren folgende freie Wahlen die nächste gesellschaftliche und politische Katastrophe in Form der islamischen Revolution einleiteten. Marjane wächst in einer liberalen Mittelschichtfamilie auf, deren Werte sich aus heutiger Sicht an die unserer westlichen Welt orientieren. Freiheit, Gleichberechtigung und Emanzipation sind das Credo der Satrapis, die immer mehr unter den Restriktionen des neuen theokratischen Regimes zu leiden haben. Vor allem die Frauen der Familie spüren die Auswirkungen am deutlichsten, plötzlich dürfen sie sich nicht mehr ohne Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit bewegen, kontrollieren Sittenwächter und Polizei die Einhaltung der von der Regierung erlassenen und für religiös befundenen Verhaltensregeln. Doch auch der erst kurz zuvor aus dem Exil nach Teheran zurückgekehrte Onkel befindet sich alsbald in politischer Gefangenschaft. Der jahrelange Krieg mit dem Irak verschlimmert die Situation weiter, man verliert Freunde, Bekannte, zerstörte Häuser und Träume. Die Ideologisierung der Gesellschaft schreitet mit großen Schritten voran. In so einer Welt soll Marji, wie sie liebevoll von ihren Eltern genannt wird, nicht aufwachsen, und als die ersten ernsthaften Probleme durch Marjanes Aufbegehren gegen das System entstehen, entschließen sich ihre Eltern dazu sie nach Wien auf die französische Schule zu schicken.

Es dauert keine zwei Minuten und man versteht warum sich Satrapi und Paronnaud dafür entschieden haben Marjis Geschichte als handgezeichneten Animationsfilm zu realisieren. Warum sie sich für den gleichen einfachen Zeichenstil des Comics entschieden haben, der anfangs so kindlich daherkommt und an längst vergangene Kinderserien erinnert. Es ist der Ausdruck künstlerischer Freiheit, der Unangepaßtheit an das System, der auch ein gutes Stück Satrapis rebellischem Geist symbolisiert. Zum anderem ermöglicht er aber auch eine Fülle von visuell künstlerischen Möglichkeiten, die sich in einem Realfilm nur schwerlich hätten realisieren lassen, die doch aber für den Charme und Witz die Geschichte so wichtig sind. Wie schnell künstlerischer Ausdruck in reinem Selbstzweck enden kann, ist nicht erst seit Jeunet oder Chan-wook bekannt. Hier ist er jedoch mit Marjis Geschichte ebenso verknüpft, wie die politischen Umstände ihrer Heimat mit ihrer Identität. Läßt er die Erzählung doch immer wieder den richtigen Ton treffen, die melancholische, opportune wie auch optimistische Geschichte samt ihren Figuren ein eigenständiges, unverwechselbares Leben entwickeln, in dessen Mittelpunkt unumstritten Marjanes Gefühls- und Seelenleben steht. In großen Schritten wird die Geschichte vorangetrieben, mit Nebensächlichkeiten hält sich Satrapi ebenso wenig auf, wie der Zeichenstil mit ablenkenden Details. Längen sind für Persepolis ein Fremdwort, und doch bietet der Film einige sehr intensive Momente, die weniger Tränen evozieren, als den Zuschauer auf den Boden der Ernsthaftigkeit zurückholen. Bei aller humorvollen Herangehensweise, Persepolis ist keine Dramödie, es ist ein Drama, das aus der Geschichte seiner Protagonistin kein Drama macht, wohl aber die Geschichte ihrer Heimat, und damit auch die Geschichte der Menschen in ihrer Heimat als Tragödie darstellt. Es ist gerade diese Vielschichtigkeit des Filmes, die ihn so faszinierend macht. Die Vielschichtigkeit, die vor allem durch Satrapis Erzählkunst erreicht wird. Ein politischer Film, der für Freiheit und Menschlichkeit plädiert, dies an Alltagserfahrungen und ganz normalen Bedürfnissen fest macht und ebenso von großen und kleinen menschlichen Tragödien berichtet. Die Verknüpfung mit Satrapis Coming of Age Geschichte erdet die politische Botschaft letztens Endes und macht sie selbst für den letzten Ignoranten so greifbar. Persepolis ist ein kompletter Film, der trotz seiner für so manchen gewöhnungsbedürftigen Form großes Erzählkino darstellt, trotz seiner politischen Wurzeln nicht eine Sekunde manipulativ oder dogmatisch erscheint, und der sogar den einen oder anderen magischen Moment bereit hält. Sofern man sich auf ihn einläßt, was aber aufgrund seiner mitreißenden, liebenswürdigen Geschichte nicht so schwer fallen sollte.

8,5/10 Punkte