Nur noch ein paar Wochen bis Tarantinos in Cannes nicht unbedingt gelobte Nazijagd endlich in die Kinos kommt. Grund genug noch einmal einen Blick auf seinen letzten Film zu werfen. Jetzt, wo der Hype um das Grindhouse-Dingens längst verebbt zu sein scheint, geht das vielleicht ein wenig leichter von der Hand, kann man sich ganz ohne Rodriguez infantile Zombieklamotte im Hinterkopf ein wenig besser auf Tarantinos spröde und an den Boxoffices alles andere als wohlwollend aufgenommene Hommage einlassen. Es ist nicht so, daß Tarantinos Filme jemals den Erwartungen des Publikums entsprachen. Nach der Gangsterkomödie schockte er die noch junge Fangemeinde mit einem äußerst stilsicheren und fast schon vor Schönheit platzenden Heist-Thriller, in dem Samuel Jackson vielleicht die beste Leistung seines Lebens abliefert und Robert De Niro als Nebendarsteller funktioniert, als ob er niemals etwas anderes als ein Supporting-Act gewesen wäre. Tarantino sei erwachsen geworden interpretierte der Feuilleton 1997, keine albernen Gangsterposen, kein blutverschmiertes Autointerieur. Zum Glück lagen dann zwischen Jackie Brown und Kill Bill sechs Jahre, denn das im ersten Teil überladene Eastern/Western Racheepos, dieser Movie Movie, wie es Tarantino selbst auszudrücken pflegt, glänzt vor allem mit einer kindlichen Sicht auf das Genre. Doch so unterschiedlich Tarantinos Geschichten bis einschließlich Kill Bill auch sind, alle bedienen sich des filmischen Gangstermythos als Grundstein. Death Proof ist Tarantinos erster Versuch außerhalb dieses Kosmos, der ihn bis dahin Stoff für 4 (oder auch 5) Filme lieferte.Gemessen an dem was Death Proof eigentlich sein sollte, scheitert der Film grandios. Er ist garantiert nicht einer dieser schmuddeligen kleinen Billigproduktionen allenfalls talentierter Regisseure, die das Futter für Autokinos und die hinteren Regale der Videotheken lieferten. Höchstens oberflächlich ist da eine Verwandtschaft zu entdecken, all die nachträglich eingebauten Anschluß-, Farb- und sonstigen Fehler können darüber nicht hinwegtäuschen. Das gelingt schon nicht, da er sich grundlegend an den Großen des Genres orientiert, was Death Proof sicherlich auf den ersten Blick noch durch die sehr rudimentäre Storyline und der Sleazemakulatur verheimlichen kann. Unverkennbar die Zweiteilung Cravens erster beider Filme mit ihrer Opfer Täter Umkehrung. Unverkennbar Carpenters Bedrohungsmechanismen, die die Psychos Raubtieren gleich die anvisierte Beute erst lange beobachten lassen, bevor sie dann endlich zuschlagen. Und genau hier befindet sich der Break-even-Point Tarantinos Filmkunst. Er liefert nicht nur ein Konglomerat aus verschiedensten Filmzitaten, so wie z.B. sein Buddy Rodriguez mit seinem ungleich schwächeren Planet Terror, den er in eine ärgerliche Slapstick-Nummer ausarten läßt. Tarantino nutzt filmisches Wissen, um weitaus tiefer in die Materie einzudringen. Destilliert aus all den Zitaten eine Essenz, ordnet und reichert diese neu an bis etwas völlig Eigenes entstanden ist. Das zwar immer noch deutlich an all die Exploitation, die hier Objekt der Beobachtung ist, erinnert, sich jedoch auch von der ersten Minute an immer weiter von ihr zu entfernen scheint. Mit Death Proof, der natürlich auch all jene Elemente aus ausgeklügelten, witzigen, doppelbödigen und referenziellen Dialogen, Kameraeinstellungen, Typen, Seitenhieben, Rohheit und selbstverständlich auch des handgepflückten Sahnesoundtracks bietet, die Tarantino über die Jahre hinaus zu einem ganz unverkennbaren Stil ausgebaut hat, geht er noch einen gewaltigen Schritt weiter. Mit dem fast völligen Auslassen einer in sich geschlossenen Handlung, sieht man einmal davon ab, daß Stuntmen Mike ein Wiederholungstäter ist, lenkt Tarantino den Fokus noch stärker auf diese Essenz des Exploitationkinos, als er es eh schon immer zu zelebrieren wußte. In keinem anderen Tarantinos Filme stehen Moment und Form so sehr im Mittelpunkt wie hier in Death Proof. Die Form und der filmische Moment werden zum einzigen Inhalt. Nicht was passiert oder gesprochen wird, sondern wie es dargestellt und gesprochen wird ist der Inhalt. Darin liegt die Genialität des Regisseurs und seines Filmes. Das geht soweit, das Tarantino auf eine konventionelle Inszenierung der finalen Autojagd besteht. Echte Autos, echte Stunts. Damit erreicht er nicht nur den originären Look und das einzigartige Feeling der Vorbilder, erreicht er nicht nur über die Form eine tiefere Analyse des Beobachteten als es ihm jemals über eine Story gelingen hätte können, damit drückt er auch gleichzeitig seine Liebe, Anerkennung und tiefsten Respekt für und vor diesem Kino und dessen Machern aus.
Tarantino geht nicht einfach hin und erinnert mit den Augen zwinkernd an ein längst vergessenes Kino, er bemüht sich nicht dieses Kino aus der Schmuddelecke zu befreien. Und schon gar nicht stellt sich Tarantino mit Death Proof auf die Bühne der Eitelkeiten, um zu zeigen was für ein toller Hecht er doch ist. Death Proof ist ein einziges Liebesgedicht an das Exploitation-Kino, das nicht die eigenen Vorzüge rauf und runter dekliniert, sondern von der Schönheit des Angebeteten schwärmt. Das ist aber auch der Punkt, an dem den Zuschauer nur zwei Möglichkeiten bleiben. Entweder er gesellt sich zu Tarantino in den Kinosessel und ergötzt sich mit ihm an seiner Liebesduselei, oder er löst gleich ein anderes Ticket. Rücksicht auf die Geschmäcker eines möglichen Publikums scheint Tarantino auch hier nicht zu nehmen, auf die Einschätzungen des Feuilletons sowieso nicht.
8/10 Punkte




















