Battle for Haditha

In der Nacht auf den 10. Januar 2009 wiederholt Phoenix die außerordentlich gute und mit dem Emmy ausgezeichnete Dokumentation Reporter im Krieg des nicht nur durch seine beiden Dokumentantionen über Oscar Schindler und Anne Frank bekanntgewordenen südafrikanischen Regisseurs Jon Blair. In ihr geht es weniger um das Einzelschicksal einiger Kriegsberichterstatter als um das Zusammenspiel zwischen Militärs und Journalisten, um Zensur, falsch verstandenen Patriotismus und die Instrumentalisierung von Informationen seitens der Befehlshabenden zu ihrem eigenen Vorteil. Es geht schlicht um die Manipulation der Wahrheit.

Im November 2005 wurde eine Militärkolonne der amerikanischen Streitkräfte Ziel eines Bombenanschlags in der Aufständigenhochburg Haditha, 240 km nordöstlich Bagdads. Durch die Detonation der Bombe starben laut Militärbericht 1 Marine und 15 Zivilisten. Weitere 8 irakische Angreifer starben daraufhin im anschließenden Feuergefecht. Der Bericht der US Marines ist heute längst widerlegt. Der irakische Journalismusstudent Taher Thabet filmte nur einen Tag später den Ort des Vorfalls und leitete anschließend seine Videoaufnahmen an das Time Magazin weiter. Wie die Aufnahmen und die darauf folgende Untersuchung des US-Militärs bestätigen, starben am 19. November 2005 24 unbewaffnete Iraker, darunter 9 Frauen, 5 Kinder und ein behinderter älterer Mann im Rollstuhl. Die Opfer wurden teilweise aus nächster erschossen oder wurden durch den Einsatz von Handgranaten getötet. Das als Selbstverteidigung deklarierte Feuergefecht mit Aufständigen entpuppte sich als Vergeltungsaktion, als Massaker an irakische Zivilisten. Es gilt heute als das vielleicht schlimmste Kriegsverbrechen amerikanischer Militärs im Irak.

Nick Broomfeld, bisher ebenfalls Dokumentarfilmer, legt seinen Spielfilm über das damalige Kriegsverbrechen semi-dokumentarisch an. Dabei hält er sich vorwiegend an den Bericht des damaligen Untersuchungsausschußes, läßt jedoch die subjektiven Berichte der involvierten amerikanischen Soldaten und überlebenden Iraker gleichermaßen einfließen. Das ermöglicht es ihm die Geschehnisse um das Massaker aus den Perspektiven der Soldaten, Opfer und Attentäter zu schildern. Dadurch ergibt sich ein vielschichtiger Film, der nicht einfach in Schuldige und Unschuldige einteilt, kein Bild des menschenverachtenden Kriegsverbrechers oder religiös fanatischen Attentäters zeichnet. Vielmehr stellt sich die Situation der Beteiligten aus ihrer jeweiligen Sichtweise als unüberschaubar dar. Die Bombenleger, keine wirklichen Extremisten, sondern ein irakischer Ex-Soldat und sein Neffe, die die Amerikaner zwar hassen, doch die Konsequenzen ihres Anschlags, den sie gegen gute Bezahlung im Auftrag der politischen Drahtzieher der El Kaida ausführen, nicht überschauen können. Die Soldaten, die ihren eigentlichen Auftrag in der Höhle des Terrorismus aus den Augen verlieren und sich nur noch auf die Selbsterhaltung konzentrieren. Deren Einschätzung ihres Gegenübers vor allem durch den täglichen Drill, den gefallenen Kameraden und der allgemeinen Gefahr, der sie sich aussetzen sobald sie ihr Camp verlassen, beeinflußt ist. Die sich auf die Befehle des per Funk und Satellitenbildern verbundenen Oberkommandos verlassen, das sich wiederum auf die subjektive Berichterstattung eben der Soldaten vor Ort verläßt und lieber den Tod Unschuldiger in Kauf nimmt, als daß ein weiterer Marine stirbt. Schließlich die Opfer der Vergeltungsaktion, die die Vorbereitungen des Anschlags zwar beobachten, jedoch aus Angst vor der möglichen Bestrafung durch die Extremisten, deren Mitglieder von ihnen bezeichnend als Verrückte gesehen werden, den Amerikanern nicht von der Bombe berichten. Stattdessen wenden sie sich an ihren wahrscheinlich auch an dem Attentat beteiligten Emir und versuchen die Feierlichkeiten zur Beschneidung des jüngsten Sohnes trotz der offensichtlichen Bedrohung so normal wie möglich zu begehen. Immer wieder wechselt Broomfeld, dessen Film durch gekonnt geführte Handkamera und nicht zuletzt aufgrund seines aus wenigen eher unbekannten Schauspielern und Laiendarstellern, die sich aus Exilirakern und ehemaligen Angehörigen des US-Militärs rekrutieren, einen unglaublich authentischen Eindruck hinterläßt, die narrative Perspektive. So läßt er gar nicht erst den Eindruck einer Parteilichkeit entstehen, was dem Zuschauer einen beträchtlichen Freiraum in der Einordung des Geschehens erlaubt. Dieser darf dabei jedoch nie vergessen, daß der Film trotz aller Bemühungen um die realistische Darstellung der Geschehnisse des Kriegsverbrechens vor allem ein Drama ist. Dem es zwar auch um die Wahrheitsfindung um das Kriegsverbrechen geht, jedoch den Fokus eher auf die Beschreibung der Situation der damaligen Täter und Opfer setzt. Das trotz des dokumentarischen Stils äußerst menschlich geraten ist. Dessen Horror zum einem aus der unerträglichen Ungerechtigkeit der eskalierenden Vergeltungsaktion, zum anderen aus der Auswegslosigkeit der zivilen Bevölkerung des Landes und der trainierten Gleichgültigkeit der meist sehr jungen amerikanischen Soldaten gegenüber einem irakischen Menschenleben besteht. In einer Szene zeigt Broomfeld einen amerikanischen Soldaten im Hauptquartier, der am Bildschirm einen Mann mit einer geschulterten Schaufel oder Hacke beobachtet. Das Satellitenbild ist sehr unscharf, ob der Mann eine Bedrohung darstellt oder nicht, ist nicht auszumachen. Sicherheitshalber gibt der Soldat den Befehl zur Eliminierung des Mannes. Eine kurze Szene, die auf erschreckende Weise die Distanz zwischen den Militärs und der Bevölkerung des Landes verdeutlicht, zu dessen Befreiung sie offiziell einmarschiert sind. Der Distanz, die ein solches Massaker wie es in Haditha geschah erst ermöglichte. Daß Battle for Haditha in Deutschland nicht in den Kinos anlief, ist eine andere traurige Wahrheit. Ich halte ihn für einen der wichtigsten und besten Filme nicht nur dieses Jahres.


9/10 Punkten

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