Paura nella città dei morti viventi aka Ein Zombie hing am Glockenseil

Die Seele die die Ewigkeit erstrebt muß sich dem Spiel des Todes unterwerfen. Darum oh Wanderer am Rande der Finsternis komme. Dunwich.

Seltsame Dinge, die sich im kleinen Ort Dunwich abspielen seitdem sich Pater Thomas auf dem örtlichen Friedhof erhängt hat. Da zerspringen Spiegel in der kleinen Bar und Wände reißen auf aus denen ein seltsamer Nebel entweicht. Der nie abklingende Wind wirbelt den Staub der Straßen auf und aus der Ferne erklingt die Geräuschkulisse eines Tropenwaldes. Während einer Séance hat die junge New Yorkerin Mary Woodhouse die Vision Pater Thomas Todes samt sich aus der Erde erhebender Toter. Im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode erschreckt erwacht sie erst Tage später im geschlossenen Sarg, kann jedoch durch Reporter Peter Bell gerettet werden, der ihren vermuteten Tod recherchiert. Die Antworten stehen im Buch Enoch. Dunwich wurde auf den Trümmern der einstigen Hexenstadt Salem erbaut und sollte dort auf dem Friedhof ein Geistlicher Suizid begehen, dann wird sich Schlag 12 Aller Seelen das Tor zur Hölle öffnen. Peter und Mary machen sich auf nach Dunwich, um das Schreckliche zu verhindern, während in dem nur schwer aufzufindenden Ort der Geist Pater Thomas weitere Opfer mit seinem hypnotisierenden Blick Blut weinen und Eingeweide erbrechen läßt, oder ihnen auch weit weniger subtil einfach mit seinen Händen durch die Schädeldecke hindurch das Gehirn zerquetscht.

An die sechzig Filme hat Lucio Fulci bis zu seinem Tode 1996 gedreht, doch keiner sollte in Deutschland so eine Berühmtheit erlangen wie Paura nella città dei morti viventi, dessen Titel übersetzt ungefähr Angst in der Stadt der lebenden Toten bedeutet, der in Deutschland jedoch aus Vermarktungsgründen unter dem Titel Ein Zombie hing am Glockenseil erschien. Eine Szene enthält der Film, die in den achtzigern Jahren Deutschlands Jugendschützer erboste und Aufhänger einer ZDF Dokumentation mit dem Titel Mama, Papi, Zombi wurde, die eine weitere Mediengewaltdebatte auslöste mit dem Ergebnis der Novellierung des Jugendschutzgesetztes und einer Erweiterung des § 131 StGB, der auch dieser Film zum Opfer fiel. Neben den Untoten treibt sich in Dunwich nämlich auch noch Bob herum, nicht der typische Dorftrottel, eher der entrückt wirkende Typ, der sich die Zeit mit Gummipuppen in verlassenen Häusern vertreibt, immer auf der Flucht vor den anderen Bewohnern der Stadt. Warum er so ist wird nicht weiter thematisiert, doch für die ungewöhnlichen Vorkommnisse und den Tod der ersten Opfer wird er schnell von den Männern Dunwichs verantwortlich gemacht. In der Bar erzählt einer der Männer davon diesen Bob mit seiner Tochter vor einem Jahr allein im Wald erwischt zu haben, zum Glück kam er noch rechtzeitig dazu, wer weiß was dieser Bob mit seiner Tochter angestellt hätte. Genau dieser Mann spannt Bob später auf die Drehbank in seiner Garage und jagt ihm in der wohl berühmtesten Szene des Films bei lebendigen Leibe einen ziemlich dicken Bohrer durch den Schädel nachdem er ihn dort zusammen mit seiner Tochter angetroffen hat. Fulci selbst begründete diese Szene angeblich als Visualisierung des Faschismus, der unter den Männern Dunwichs herrsche, die all das Böse und unheimliche auf den unschuldigen und schwachen Bob projizieren. Darüber mag man zwar im ersten Moment lachen, denn die restliche Handlung des Films ist fern eines jeglichen gesellschaftskritischen Subtextes, doch bei genauerer Betrachtung des Handlungsstrangs Bobs wird Fulci dies vielleicht wirklich so gesehen und beabsichtigt haben. Zumal zu jener Zeit kaum einer der bekannten und erfolgreichen Horrorfilme aus den USA einer gesellschaftskritischen Metaebene entbehrte. Hier sei nur an Romero, Craven oder Carpenter erinnert, die das Genre revolutionierten bzw. neu erfanden. Und für den amerikanischen Markt wurde damals in Italien produziert. Das Böse ist schon da, da machen die paar Untoten den Kohl auch nicht mehr fett. Daß dies in einem eher den klassischen Horromotiven entlehnten Film nicht recht funktionieren möchte, ist eine andere Geschichte.

Pater Thomas und die anderen erscheinenden Untoten sind weiter von den Zombies in Romeros Sinne oder auch Fulcis eigenen ein Jahr zuvor in Woodoo gezeigten Exemplaren entfernt als der deutsche Titel glauben machen möchte. Verbrannt sehen sie aus, direkt aus dem Fegefeuer kommend. Augen ohne Lider, mal mit aufgerissenen Mündern, immer schön an das klassische Horrokino erinnernd von unten beleuchtet. Sie stehen einfach nur da, bewegen sich per Sprung oder Jumpcut, erscheinen plötzlich vor dem Fenster und mit ein wenig Glück verschwinden sie auch wieder wenn man die Augen vor ihnen verschließt. Das riecht dann doch schon ein ganzes Stück mehr nach biblisch höllischen Inferno gespickt mit Geisterscheinung als nach außerirdischer Virusinfektion. Paura nella città dei morti viventi kann getrost als wilder Mix verschiedenster Horror- und apokalyptischer Elemente gesehen werden. Angefangen bei dem Eingangs erwähnten Buch Enoch, welches sich nicht nur auf die tatsächlich existierenden aus der Bibel ausgesonderten apokryphen (geheimen) Bücher Henochs bezieht, in denen sich erste Beschreibungen einer Hölle finden lassen, sondern auch genau wie der Ort Dunwich auf H.P. Lovecrafts Kurzgeschichten verweist, die laut Fulci die Quelle seiner Inspiration zum Film waren. Weiter über Edgar Allan Poes Horror des lebendig Begrabenen, bis hin zu den an den Vampirmythos erinnernden Untoten, die aus ihren Särgen auferstehen und am Ende verbrennen werden nachdem Pater Thomas ein klaffendes Loch in den Rumpf getrieben wurde. Da läßt Fulci seine Schauspieler in einem Sturm von (lebendigen) Maden stehen, Blut durch die Zimmerdecke tropfen und die Helden nachts in die herrlich mit unzähligen Skeletten und ordentlich mit Spinnenweben ausstaffierte Familiengruft hinabsteigen.

Auch wenn dem Film die Low-Budget Herkunft jederzeit anzusehen ist - die Beule in Peter Bells Auto, die teilweise als solche zu erkennenden Spezialeffekte oder größtenteils minder talentierte Darsteller sind eindeutige Zeugen der für einen fantastischen Film dürftigen Produktionsbedingungen - detailliert und liebevoll hergerichtet sind seine Sets. Egal ob New Yorker Appartement, Bestattungshalle oder die fantastisch ausgeleuchteten Straßenzüge der Stadt mit ihren weißen Bürgerhäusern. Wenn die Kamera an ihnen in der nebeligen Nacht vorbeifährt, unterlegt von der nie unterbrochenen gespenstischen Geräuschkulisse des heulenden Winds vermischt mit Urwaldklängen, dann sind das die atmosphärischsten Bilder des Filmes und man wünscht sich mehr von ihnen. Neben der schon geschilderten sehr drastischen Bohrerszene und Marys Befreiung aus dem Sarg anfangs des Filmes, in der die Spitzhacke ihren Kopf nur um Zentimeter verfehlt, eindeutig die Szenen, die sich auf immer in die Erinnerung des Zuschauers einnisten werden. Nicht nur hier beweist Fulci einmal mehr sein Talent, seine gute Ausbildung unter Visconti, Bava, Rosselini und Fellini, um nur die bekanntesten zu nennen. Da muß man einfach jenen Kritikern Fulcis widersprechen, die behaupten er wäre lediglich ein dürftig befähigter Auftragsregisseur, der mit diesem Film nur einen Haufen unzusammenhängender möglichst brutaler Szenen ablieferte. Dieser Eindruck entsteht vielleicht durch die drei Handlungsstränge, die Fulci parallel verfolgt und zwischen denen er immer wieder ohne weitere Erklärung hin und her wechselt. Die er jedoch bis auf Bobs Geschichte zum Finale des Films zusammenführt. Für den aufmerksamen Zuschauer sollte dies kein Hindernis sein der Geschichte des Films zu folgen. Diejenigen, die aber generell Probleme damit haben mehreren Handlungsträngen gleichzeitig zu folgen seien gewarnt, auch wenn Fulci hier strikt chronologisch vorgeht. Wer dem italienischem Horrorfilm der 70er und anfänglichen 80er Jahre eh nicht abgeneigt ist, sich gegenüber immer mal wieder hundsmiserablen Schnitten gütig zeigt, unter Zeitdruck entstandenen Anschlußfehlern und anderen typischen Macken einer solchen Low-Cost Produktion gelassen gegenüber steht, den Italien Shot, also die detaillierte Großaufnaufnahme von Augen - die Fulci nicht nur hier gerne auch auf seine Schlachtplatten anwendet - liebt, der darf sich über einen äußerst außergewöhnlichen, morbid atmosphärischen und kreativen Horrorflick freuen. Dessen Score aus Fabio Frizzis Feder ein wenig an John Carpenters Synthiekompositionen, an einem aus der Schmiede der italienischen Goblins erinnert und dann doch auch wieder wundervoll zu einem Spagettiwestern passen würde. Da sollte sich der Interessierte nicht von den zwar durchaus vorhandenen aber weitaus nicht so tragischen Logikfehlern ablenken lassen, die Fulci gerne hin und wieder tolleriert, um noch eine weitere wirkungsvolle Szene einzubauen. Sicherlich, so schrecklich und ekelerregend wie damals auf die Jugendschützer und so manchem Zuschauer wirken diese heutzutage nicht mehr, dennoch wird sich das Herz eines jeden Genrefans an ihnen erfreuen, wenn es sich ersteinmal Fulcis Sichtweise auf das Genre des Horrorfilms geöffnet hat. Alle anderen dürfen gerne zwei oder mehr Punkte abziehen, aber denen dürfte der Film so wie so am Allerwertesten vorbeigehen.

7/10 Punkte

10 Kommentare:

Rajko Burchardt hat gesagt…

Yeah, Baby, yeah!

Grammaton Cleric hat gesagt…

Sehr schön, und hat mir wieder richtig Appetit auf den Film (und eine Fulci-Retrospektive) gemacht, den ich vor einigen Jahren das (erste und) letzte Mal gesehen habe. Für Fulcis besten halte ich aber immer nich THE HOUSE BY THE CEMETERY - selten habe ich solch tollen und atmosphärischen, dabei aber low-budget-bleibenden Horror gesehen! (vielleicht schafft der es ja auch noch auf Deine Liste ;-))

tumulder hat gesagt…

@rajko
*gg*

@cleric
Ich denke Das Haus an der Friedhofsmauer und der meiner Meinung nach stärkere Über dem Jenseits sind sich ja ziemlich ähnlich. Aber vielleicht hänge ich tatsächlich noch ein Review hinten dran. Als nächstes habe ich mich jedoch ersteinmal für den Film mit der unglaublichen Haifischszene entschieden.;)

Grammaton Cleric hat gesagt…

Habe FROM BEYOND noch nicht gesehen, muss ich zu meiner Schande gestehen. Genauso wenig den NEW YORK RIPPER (nächste Börse, ick hör' dir trapsen!) - umso gespannter bin ich also. :-)

Und ja, der Film mit dem Haifisch ist auch ein absoluter Klassiker! Ich sage nur Holzsplitter: "aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!" :D ;-)

P.S.: Heute mittag gesehen, dass ich Dich ja gar nicht in der Blogroll hatte, sorry, schon fixed! :-)

tumulder hat gesagt…

Ach die Blogrollen, ich muß meine auch mal unbedingt erweitern. Habe letztens noch einen netten Artikel gelesen in dem festgestellt wurde, daß die deutsche Bloggerszene generell sehr faul ist wenn es ums Thema verlinken geht.:D

Rajko Burchardt hat gesagt…

ICH NICHT!

tumulder hat gesagt…

Wär auch mal ein Wunder wenn Du mitziehen würdest.*gggggggg*

C.H. hat gesagt…

1. Muss man solche Filme eigentlich gesehen haben, um über Filme per se schreiben zu dürfen? Dann muss ich wohl meinen Blog schließen. ;-)

2. Ich bin dafür, dass Kaiser_Soze deine Filmbesprechungen in diesem Genre (aber nicht nur in diesem) in sein Film-Sucht Projket aufnimmt (Wenns denn mal weiter geht ;-) )

3. Verlinken und kommentieren ist toll. Blogroll aber imho überschätzt. Ist aber natürlich ne nette Sache!

4. Wahr ist: Die deutsche Bloggerszene hat im Vergleich etwa zur amerikanischen noch viel zu lernen.

PS: Deine Kommentar-Wortsbestätigung sucks. Hast du echt solche Probleme?

Rajko Burchardt hat gesagt…

Also ich verlinke viel und Blogroll steht bei mir rechts gleich an erster Stelle, das wollte ich halt sagen.

Die Wortbestätigung finde ich auch nervig btw. ;)

Und: Gesehen haben muss man die Filme nicht... sofern man nicht so ein eingeschränktes Verständnis von Film hat wie zum Beispiel Rudi, der ja das ganze Horrorgenre gleich per se ablehnt, was natürlich total lächerlich ist.

tumulder hat gesagt…

@c.h.
Zu 1. Nein, muß man nicht. Aber das Horrorgenre gehört zu den interessantesten, schon weil es immer neue Grenzen ausloten muß, um weiterhin attraktiv zu bleiben. Von daher würde ich behaupten es gehört zum modernsten, was das Kino zu bieten hat.

@all
Ich mußte vor Weihnachten innerhalb von 2 oder 3 Tagen ungefähr 150 sinnlose Kommentare vom gleichen Typen löschen. Das waren keine Einzeiler oder üblicher Spam, sondern teilweise über mehrere Seiten lange Buchstabenreihen, damit ich auch viel zum Scrollen habe bevor ich den Deletebutton betätigen kann. Ich weiß, daß die Wortbestätigung extrem nervig ist, auch ich hasse sie. Aber ich denke, daß sie immer noch besser ist, als die reine Moderation, die meiner Meinung nach auch eine Diskussion verschleppen kann (aber natürlich nicht muß). Außerdem mag ich keine Zensur und auch ich möchte generell meinen Kommentar sofort unter dem Post lesen können. Sollte es hier in den nächsten Wochen jedoch weiterhin so Spinnerfrei bleiben, wie in den letzten vier Wochen, werde ich auch die Wortbestätigung wieder abschalten. Versprochen.

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