Jeder hat seine eigene Moral - Menschenfeind

Es sind die kleinen dpa Meldungen in den Zeitungen. Wir lesen sie, schütteln mit den Kopf, regen uns über den unbekannten Mann auf, der seine schwangere Frau verprügelt, sich an seiner behinderten Tochter vergeht, erst sie und dann sich umbringt. Was gibt es doch für abgrund böse Menschen. Wie konnte er nur? Was treibt Menschen nur zu solchen Taten? Das ist alles so weit weg, so irreal, man kann es nicht verstehen. Will es auch gar nicht. Wozu auch? Dennoch, es passiert immer wieder, die Zeitungen sind voll von solchen Geschichten.

Der Pferdemetzger hatte es nie leicht in seinem Leben, seinen Vater lernte er nie kennen, die Nazis brachten ihn im KZ um. Seine Mutter verließ ihn im Alter von sechs Jahren, im Heim nimmt ihm eine Erzieherin seine Unschuld, mit vierzehn ist er auf sich allein gestellt. Dennoch, er schafft es irgendwie und mit dreißig besitzt er seine eigene Metzgerei. Er lernt eine Näherin kennen, nach dem erstem Sex ist sie schwanger, nach der Geburt verläßt sie den Metzger und ihre Tochter. Er schlägt sich weiter durchs Leben, seine Tochter, die er über alles liebt, ist Autistin. Als sie in die Pubertät kommt muß er sich zurückhalten, ihre erste Menstruation interpretiert er als Vergewaltigung und sticht im Wahn mit dem Messer auf einen Unschuldigen ein, den er irrtümlich für den Vergewaltiger hält. Er muß daraufhin seine Metzgerei und Eigentumswohnung abgeben und ins Gefängnis. Seine Tochter kommt in ein Heim. Nachdem er seine Strafe abgesessen hat arbeitet er in einer Pariser Kneipe. Die Wirtin hat Geld, er schwängert auch sie, gemeinsam verlassen sie Paris um mit ihrem Ersparten in Lille eine neue Metzgerei zu eröffnen. Bis auf weiteres leben sie erstmal bei ihren Eltern in einer kleinen dreckigen Sozialwohnung.

Das ist die Ausgangssituation zu Noés ersten abendfüllenden Spielfilm, der auf seinen sieben Jahre zuvor gedrehten Kurzfilm Carne aufbaut. Er hat es also immer wieder versucht, der Metzger aus Paris, und er wird es auch jetzt wieder versuchen. Mit dem Geld der "Dicken", wie er seine Frau keinesfalls liebevoll nennt. Er ist ja auch nur des Geldes wegen mit ihr verheiratet, wohnt nur mit ihr bei ihren Eltern in Lille, da ihm die Aussicht wieder eine eigene Metzgerei zu besitzen als eine gute Aussicht erscheint. Was soll's?, bis dahin wird er auch noch die stinkende Bude seiner Schwiegermutter ertragen. Ist ja nicht gerade so, als hätte ihm das Leben bisher mit Glück überhäuft. Aber jetzt packt er es noch einmal an, mit der "Dicken". Wer weiß was das Leben noch zu bieten hat. Jeder hat seine eigene Moral, dies ist die des Metzgers.

Es kommt leider anders, die Dicke erweißt sich als kniepig. Gibt ihm nicht das benötigte Geld für seine Zukunft. Er soll im Supermarkt als Wurstverkäufer hinter der Fleischtheke stehen. Doch der Metzger kann nicht lächeln, er ist ein stolzer Mann, der sich nicht verbiegen will. Keine Chance. Er nimmt schließlich eine Stelle als Nachtwächter im Altenheim an. Ein guter Job, kann er doch so tagsüber schlafen und muß nicht ständig die Dicke und ihre dämliche Alte ertragen. Eines Nachts wird er Zeuge des Sterbens. Er steht der Nachtschwester bei, die den Tod einer alten Frau nur noch erleichtern kann. Kein Arzt weit und breit. Die Erfahrung ist für beide niederschmetternd, sie hält sich an ihm fest, er steht ihr bei, begleitet sie auf dem Heimweg. Den restlichen Tag verbringt er im Pornokino und einer Bar. Über sein Leben sinnierend. Als er am Abend nach Hause kommt wirft ihm die Dicke vor sie mit der Nachtschwester betrogen zu haben. Eine Nachbarin hätte ihn mit ihr gesehen, mit dieser Schlampe, dieser Hure. Die Situation eskaliert, der Metzger schlägt auf seine Frau ein, immer wieder auf den Bauch der Schwangeren. Er schnappt sich die Knarre seiner Schwiegermutter und macht sich mit dreihundert Franc allein auf den Weg zurück nach Paris. Zurück zu seiner Frau kann er nicht mehr, die Alte hat bestimmt schon die Polizei gerufen und die Dicke ihr Kind verloren. Womöglich legt man ihm das als Mord aus und er muß wieder ins Gefängnis. In Paris hat er noch Freunde, die werden ihm helfen. Er fängt ein neues Leben an, packt es jetzt richtig an. Er braucht die Dicke nicht mehr, er schafft es allein. Es kommt alles anders.

Menschenfeind ist ein intensiver Film, ein provokanter Film, ein verstörender Film. Noé zeigt eine kaputte Welt, ein Frankreich der Rezession, der schmutzigen Kaschemmen, der runtergekommenen Absteigen, der gescheiterten Existenzen, der abgrundtief häßlichen Gedanken. Eine einzige übersteigerte Depression im tristen Braun, langen Einstellungen und breitestem Breitbildformat. Ich kann mich nicht erinnern, daß der Film auch nur einmal seinen Zuschauer anlächeln würde. Vielleicht am Ende, doch das ist nur ein zynisches Lächeln. Das Lächeln eines Typen, der einen gerade auf das übelste bloß gestellt hat.

Der Metzger erzählt seine Geschichte selbst aus dem Off. Nein, er erzählt nicht seine Geschichte, er läßt den Zuschauer an seiner Gedankenwelt teilhaben. Und seine Gedanken sind verstörend, abstoßend. Anfangs mit einer gehörigen Portion Zynismus nachvollziehbar. Doch mit der steigenden Ausweglosigkeit, der sich der Metzger ausgeliefert sieht, steigt der Anteil des Hasses in seinen Gedanken. Der Hass auf die Deutschen, die seinen Vater töteten, auf seine Freunde, die ihm nicht helfen können, auf den Chef vom Schlachthof, der ihm keine Arbeit geben will. Auf jeden und alles. Es war ein Fehler, daß er auf die Welt kam. Von seinen letzten elf Franc gönnt er sich noch in der Bar einen Roten. Der Wirt droht ihm mit vorgehaltener Schrotflinte die Kneipe zu verlassen nachdem der Metzger mit dem Sohn des Wirtes aneinander gerät. Jetzt ist Schluß mit Lustig. Der Metzger wird fürchterliche Rache nehmen an denen die ihn demütigen. Drei Kugeln, eine für den Wirt, eine für die Schwuchtel von einem Schlachthofdirektor und eine für sich selbst. Was soll er noch auf der Welt? Was muß geschehen um ihn die vielleicht noch zwanzig Jahre Leben, die er noch vor sich hat als lebenswert erscheinen zu lassen? Doch seine Tochter, er kann sie nicht allein lassen im Heim. Das kann er ihr nicht antun. Was wird mit ihr geschehen wenn sie eines Tages das Heim verlassen muß? Er kann sie nicht der Straße überlassen wo sie eh nur von den üblen Gestalten vergewaltigt werden wird. Der Metzger muß für klare Verhältnisse sorgen bevor er die Welt verläßt. Drei Kugeln hat er noch. Noé warnt den Zuschauer, noch dreißig Sekunden um die Vorstellung des Filmes abzubrechen. Danach garantiert Noé für nichts mehr. Die Gedanken des Metzgers kumulieren in totalem Wahnsinn, zwei Enden präsentiert Noé. Oder ist es doch nur eines? Egal, beide sind unfaßbar in ihrer emotionalen Wirkung.

Menschenfeind ist auf der ersten Ebene eine äußerst subjektiv vorgetragene Tragödie. Einzig und allein aus der Perspektive des Metzgers, manipulativ in ihrer narrativen Wirkung. Unentwegt nimmt der Zuschauer an den Gedanken des Metzgers teil, keine Zeit um sich sein eigenes Bild von der Geschichte zu machen. Keine Chance durchzuatmen. Selbst in den spärlich vorhandenen Szenen in denen der Metzger nicht kommentiert. Die sind lediglich dazu da, das Verhängnis zu unterstreichen, den Zuschauer auf die Seite des Metzgers zu holen. Er ist ein armes Schwein, ganz klar. Kein unschuldiges Schwein, aber eines, das im Kern kein schlechtes ist. O.K., er hat seine schwangere Frau verprügelt, Schwamm drüber. Was hat sie ihm denn vorher angetan? Wie hat sie ihn denn vorher gedemütigt? Ihn sogar als Schwuchtel bezeichnet, da kann die Hand schon einmal ausrutschen. Gebt ihm doch noch eine Chance, einen Job, damit er noch einmal von vorne anfangen kann. Er hat es doch irgendwie verdient, zuviel schlechtes ist ihm widerfahren seit seiner Geburt. Noé gibt ihm diese Chance, gibt ihm ein Happy End, das jedoch nach den Moralvorstellungen der Mehrheit keines sein kann. Nie im Leben. Noé packt die Klimax seines Filmes ganz ans Ende, läßt den Zuschauer allein im Kinosessel zurück. Mit sich und seinen Gedanken. Was ist Moral? Wer bestimmt was moralisch ist? Sind es die Umstände des Lebens, die die eigene Moral bestimmen? Könnte ich meine hohen Erwartungen an meine eigene Moral aufrecht erhalten würde mein Leben anders verlaufen? Menschenfeind gibt keine Antworten, er stellt lediglich die Fragen. Das ist das unbequeme an ihm. Er läßt den Metzger die vom Zuschauer herbeigesehnte Katharsis durchlaufen, aber das Ergebnis ist eine Katastrophe. Scheiß drauf was die anderen sagen, auf die Moral der anderen, des Zuschauers. Der Metzger ist am Ende glücklich, der Zuschauer nicht. Der hadert an der Frage welches Ende das bessere wäre. Es gibt keine Antwort.

9/10 Punkte

2 Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

Noé warnt den Zuschauer, noch dreizig Sekunden um die Vorstellung des Filmes abzubrechen.

Das war SO genial, fantastisch. Der ganze Film ist gut und deine Besprechung hat mir ebenso gefallen. Ich selbst halte Noé für einen ganz Großen, da mir auch Irréversiblé gefallen hat.

tumulder hat gesagt…

Ja, der Noé ist ein ganz ganz guter. Auch wenn er mich mit Irreversible nicht so überzeugen konnte, was aber nicht heißen soll, daß er schlecht ist. Nächstes Jahr kommt ja was neues von ihm, da darf man gespannt sein. Ich bin es zumindest:)

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