Weniger wäre mehr - Leaving Las Vegas

Las Vegas. Ich kann nicht anders. Diese Stadt assoziiere ich mit Gangsterdramen, Glücksspiel, Touristenfallen, Siegfried & Roy, Staub, Wüste, Elvis Presley, Nacktbars, kostenlosen Drinks, All You can Eat und einer Redundanz an Leuchtreklame. Ich sehe diese japanische Touristenfamilie, die dem Spiegel TV Reporter ins Mikrofon versichert das Venedig in Las Vegas sei besser als das echte Venedig in Europa weil es nicht so stinken würde und deutsche Studenten in einem Plattenbau, der sich Hofbräuhaus nennt bei Weißwurst, Brezeln und einem Maß Weißbier. Aber ein Liebesdrama, das kommt mir nicht in den Sinn. Leaving Las Vegas ist dann auch kein Liebesdrama, eher ein Film über die Angst vor dem Allein sein.

Ben Sanderson ist starker Alkoholiker, Säufer, der vielleicht mal angefangen hat sein Selbstmitleid über seine gescheiterte Ehe im Suff zu ertränken. Doch dieses Stadium hat er schon lange hinter sich gelassen, er braucht den Alkohol mittlerweile um über den Tag zu kommen, um die morgendlichen Entzugserscheinungen in den Griff zu kriegen, die ihm noch nicht einmal die Unterschrift auf dem Barscheck erlauben. Da bleibt die Kündigung in seinem Job als Drehbuchautor nicht aus. Ben entscheidet mit seinem Leben abzuschließen und macht sich mit der großzügigen Abfindung seines ehemaligen Arbeitgebers auf nach Las Vegas um sich tot zu saufen. Die Freunde, die er vielleicht mal hatte und ihm jetzt noch helfen könnten hat er schon lange verloren. Oder haben sie ihn verloren? Im Gegensatz zu Ben scheint Sera ihr Schicksal anzunehmen, das Beste draus zu machen. Irgendwann kam sie aus Los Angeles nach Las Vegas. Vielleicht floh sie vor ihrem Zuhälter Yuri, der ihr jedoch gefolgt ist und sie nun wieder unter seine Fittiche hält. Und weil Sera außer ihm keinen anderen hat, sie ohne ihm ganz allein in der großen Stadt wäre, ist sie doch irgendwie auch froh, daß es so ist wie es ist. Jeden Abend tingelt sie über den Boulevard. Halbe Stunde 300$, für 500$ bekommt man alles, sogar einen Arschfick und Abspritzen ins Gesicht ist auch kein Problem. Nur bitte nicht in die Haare, die sind frisch gewaschen. Naja, das interessiert Ben dann auch gar nicht, er will gar keinen Sex, nur nicht allein sein bei seinem Saufexzess. So lernen die beiden sich kennen. Yuri wird von der Mafia gerichtet, Sera plötzlich wieder allein sodaß sie die Nähe zu Ben sucht und ihn darum bittet bei ihr einzuziehen. Sie wird ihn saufen und er wird sie ihrer Arbeit als Prostituierte nachgehen lassen. Das ist die Grundlage ihrer Beziehung, die sie schnell als Liebe mißverstehen werden.

Nicht der normale Stoff für eine Liebesgeschichte, auch keiner ungewöhnlichen, den Mike Figgis in Super 16mm und schonungsloser Offenheit offenbaren möchte. Nur schwer will man akzeptieren, daß Figgis und das Drehbuch den Verfall eines eigentlich sympathischen Säufers zulassen. Seinen Besäufnissen nicht Einhalt gebietet, weder durch Sera noch durch seine Leber, die ihn unglaublich viel Bourbon, Vodka und Magaritas in sich hineinschütten läßt ohne ihn ins Koma fallen zu lassen. Unglaubwürdig wirkt der Film an diesen Stellen, albern wenn Ben in der Bank steht und seine sexuellen Saufphantasien in Elvispose in sein Diktiergerät lallt. Doch er hat auch seine sehr starken Szenen. In denen klar wird, daß die Angst vor dem Alleinsein Menschen Kompromisse eingehen läßt. Seien es die Blamagen, die Sera mit Ben in der Öffentlichkeit erlebt oder Bens Gewißheit, daß Seras Gesicht gerade von einem Freier ins Kissen eines Bettes in irgendeinem Hotelzimmer der Stadt gedrückt wird. An diesen Stellen ist der Film wirklich schonungslos offen. Da baut er eine Metaebene auf über die es sich nachzudenken lohnt. Natürlich verbindet Sera und Ben eine starke Zuneigung, doch die ist nicht so stark, daß sie Ben von seinem Plan abbringen würde sich umzubringen oder Sera es ernsthaft versuchen würde ihn davon abzubringen. Zu groß ist ihre Angst vor dem möglichen Verlust. Da zieht sie es lieber vor auf die wichtigen Momente einer Beziehung zu verzichten. Seien es Gespräche über die gemeinsame Zukunft oder auch nur der Sex miteinander, der vor allem Sera aufgrund des ständigen Alkoholpegels Bens verwährt bleibt. Und so ist auch die letzte Szene, die oftmals als Liebesbeweis Seras an Ben interpretiert wird in einem anderem Licht zu sehen.

Mit Elisabeth Shue verfügt Leaving Las Vegas über eine starke Hauptdarstellerin. Ihr zurückhaltendes Spiel gibt dem Film den benötigten Kontrapunkt zu Cages leider manchmal ausufernden Interpretation eines manisch depressiv wirkenden Alkoholikers. Sicherlich auch vom Drehbuch gefordert, doch schafft es Cage nur auf dem erstem Blick seiner Rolle die nötige Tiefe zu verleihen. Meist spielt er einfach nur den Betrunkenen, selten den einsamen Verzweifelten. Selbst seine dunklen Augenränder können darüber nicht hinweg täuschen, daß sein Oscar für die Rolle des Ben Sanderson ein Geschenk der Academy ist. Ganz im Gegenteil dazu Elisabeth Shue, die nahezu ohne Theatralik auskommt, deren Angst vor dem Verlust und ihre Zuneigung zu Ben jederzeit glaubwürdig erscheinen. Deren Talent in einer geradezu überflüssigen Vergewaltigungsszene verschleudert wird, was Figgis Drama auch berechtigterweise Kritik einbrachte. Denn anstatt sich auf den wesentlichen Kern der Geschichte, der Angst vor und der Einsamkeit selbst zu konzentrieren verliert er sich zu oft und ausladend in Nebensächlichkeiten. Julien Sands als Seras Zuhälter trägt ebenso wenig zur Geschichte bei wie Bens zynische Kneipenschlägereien oder witzig ironisch inszenierter Schnappseinkauf. Da muß sich Figgis nicht wundern wenn seine an sich eindeutige Geschichte als heroisch dargestellter Heldentod eines Trinkers fehlinterpretiert wird. Ärgern kann man sich geradezu über diese Fehler in der Inszenierung, denn im Kern ist Leaving Las Vegas ein richtig gutes Gegenstück zu Hollywoods Romantikliebeswelten.

7/10 Punkte

8 Kommentare:

C.H. hat gesagt…

Da muß sich Figgis nicht wundern wenn seine an sich eindeutige Geschichte als heroisch dargestellter Heldentod eines Trinkers fehlinterpretiert wird

Sorry, aber nur ein "Depp" würde solch eine Deutung anstellen und Denen ist eh nicht zu helfen. Das sind dann dieselben Leute, die auch in "Full Metal Jacket" einen konkreten Bespaßungs-Film sehen, ohne den Rest zu sehen.

Oh, ich glaub das klingt jetzt doch ein wenig arrogant, aber egal ;-)

7 Punkte sind mir, ohne sich jetzt über Wertungen streiten zu wollen, zu wenig. Ich teile jedoch deine Meinung, dass Shue, wenn Cage schon den Award bekommen hat, ebenfalls den Oscar hätte gewinnen müssen.

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Ist Cages beste schauspielerische Leistung. Der Film selbst ... na ja, Hollywood-Weichspülware.

tumulder hat gesagt…

Ich fand ihn in Wild at Heart immer noch um längen stärker. Weichspülware will er letztenendes ja gerade nicht sein. Das versucht er oft genug zu beweisen. Z.B. mit Seras Vergewaltigung. Aber ich muß zugeben, daß ich ihn bei seiner kürzlichen Sichtung um eine ganze Ecke harmloser empfand als er mir noch in Erinnerung war.

TheRudi hat gesagt…

Langsam wirds mir zu bunt mit dir, Tumi. Dabei fand ich den ersten Absatz richtig gut, geradezu perfekt. Und dann macht er diesen Filmchen auf der Zielgerade noch fertig. Hallo?! Hier gibts die Brüste von der Shue, was braucht man(n) denn noch mehr?

Zudem fand ich Cage auch nicht so schlecht wie du ihn hier machst. Gerade in seinen Dramen (Adaptation) kann er beweisen was bzw. das er(s) draufhat.

Darauf jetzt erstmal n Bourbon...

tumulder hat gesagt…

Ach, Du kleiner Cage Vergötterer. Wo mache ich denn den Film nieder? 7 Punkte sind doch alles andere als schlecht genauso wie Cage. Ich habe deutlich geschrieben, daß die Darstellung Sandersons auch vom Drehbuch gewünscht ist.

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Geilo, los, macht euch fertig.

tumulder hat gesagt…

Halt Du Dich raus, Du Ewan McGregor Süßfinder;):)

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Hehe.

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