2035. Die Menschheit lebt unter der Erde, da sich auf ihrer Oberfläche ein Virus ausgebreitet hat, der nur noch Fauna und Flora überleben läßt. Wer nicht systemkonform lebt wird in Gefängnisse – nein -, Käfige gesperrt und mit Glück als „Freiwilliger“ ausgewählt, der im Schutzanzug ans Tageslicht muß, um Kleinstgetier für wissenschaftliche Versuche zu sammeln. Eine skurril technokratische Welt ist das im Jahr 2035. Da James Cole während seiner Expeditionen Nervenstärke und Zuverlässigkeit bewiesen hat, wird er auserkoren ins Jahr 1996 zu reisen, um Informationen über die Armee der 12 Monkeys zu sammeln, die dem Glauben der Wissenschaftler nach für das menschenfeindliche Virus verantwortlich sind. Als Belohung winkt ihm die völlige Resozialisierung samt Straferlaß. Doch Cole landet nicht nur im Jahr 1990, sondern auch in der Psychiatrischen Klinik. Natürlich glaubt man dem verwirrten und mit Drogen vollgestopften Cole dort kein Wort, als er von der großen Katastrophe spricht, von den 5 Milliarden Menschen, die 1996 von einem Virus dahin gerafft werden sollen.Terry Gilliams Stärke lag schon immer in der ausufernden Inszenierung surrealer Traumwelten, im Spiel mit der Realität und der Fiktion. Mit 12 Monkeys schafft er es aber noch mehr als eine solcher starken Traumwelten zu erschaffen, in der sich seine Figuren zurecht finden müssen. Der Zuschauer wird gleich selbst Opfer der Schwebe zwischen Realität und Fiktion, in der sich Gilliams Protagonisten wähnen. Ist man sich gerade noch sicher, daß Cole wirklich aus der Zukunft kommt, um der dortigen Menschheit wieder ein Leben an der Oberfläche zu ermöglichen - zumindest wäre es so, ließe sich Gilliams Film ausschließlich als üblicher Genrestoff lesen -, kommen schon bald Zweifel an dem gerade Gesehenen auf. Egal ob sich Cole in der Zukunft aufhält oder in der Gegenwart, das Wesen, die Atmosphäre der Orte an denen er gefangen ist, sind wie auch sein körperlicher Zustand immer die selben. Die Wissenschaftler in der Zukunft erscheinen durchgeknallt wie die Patienten der Psychiatrie, in der er in der Gegenwart gesteckt wird. Die sich bei näherer Betrachtung ebenso surreal erweist wie die Zukunft, aus der er kommen will. Keine Frage, das kann keine psychiatrische Einrichtung in einem Amerika der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts sein. Eher eine, die einer lebhaften Fantasie entsprungen ist.
Aber nicht nur Psychiatrie und zukünftiges Gefängnis weisen Parallelen in ihrem Surrealismus auf. Auch Philadelphia selbst erscheint in der Gegenwart ebenso apokalyptisch wie in Coles Zukunft. Es sind vernachlässigte Straßenzüge und Gegenden in denen Cole mit dem Entführungsopfer, seiner Psychiaterin aus dem Jahr 1990, Kathrin Railly, herumstreift, um die Armee der 12 Monkeys zu finden. Dampfende Gullideckel, stinkende Müllberge, dunkle Obdachlosenverstecke, die sich gefährlich wie Raubtierhöhlen geben. Mit Prophezeiungen beschmierte und zuplakatierte Fassaden und Zäune. Je weiter der Film fortschreitet, umso mehr kommen Zweifel an Coles Glaubwürdigkeit auf. Doch in dem Maße, in dem Gilliam den Zuschauer und auch Cole davon zu überzeugen scheint, daß Cole nur ein geisteskranker Phantast sei, der sich aus Fragmenten seiner Erinnerung etwas zusammenspinnt, beginnt Kathrin Railly, die schon längst mehr als Coles Psychiaterin und Entführungsopfer ist, an Coles Schicksal zu glauben. Sie findet augenscheinliche Beweise für Coles behauptete Zeitreise, immer wieder von Drehbuch und Gilliam eingeworfen. Der Film dreht den Spieß um. Jetzt ist es Railly, die Cole und den Zuschauer von der Wahrheit Coles Geschichte überzeugen möchte. Ein Foto aus dem ersten Weltkrieg und eine antike Gewehrkugel, die sie aus Coles Bein entfernt haben will, was uns Gilliam freilich nicht zeigen möchte und wir dennoch als gegeben hinnehmen. Denn Gilliam hat uns längst schon selbst in den Zustand seiner Protagonisten und seines Films versetzt. Schon wieder läßt Gilliam den Zuschauer zwischen den Realitäten beider Hauptfiguren hängen.
12 Monkeys läßt sich ebenso schwer für den Zuschauer fassen, wie die Wahrheit, der seine Figuren hinterher eilen. Selbst das Finale, das einerseits als Auflösung des Plots herhalten kann, andererseits aber nichts anderes als eine Erinnerung Coles ist, bringt uns nur scheinbar weiter. Nehmen wir es als Auflösung, gibt sich der Film als Zeitreise-Genrefilm, mit all den Untiefen, die die Logik eines solchen nur havarieren lassen können, ihn verletzlich gegen Angriffe machen. Sehen wir es als weiteren Traum Coles oder sogar eines anderen, was durchaus möglich ist, da Gilliam hier nicht von der surrealen Inszenierung eines Traumes abweicht, eröffnet es ganz andere Möglichkeiten. Dann läßt es uns die Freiheit des Kinos erfahren, das nicht nur in Gilliams Vorstellung ein Ort der Träume sein kann und soll. Cole gibt uns selbst kurz vor dem Ende den entscheidenden Hinweis, als er sich mit Railly im Kino versteckt, in dem Hitchcocks Vertigo zu sehen ist. Der Film bleibt immer der selbe, nur man selbst ist es, der sich verändert und den Film bei jedem Anschauen anders erscheinen läßt, so Cole. Welch ein Geschenk Gilliams und der Autoren, die uns damit selbst von der Suche nach der Wahrheit erlösen. Es liegt ganz in uns selbst, was wir in Gilliams Film sehen, der gerne in seiner Gesamtheit als Metapher für die Egalität zwischen Realität und Fiktion gesehen werden darf. Fiktion wird in Gilliams Vorstellung in dem Moment zur Wahrheit, in der sie glaubhaft wird. Es ist egal ob Cole tatsächlich aus der Zukunft in die Gegenwart geschickt wurde. Solange er daran glaubt, ist es für ihn die Wahrheit. Und genauso egal ist es, was der Zuschauer in seinem Film sieht. Solange er daran glaubt, ist es die Wahrheit. Wahrheit ist solange Wahrheit wie sie glaubhaft ist. Wir glauben solange an die Wissenschaftler in Coles Zukunft, bis sie sich plötzlich in infantile Deppen verwandeln, die um Coles Krankenbett hopsen. Während wir jedoch keine Probleme haben diesen Witz von einer Nervenheilanstalt in der Gegenwart anzunehmen, da sich die dortigen Ärzte geben, wie wir es erwarten. Wir haben kein Problem daran zu glauben, daß sich in den Röhrchen, die am Ende durch die Sicherheitskontrolle des Flughafens geschleußt werden, tatsächlich die Viren befinden, die die Menschheit ausrotten werden, obwohl nichts darauf hinweist das dem so ist. 12 Monkeys ist schließlich ein Science Fiction-Film. Wenn 12 Monkeys über seine Geschichte und Referenzilität hinaus etwas zu erzählen hat, dann ist es dies.
8,5/10 Punkte





