No Fate - Terminator 2: Judgement Day Special Edition

Als James Camerons Terminator 1984 erschien, wurde das Science Fiction Genre dermaßen durcheinander geschüttelt, daß schnell von einem Meisterwerk die Rede war. Science Fiction, das war in den Köpfen der meisten Kinobesucher Star Wars, Star Trek, Buck Rogers, außerirdische Lebensformen und Raumschiffe, hatte jedoch mit der Gegenwart und knallharter Action soviel zu tun wie Ronald Reagan mit Freundlichkeit gegenüber dem Kommunismus. Arnold Schwarzenegger gelang durch Camerons hoffnungslos dystopischen Actionfilm der Durchbruch zum Star nicht nur in den USA, sondern auch im muttersprachlichen Raum. Hier wurden seine vorherigen Versuche in Hollywood Fuß zu fassen mehr als belächelt. Und auch wenn nun amüsiert darüber geflachst wurde, daß Arnie im Film lediglich 17 Sätze spricht war sich jeder darüber im klarem wie viel noch kommen sollte. Jedenfalls nahm man Schwarzenegger jetzt endlich als neuen aufgehenden Stern des Actionkinos auch in Österreich und Deutschland wahr. Wenn ich heute darüber nachdenke wie er einst bei Hans-Joachim Fuchsberger während der großen Samstagabend Familienunterhaltung Auf Los geht's los auf der Couch saß, man stolz Ausschnitte des Films präsentierte, muß ich mehr als schmunzeln. In Deutschland vollzog sich just zu diesem Zeitpunkt eine hitzige Mediengewaltdebatte. Fulci und dem Video Home System sei Dank, wurden nicht nur Jugendschutzgesetze novelliert, und da wird doch tatsächlich in einer Familienshow, die regelmäßig eine nicht unerhebliche Reichweite erlangte, ein brutaler Low Budget! Science Fiction Action Film beworben, der später auf dem Index der BPjM landen sollte. Heute unvorstellbar.

Doch auch für James Cameron, dem Autodidakt ohne Filmhochschulabschluß, war der Terminator die Initialzündung für seine weitere Karriere. Walter Hill und David Giler waren von Camerons Drehbuch zu Terminator derart begeistert, daß sie unbedingt mit ihm zusammenarbeiten wollten und ihm letztendlich mit der Fortsetzung ihres damals schon als Kult geltentenden Erfolgs Alien betrauten. Daß Cameron mit Aliens - Die Rückkehr einen weiteren Kultfilm erschuf, der bis heute maßgeblich für das Bild der Franchise in der Öffentlichkeit verantwortlich ist, sollte keine Neuigkeit darstellen. Nachdem sein nächster Film The Abyss, eine Mischung aus dem Alien Thema und ein wenig E.T. bzw. Unheimliche Begegnung der dritten Art, vom Puplikum sträflich unterschätzt wurde und an den Kinokassen hinter den Erwartungen zurückblieb wendete er sich der Fortsetzung seines Gesellenstücks Terminator zu. Es war klar, daß Cameron, der zuvor der eben erwähnten Alien Franchise eine andere Richtung verpaßte ohne sie zu verraten, auch seinem Kind, dem Terminator ein anderes Gesicht überstülpen würde. Und auch wenn The Abyss zuvor keinen großartigen Erfolg darstellte stand Cameron für die Fortsetzung seines apokalyptisch metallischen Technikalptraums mit 100 Millionen Dollar das damals größte Budget der Kinogeschichte zur Verfügung.

Die Story, die T2 erzählt ist schnell in ein oder zwei Sätze zusammengefaßt. Ist sie doch nichts anderes als eine Variation des ersten Terminator Filmes. Hofften nicht wenige, mich eingeschlossen, bei der Ankündigung der Fortsetzung Cameron ließe die Résistance in der Zukunft gegen Skynet kämpfen, erfüllte er diesen Wunsch lediglich im kurzen jedoch beeindruckenden Prolog des Filmes. Los Angeles verstopfte Highway Perepherie, nur kurz in einer versmogten Einstellung, Auto an Auto, die Luft flimmert vor Hitze, der epische, gleichsam bedrohliche Score Brad Fiedels läßt nicht eine Sekunde Zweifel daran aufkommen, daß es sich um einen großen Film handeln könnte. Ein Spielplatz vor der Skyline Los Angeles, schaukelnde und lachende Kinder in Zeitlupe versinken im gleißendem bläulich weißen Licht. Schnitt. Nacht, ausgebrannte Autowracks, ein verbrannter Kinderspielplatz, überall Totenköpfe und Sarah Connor beginnt aus dem Off die Geschichte der Zukunft der Menschheit zu erzählen. Schon in den ersten Sekunden werden die Ambitionen Camerons jedem Zuschauer deutlich vor Augen geführt. Dies wird der größte, beste, wichtigste Actionfilm aller Zeiten. In den nächsten knappen 150 Minuten wird die Zukunft der Menschheit entschieden und Du als Zuschauer wirst daran teilhaben. An der Klimax des Action Genres und darüber hinaus, alles was Du bisher gesehen hast wird für Dich an Relevanz verlieren, falls Du dich nicht sofort aus dem Sessel erhebst und das Kino verläßt. Der Film ist keine Minute alt und Cameron beginnt seine Versprechen der ersten Sekunden einzulösen. Die letzte Schlacht der Menschheit gegen die Maschinen ist im vollem Gange. Explosionen, Laser, Flugmaschinen, Hochglanz polierter Stahl. Was T2 schon hier dem Rezipienten an den Kopf wirft, würde anderen Filmen an Aufwendigkeit und Action als Höhepunkt gut zu Gesicht stehen. Wir befinden uns immer noch im Prolog, der von einer Leinwand füllenden Explosion, brennendem Spielgerät und einem im Feuer erscheinenden T-800 abgeschlossen wird. Wer nicht spätestens jetzt verstanden hat, wie ernst es um die Zukunft der Menschheit steht, wie bedrohlich die nächsten zweieinhalb Stunden werden, dem ist nicht mehr zu helfen.

Jede Kriegspartei schickt einen Terminator zurück in die Gegenwart der 90er Jahre, der genaue Zeitpunkt ist nicht näher bestimmt. Der eine soll John Connor, den Jungen, der später einmal Anführer der Résistance sein wird, terminieren, der andere soll ihn beschützen. Obwohl jedem klar sein sollte, wer der Attentäter und wer der Beschützer ist, schafft es Cameron dennoch die Spannung diesbezüglich bis zur Szene im Mall, in der T-800 und T-1000 zum ersten mal auf John Connor treffen, aufrechtzuerhalten und den Zuschauer noch einmal an seinem Vorwissen, das er durch die Vorberichterstattung erlangt hat, zweifeln zu lassen. Ist diese Szene doch eine Umkehrung des ersten Aufeinandertreffens Kyle Reeses mit dem T-800 im Tech Noir des ersten Teils. Cameron nutzt diesen Kniff gut dosiert in mehreren Szenen über den ganzen Film verteilt ohne jedoch in die Falle der Abnutzungserscheinung zu tappen. Ähnlich Tarantinos Kino, das so gekonnt nichts anderes macht als die Filmgeschichte zu zitieren, zitiert Cameron durchgehend einfach seinen eigenen Terminator. Spielt mit den vertauschten Rollen. Böse Zungen sprechen von einer ausgeschmückten Nacherzählung für den Mainstream. Das kann man jedoch nicht unwidersprochen stehen lassen. Zwar unterscheidet sich die Story von T2 nicht maßgeblich von Camerons erstem Erfolgsfilm, die Ausgangslage, die Dramaturgie, ja selbst das Ende zeigte er schon 1984. Doch die Aussage des Films ist eine komplett andere.

War in Terminator das Schicksal der Menschheit vorbestimmt, Sarah Connors und Kyle Reese Kampf gegen den T-800 lediglich eine Flucht vor der unabwendbaren Apokalypse, hatte er also eher eine fatalistische Grundhaltung, tritt Judgement Day allen Fatalisten in den Allerwertesten. No Fate. Unsere Zukunft wird nicht vom Schicksal entschieden, wir haben sie selbst in der Hand und können das augenscheinlich vorgegebene Schicksal verändern. Auch wenn für die großen Ziele große Steine aus den Weg geräumt werden müssen und der Mensch aufpassen muß nicht von den großen Steinen zermalmt zu werden. Sicherlich drückt die Botschaft die Hoffnung der westlichen Welt nach dem Ende der Sowjet Union und dem Fall der Berliner Mauer in eine sichere, glückliche Zukunft ohne Kriege aus, doch ist sie auch Ausdruck für Camerons eigenen Werdegang. Hätte er sich auf dem Weg zum Erfolgsregisseur nicht ständig ehrgeizig all den Hindernissen wiedersetzt, von Rückschlägen nicht desillusionieren lassen, er wäre vielleicht heute noch im LKW unterwegs oder auf ewig Kabelaffe unter Roger Cormans Aufsicht, was vielleicht nicht das schlechteste wäre, jedoch kein Vergleich ist zu dem was er durch sein Wirken in Hollywood erreicht hat.

Terminator 2: Judgement Day ist Camerons Herzensangelegenheit, keine von irgendeinem Filmstudio in Auftrag gegebene Cash Cow, wie es bei Fortsetzungen doch regelmäßig in der Branche üblich ist. Kein Blender, der die Möglichkeiten des modernen Kinos prätentiös und selbstzweckhaft einsetzt. Sich dem geneigtem Publikum durch eingehaltene Konventionen anbiedert. Auch wenn er an mancher Stelle den Eindruck erweckt. Wenn John Connor seinen T-800 anweist Unschuldige nicht zu töten ist dies aber nur konsequent und kein Ausdruck politischer Korrektheit. John Connor wird einmal der Erretter der Menschheit, wie würde es sich dazu verhalten würde er seine Maschine auf den Weg dahin jeden der sich ihm in den Weg stellt über den Haufen knallen lassen? Nein, die Patchworkfamilie, die auf dem Weg zum Erhalt unserer eigenen Spezies durch die Wüste Kaliforniens in schrottreifen Autos unterwegs ist, in zerfallenen Tankstellenruinen übernachtet und bei Freunden Unterschlupf findet, die allem anderem als dem puritanischem Weltbild entspringen, ist höchst subversiv. Die Mutter eine gerade aus der Nervenheilanstalt entsprungene Psychopathin, der Sohn verfügt über ein Vorstrafenregister, das Roland Koch eine Steilvorlage für die nächste Wahlkampagne liefern könnte und der Vater... Eine umprogrammierte Maschine aus der Zukunft, deren ursprüngliche Aufgabe es eigentlich ist, die Menschheit zu vernichten. Das ist kein kalkuliertes Mainstreamkino, aber Kino, das auch dem Mainstream gefällt.

Camerons ganzes virtuoses Können entlädt sich in der Action, die vornehmlich in den Fluchtszenen stattfindet. Nie wird es für den Zuschauer unübersichtlich, an keiner Stelle wird Dynamik durch schnelle Schnittfolgen oder lautes musikalisches Getöse vorgetäuscht. Die Dramaturgie der einzelnen Szenen ist puristisch, Score und Specialeffects unterstützen lediglich das was Cameron in der jeweiligen Szene erzählen möchte. Ob es der aus dem brennenden LKW Wrack kommende CGI T-1000 ist, der in dieser Szene seine Unzerstörbarkeit und Unnachgiebigkeit in der Verfolgung John Connors ankündigt oder Brad Fiedels T-1000 Theme, das an ein Alarmsignal erinnert und die Gefahr unterstreicht in der sich die Protagonisten gerade befinden. Camerons Aufmerksamkeit gehört ganz seiner Geschichte, der er durch seine Inszenierung eine Einzigartigkeit verleiht die nur selten im Kino zu sehen ist. Terminator 2: Judgement Day gehört zu den ganz großen Erlebnissen des Fantastischen Kinos, mindestens.

9/10 Punkte

10 Kommentare:

fincher hat gesagt…

Vielleicht hab ich es nicht gelesen, aber wo liegt der Kritikpunkt?

Ansonsten wirklich exzellent und ausführlich geschrieben, zu einem der ganz ganz großen Actioner. Meine Lieblingsszene: Die ganz am Schluss, als der T-1000 Schwarzeneggers letzte verbliebene Granate in den Körper geschossen bekommt, und sein ganzer Oberleib quasi "zerplatzt". Einfach nur genial.

tumulder hat gesagt…

Da ich diesen Film einfach liebe, wollte ich die zwar vorhandenen aber letztendlich unerheblichen kleinen Fehler nicht im Text unterbringen. Z.B. gibt es chronologische Löcher und Ungereimtheiten, die bei näherer Betrachtung... Ich lasse es lieber und verweise auf den Wikipedia Eintrag zum Film;)

Nein, 9 Punkte sind schon angemessen und nach meiner Bewertungsphilosophie überhaupt kein Anlaß über den Unterhaltungswert des Filmes zu zweifeln.

TheRudi hat gesagt…

War in Terminator das Schicksal der Menschheit vorbestimmt, Sarah Connors und Kyle Reese Kampf gegen den T-800 lediglich eine Flucht vor der unabwendbaren Apokalypse, hatte er also eher eine fatalistische Grundhaltung, tritt Judgement Day allen Fatalisten in den Allerwertesten.

Naja, über den Determinismus lässt sich natürlich streiten. Aber was Cameron zu Beginn des Filmes zeigt, ändert sich ja auch nach dem Schluss des Filmes nicht. SkyNet übernimmt die Herrschaft, die Menschen müssen sterben, in die Resistance ausweichen. Der Zukunfts-Connor schickt den T-800 ja in die Vergangenheit, da er ihm bereits in seiner Kindheit begegnet ist. Wenn Cameron hier nicht Schicksal propagieren würde, müsste der Zukunfts-Connor einfach sagen "Scheiß drauf, dass mein Leben vor 30 Jahren vom T-800 gerettet wurde" - in dem Moment wo er den Terminator dann aber nicht in die Vergangenheit schickt, würde er seine Existenz verlieren. Im Grunde ist also die Geschichte aus JUDGEMENT DAY bereits Vergangenheit und somit - vom Standpunkt des Prologs aus - vorherbestimmt, zumindest für den Zuschauer.

tumulder hat gesagt…

Da hast Du natürlich Recht, das ist eben der dicke Widerspruch bei jedem Film der Zeitreisen zum Thema hat. Im Film wird die Zukunft im Ablauf geändert, eigentlich müßten T-800 und T-1000 sofort von der Bildfläche verschwinden nachdem der Chip aus der Zukunft zerstört wurde mittels dem Skynet später entwickelt werden soll. Von daher ist auch Terminator 3 völlig überflüssig, obwohl er gut unterhält;)

tumulder hat gesagt…

Zum Verständnis meiner Sichtweise. Der Prolog wird natürlich mit der Zerstörung des Chips und der damit abgewendeten Erschaffung Skylabs bzw. des ausbleibenden Atomschlags zur Vision. Er zeigt dem Zuschauer wie es werden wird sollte die Geschichte ungut ausgehen. Das setzt natürlich vorraus, daß Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit parallel existieren, was mein physikalisches Verständnis jedoch bei weitem überlastet;)

C.H. hat gesagt…

Schön geschrieben, und ich bin geneigt dieser Rezension in Gänze zuzustimmen. Hat mir gut gefallen.

Ja,ja... Das liebe Paradoxon der Zeitreisen. Ich bekomm davon immer Kopfschmerzen... ;-) Aber eigentlich ist es ja ganz klar: Was am Anfang des Film (Der Kampf der Resistance) Realität ist, ist dann am Ende nach der Zerstörung der Chips einfach nicht mehr existent. Logisch, oder? Ober aber: Es bilden sich gar paralelle Universen - Hilfe, Wo ist mein Aspirin? ;-)

Nimmt man aber den dritten Teil dazu, dann kann man in der Tat von Determinismus sprechen, da die Dystopie nicht azuwenden ist. Aber das hat mit dem zweiten Teil erst mal nichts zu tun...

tumulder hat gesagt…

@c.h.

You make my Day!

TheRudi hat gesagt…

Was am Anfang des Film (Der Kampf der Resistance) Realität ist, ist dann am Ende nach der Zerstörung der Chips einfach nicht mehr existent. Logisch, oder?

Sehe ich vollkommen anders. Da der Anfang in der Zukunft und das Ende in der Vergangenheit spielt, ist das Ende des Filmes praktisch bereits Voraussetzung für den Anfang.

Der gescheiteste Film über Zeitreisen ist immer noch "Bill & Ted's Excellent Adventure":

Bill: Can we get your dad's keys?
Ted: Could steal them but he lost them two days ago.
Bill: If only we could go back in time to when he had them and steal them then.
Ted: Well, why can't we?
Bill: Cause we don't got time.
Ted: We could do it after the report.
Bill: Ted, good thinking dude. After the report we'll time travel back to two days ago, steal your dad's keys, and leave them here.
Ted: Where?
Bill: I don't know. How about behind that sign? That way when we get here now, they'll be waiting for us. (bends down and picks up the keys) See?
Ted: Whoa! Yeah! So after the report we can't forget to do this, or else it won't happen. But it did happen!

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Super Text. Wie es der Zufall so will, habe ich T:2 am Samstag nach vielen jahren mal wieder gesehen: In der Tat, immer noch ein gottverdammter Klassiker, trotz minimaler Schwächen, die mir früher entgingen.

tumulder hat gesagt…

Ja na klar hat er auch seine minimalen Schwächen. Aber wie langweilig sind doch perfekte Dinge:)

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