Zu teuer - 39,90

Wir leben in einer Konsumwelt, jedenfalls solange wir die Welt lediglich mit Nordamerika, Europa und einigen wirtschaftlich erfolgreichen Hotspots Asiens beschreiben. Glaubt man Soziologen definiert sich der Mensch in dieser Welt immer mehr durch das was und wie er konsumiert. Je nach Generation ist der Apfeluser schlau und kreativ, der Sternfahrer eine sichere Bank und der Biolimondentrinker der Erretter der Welt. Taten und innere Werte verlieren an Relevanz für die Einschätzung des Gegenübers, es sei denn sie zeugen von wirtschaftlichem Erfolg. Die Selbstverwirklichung, jahrelang als höchstes Gut verkündet und unweigerliches Symbol für die Freiheit des Menschen, wird gegen die Wand gefahren, da sie anscheinend nur noch aus der Anhäufung von Konsumgütern besteht, mittels der sich der Einzelne wiederum selbst definiert. Eine augenscheinliche Fehlentwicklung unserer Gesellschaft, an der offensichtlich die Werbeindustrie eine große Mitschuld trägt. Ist sie es doch, die uns täglich diese Lebenslüge auftischt und immer neue Begehrlichkeiten weckt, die doch nur eine Ersatzbefriedigung für die wahren Bedürfnisse des Menschen wie Liebe, Glück oder Familie sein können.

Frédéric Beigbeder schrieb als Insider der Werbeindustrie den Roman 39,90, der auf satirisch provokante Weise die Schuld der Werbeagenturen, die Lügen und all das Schlechte der Branche beichtet und 2001 in Deutschland erschien. Jan Kounens Film unter gleichem Titel läuft seit letzter Woche in den Kinos, hält sich jedoch nur sporadisch an Beigbeders Vorlage.

Oktave ist kreativer Star der Werbeagentur, für die er arbeitet. Mit seinem Partner Jeff bestimmt er von seinem chaotischen Luxusbüro in Paris aus was die Menschen morgen kaufen, zwischenzeitlich beaufsichtigen sie kiffend und koksend Fotoshootings und Werbedrehs. Immer darauf bedacht ihren Status als kreative Werbekünstler zu wahren. Ihre Kunden betrachten sie abschätzig als langweilige Spießer in Hugo Boss Anzügen, die sich und das was sie tun zu wichtig nehmen. Die Arbeitskollegen sind in Octaves Augen arme arschkriechende Wichte, nur darauf hinaus sich bei den Vorgesetzten beliebt zu machen und ja nicht negativ aufzufallen. Für wahre Kreativität ist kein Platz, die Dummheit regiert Kundschaft und die eigene Agentur gleichermaßen. Auszuhalten ist dies nur durch mehr Drogen tagsüber während der Arbeit und noch viel mehr Drogen abends auf den Partys in Octaves riesiger Pariser Wohnung.

Octave kann sich alles erlauben, vor allem in seinem vom Koks aufgeputschtem Ego. Und sollte der Kunde unerwarteterweise eine seiner ultracoolen, wegweisenden Ideen ablehnen, weil der natürlich zu beschränkt in seinem Denken ist, zaubert er innerhalb von fünf Minuten den Standardspot aus der Schreibtischschublade. Der Auftrag ist gerettet, die Welt für seine Bosse wieder in Ordnung, sein Status als Star der Werbebranche untermauert. Octaves Ego ist jedoch wieder einmal verletzt, sodaß er sich veranlaßt fühlt, im Büro seines Chefs aufzuschlagen und den Abschied aus der Agentur zu verkünden, woraus natürlich nichts wird, weil der Chef in liebt. Für Octaves ist alles eine Leichtigkeit, sogar Sophie bekommt er rum. Die anfangs spröde entpuppt sich als Sau im Bett, er wußte es doch. Octave ist ernsthaft verliebt, zum ersten Mal in seinem Leben. Die beiden haben unendlich viel Spaß miteinander, der sich vor allem in Sex und noch mehr Sex ausdrückt. Doch ausgerechnet als es ernst wird mit Sophie versagt Octave. In einem Restaurant eröffnet sie ihm ihre Schwangerschaft, die erwartete Freude Octaves bleibt aus. Er sitzt nur da und schweigt, völlig von der Situation überfordert. Schluß mit lustig, sein Egotrip ist gefährdet. Sophie trennt sich von Octave und verläßt die Agentur. Octave tröstet sich mit Pornofilmen und Edelnutten, die Sophies Parfüm auflegen müssen. Auf Nachfrage erfährt er, daß Sophie nun mit Marc seinem Chef zusammen ist. Octave betäubt sich mit noch mehr Drogen und Partys und landet nach einem Zusammenbruch schließlich in einer Entziehungklinik. Nach seiner Entlassung erfährt er von Marcs Selbstmord, doch der nächste Werbedreh in Miami steht an. Keine Zeit in sich zu kehren und um Marc zu trauern. Octave schmiedet einen Racheplan, sein Ausstieg aus dem Werbezirkus ist beschlossene Sache.

Jan Kounen, der vor vier Jahren die Comic Verfilmung Blueberry ziemlich in den Sand setzte, indem er auf Inhalt verzichtete und statt dessen auf Bildgewalt setzte, kann auch mit 39,90 nicht überzeugen. Die surreale Erzählweise in Form von Bildmontagen, schnellen Schnitten, übertriebener Stilisierung, wilden Kamerafahrten ganz im Geiste der Werbefilmästhetik und des Drogenkonsums Octaves mag anfangs des Filmes noch sinnvoll und unterstützend für die Exposition des Werbemillieus sein. Doch spätestens wenn es ans Eingemachte geht, man kann darüber streiten, ob es Sophies Trennung oder Octaves Aufenthalt in der Entziehungsklinik ist, verwässert sie gehörig den Gehalt des Filmes. Kein Platz für einen ruhigen Moment, kein Innehalten. Kounen fährt in einem mit seinem Humba Humba Täterä fort, auch wenn die gezeigten Bilder schon lange nicht mehr zu dem passen, was erzählt wird. So fragt man sich schnell, welche Absicht Kounen mit seinem Film eigentlich verfolgt. Will er wirklich eine ernsthafte Satire über unsere Konsumwelt und die Branche, die glaubt zu bestimmen was konsumiert wird? Oder ergötzt er sich einfach nur an den visuellen Möglichkeiten des modernen Kinos? Wichtige Ereignisse in Octaves Geschichte, die zu seiner Läuterung führen, werden im Vorbeigehen abgehandelt. Sei es die schon erwähnte Restaurantszene in der Kounen es vorzieht der Witzigkeit keine Grenzen aufzuerlegen, anstatt die Wichtigkeit für Octaves weiteres Leben herauszustellen oder der spätere Tod Unschuldiger aufgrund der maßlosen Lebensweise und des Realitätsverlustes Octaves, der einfach in einem nettem Cartoon geschildert wird. Eine der größten Peinlichkeiten im ganzem Film. Nicht weil der Tod in lustiger Animation gezeigt wird, sondern weil Kounen die letze Chance verpaßt dem Film eine Richtung zu geben, die dem ganzen Thema gerecht werden könnte.

Wie die Vorlage bietet auch der Film ein alternatives Ende das vielleicht zur Rettung des Werkes beitragen hätte können. Der Inhalt ist sicherlich von der mir unbekannten Vorlage vorgegeben, doch auch hier scheitert Kounen Octaves Beichte noch einmal die Relevanz einzutreiben, die sie vielleicht verdient hätte. Der aufgelöste Racheplan Octaves dürfte für den mitdenkenden Zuschauer keine Überraschung sein und so erschüttert eher die unambitionierte Darstellung und Ausführung des Ganzen. Da plätschern auch die restlichen als überlang empfundenen 30 Minuten dahin ohne wirklich die Kraft zu besitzen dem Zuschauer den Stuhl unterm Hintern wegzuziehen.

Im Ansatz ist 39,90 kein schlechter Film. Fehlende Konsequenz und Konzentration auf den Kern der Geschichte lassen ihn jedoch scheitern wie einen schlechten Werbespot. Kounen kann den Stoff nicht verstanden haben, sonst hätte er an vielen Stellen auf das designen der Verpackung verzichtet und stattdessen seinen Figuren und dem Inhalt des Filmes mehr Aufmerksamkeit geschenkt. So kann man auch kaum die darstellerischen Leistungen des durchweg sympathischen Cast einordnen. Große schauspielerische Leistungen werden kaum verlangt, die Stars sind Kounens visuelle Tricks, ganz wie in einem überlangen Werbespot. Das Sein definiert sich über den Schein. Wollte der Film sich nicht genau darüber beklagen?

5/10 Punkte

2 Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

sonst hätte er an vielen Stellen auf das designen der Verpackung verzichtet und stattdessen seinen Figuren und dem Inhalt des Filmes mehr Aufmerksamkeit geschenkt

Ist ja eigentlich das Problem jeder Romanadaption, beispielsweise HERR DER RINGE. Kenn den Film aber nicht, das Buch soll, so sagt man, aber recht kultig sein.

tumulder hat gesagt…

Das Problem bei Kounen ist eindeutig das fehlende Gefühl für den Stoff. War auch schon bei Blueberry der Fall. Ich kann mich nicht des Gefühls erwehren der einzige Grund für Kounens Interesse an der Verfilmung war die Möglichkeit so viele Drogenerlebnisse wie möglich visualisieren zu können. Schade um den wirklich tollen Cast, der so gar keine Möglichkeiten hat zu zeigen was er drauf hat. Jean Dujardin möchte in jedem Fall wiedersehen. Der ersten Hälfte hätte ich locker 7 bis 8 Punkte gegeben, in der zweiten kackt Kounen aber dermaßen ab, daß man schon von Stümpertum reden kann. Wirklich schade.

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