Inglourious Basterds

Es wurde ja doch schon so viel geschrieben. Über Christoph Waltz, über der Basterds Bedeutung für das deutsche Nachkriegskino bis hin zum wenig gelungenen Score Tarantinos neuestem Films, dessen musikalische Gestaltung aber zum Glück kaum eine größere Rolle einnehmen wird. Vielleicht neben den vielen deutschen Gesichtern das Ungewohnteste an einem Film von Quentin Tarantino. Was möchte man da noch viele Worte verlieren, zumal man dem meisten von dem, was über Inglourious Basterds zu lesen ist, Glauben schenken darf. Christoph Waltz ist göttlich, Frau Krügers Schauspieltalente reichen vielleicht für einen ZDF Zweiteiler am Dienstag- und Mittwochabend, und auch die Entdämonisierung des Film-Nazis wird von Tarantino in einer Konsequenz vollzogen, die es so noch nicht im Kino zu bestaunen gab. „Kann ich etwas für Sie tun, Mein Führer?“ „Haben sie mal einen Kaugummi?“. Je größer die Dämonen, desto kleiner die Aufmerksamkeit, die Tarantino ihnen widmen möchte. Und das in einem Nazi-Jäger Film des Regisseurs, der dem Pulp in den letzten 15 Jahren den Roten Teppich bis direkt vor die großen Säle des Feuilletons auslegte. Der es schaffte, daß sich Kritiker zwangsläufig mit einem Kino beschäftigten mußten, für deren Kenntnis sie sich zuvor in Grund und Boden geschämt hätten. Ja nun sogar bisweilen mit dieser Kenntnis herum prahlen. Vieles hätte man Tarantino zugetraut, aber daß er diese Dämonen als ganz gewöhnliche Schweine darstellt - nein, noch nicht einmal als Schweine, sondern lediglich als eloquente Karrierefrettchen, die am Ende ihre Ideologie gegen ein kleines Grundstück auf einer kleinen Insel und eine kleine Pension einzutauschen bereit sind - , damit hätte wohl niemand gerechnet. An dieser Stelle berührt Tarantinos Movie Movie World vielleicht zum ersten Mal in seiner Filmografie die Wirklichkeit, was filmhistorisch mit einem Ereignis in der Größenordnung der ersten Mondlandung gleichzusetzen wäre.

Da paßt es nur zu gut ins Bild, daß Tarantino mit Inglourious Basterds generell den Topoi des Kriegsfilms an die Karren fährt. Seine Basterds – also die Guten, sie töten Nazis -, zeichnet er als tumben Haufen, der sich im Finale dazu noch äußerst dämlich anstellen darf. Die erste Begegnung zwischen Nazijäger Aldo Raine und Judenjäger Hans Landa birgt dann auch den einzigen Witz des Films über den man lauthals lachen kann, ein Witz der die ganze Lächerlichkeit mindestens zweier Generationen WWII Kino an die Oberfläche spült. Es kommt nicht von ungefähr, wenn er seinen Nazijäger Aldo Raine gleich nach dem Prolog, in dem Christoph Waltz in einer der ganz starken Szenen der letzten Kinojahre als eben jener Judenjäger Hans Landa brilliert, und auch Tarantino selbst Zeugnis darüber ablegt, welch ein begnadeter Drehbuchautor und Regisseur er doch ist, den Prolog nicht nur inhaltlich wiederholen läßt, sondern ihn und seine restliche Truppe auch noch mit der überlieferten Eigenschaft ausstattet, die eigentlich seinen gefangenen Nazis zugeschrieben werden sollte. Hass. Tarantino vollzieht einen Rollentausch der Nazifilm-Topoi. Daß dies im ganzen Strudel der von Tarantino gewohnten und auch vom Publikum erwarteten Anspielungen und Zitate vielleicht ein wenig untergehen könnte, mag auch daran liegen, daß wir uns in all den Jahren an den guten Nazijäger, dessen moralische Beweggründe nicht zu hinterfragen sind, und den nur in wenigen Ausnahmen eindimensionalen Judenjäger gewöhnt haben, der uns vom Kino dargeboten wurde. Aber, und das scheint mir an dieser Stelle wichtig zu betonen, Tarantino erzählt mit Inglourious Basterds nichts über die Wirklichkeit, er erzählt ausschließlich vom jenen Kino, daß dieses Bild von Gut und Böse transportiert, mit all seinen Figuren und Methoden. Allein darin besteht sein Anliegen. Inglourious Basterds ist ein Film über den Kriegsfilm, kein Film, der von der historischen Wahrheit berichtet.

Dennoch, die galant installierte Doppelbödigkeit, die Tarantino hier erstmals einer realen Gegebenheit zukommen läßt – das Kino und die durch dieses Kino erschaffenen Mythen sind eine Gegebenheit, die die Realität beeinflussen -, verleiht Inglourious Basterds einen eventuell unfreiwilligen Tiefgang, den man von einem Tarantinofilm nicht erwartet hätte. Man könnte sich geradezu von Tarantino überrumpelt fühlen, vielleicht auch ein Grund dafür, warum sich sein Film so sperrig anfühlt, der sich wieder einmal nicht so geben möchte, wie man es von ihm erwartet hätte. Inhaltlich und formal. Tarantino treibt nicht nur ständig Dialoge auf die Spitze, mit denen er ganze Spannungsbögen innerhalb der einzelnen Szenen und Kapitel steuert - die ihm diesmal so gut gelungen sind, daß man vor Freude weinen möchte -, er läßt seinen Film mit einer Leichtigkeit, mit einer Selbstverständlichkeit in einer Welt agieren, die von vornherein keine Bezüge zur Realität aufkommen und ihn damit unangreifbar für die Ideologiekritik werden läßt. Eli Roths schon oftmals kritisierte Bilder seines Propagandafilms Stolz der Nation, dürfen deswegen auch nicht aussehen, wie die eines echten vom echten Goebbels produzierten Films. Sie sind so wie sind, in ihrer Modernität, Zeugnis der hermetisch von der Wirklichkeit abgeriegelten Welt Tarantinos. Und auch Brad Pits nahe dem Chargieren angelegtes Spiel sollte aus dieser Sichtweise betrachtet werden. Auch dies ist mehr als nötig, um zu unterstreichen, daß Aldo Raine eine Kunstfigur darstellt, die als Zusammenfassung der smarten und harten amerikanischen Film-Kriegshelden, die niemals dazu bereit gewesen wären diese Künstlichkeit freiwillig zur Schau zu stellen, gelten darf. Tarantino überspitzt keinesfalls die geschichtliche Realität, er überspitzt das die geschichtliche Realtität darstellende Kino. Nirgends im Film besser auf den Punkt gebracht als im Finale, mit dem er nicht die Realität umschreibt, sondern einen Traum des Kinos ausformuliert, indem er es über seine Nazis siegen läßt. Im Kino ist halt alles möglich.

8,5/10 Punkte

15 Kommentare:

C.H. hat gesagt…

Palim-Palim. Ich freu mich. Auch bei dir kommt der Film gut weg, und somt eigentlich bei Jedem (Ausnahmen bestätigen die Regel :)) Was bin ich gespannt auf den Streifen. Und ich bin noch gespannter, ob ich in meiner Besprechung dann den Historiker stecken lassen kann, oder ob ich Quentins Kino dann tatstächlich zum ersten mal gesellschaftliche Relevanz unterstelle. Hab ich schon erwähnt, dass ich mich freue? ;-)

tumulder hat gesagt…

Unbedingt ins Kino gehen.^^

Jimmy hat gesagt…

hi leute,

ich hab mir den Film vor zwei tagen angeschaut. Nachdem ich den artikel und den trailer gesehen hatte, hätte ich mehr erwartet. Zumindest mehr kampf Szenen

tumulder hat gesagt…

@jimmy
Kann ich nachvollziehen, wenn du deine Erwartungshaltung lediglich aus dem Trailer generiert hast. Aber welcher Tarantino Film bietet schon viel Action?

Flo Lieb hat gesagt…

Kill Bill Vol. 1?

Rajko Burchardt hat gesagt…

Ich finde es irgendwie naiv es positiv zu vermerken, dass im Film das Kino über die Nazis siegt. Das ist so platt, aussagelos und typisch Tarantino.

Dennoch beschreitet der Film (Mainstream-)-Neuland durch seinen Umgang mit Kinonazis und wird sicher eine wichtige filmgeschichtliche Markierung damit setzen.

Dennoch hat er mir nicht gefallen.

JMK hat gesagt…

hmmm, das Review liest sich wie jedes andere auch, will sagen, der Film scheint nicht sehr Ambivalent zu bieten, ob das nun gut oder schlecht ist?!
Ich hab das Gefühl, dass sich die Rezensenten selten so einig waren

tumulder hat gesagt…

@flo
Ach ja, da wird ein wenig gezappelt. Stimmt.

@rajko
Ich finde es völlig in Ordnung wenn Tarantino das macht. Er spinnt ja lediglich einen Wunsch konsequent weiter, auch wenn er ganz genau weiß, daß das Kino eben nicht die echten Nazis besiegen wird oder kann, sondern nur die Kino-Nazis. Ich finde das übrigens überhaupt nicht aussagelos, sondern sehr doppelbödig. Gerade im Bezug auf das Genre, daß er betrachtet.

@jmk
Er ist einfach gut.

Stefan hat gesagt…

Volle Zustimmung und noch mal schöne Zusammenfassung der Lesarten. Aber ich muss es nochmal loswerden - lies nochmal drüber, denn es heißt "sg. Topos, pl. Topoi" und "an DEN Karren fahren" ... :-) :p

Jaja, bin ja schon still.^^

tumulder hat gesagt…

Ja, und jeder Topos hat seinen eigenen Wagen.;)

Stefan hat gesagt…

Ja, jetzt erst gerafft! Fuck, ich habe nichts gesagt! *rotanlauf* lalalalalalalala

orangedoe hat gesagt…

Sehr schöne Kritik und ja, ja und ja! ;)
Der Rollentausch ist tatsächlich der Geniestreich des Films und insofern war das tendenziell irreführende Marketing (von wegen cooler Nazi-Klopper) schon sehr gewieft.

LOL für dein Urteil über die Krüger (ich war doch erschreckend erfreut, als sie aus dem Film "verschwunden" ist) und den Kaugummi. Hatte ich ganz vergessen.
Wie hat der Mann es nur fertig gebracht, so eine unangenehme 'Komödie' zu drehen?

tumulder hat gesagt…

@stefan
Ich habe an dieser Stelle auch ein wenig länger überlegen müssen. Ob die Topoi alle zusammen in einem Karren durch die Gegend düsen oder halt, so wie ich mich entschieden habe, einzeln unterwegs sind.^^

@jenny
Man beachte mit welch einer Kaltherzigkeit er die Krüger aus seinem Film verschwinden läßt, als ob er ihre Besetzung wieder gut machen wollte.;)

Candide hat gesagt…

Endlich auch gesehen. Volle Zustimmung auch was das Lästern über die Krüger angeht ;)
Weiß übrigens jemand ob die auch gedubbt wurde? Irgendwie wirkte der gesprochene Text von ihr sehr komisch.

Megalob an Waltz. Hatte schon Angst der Cannes-Award und die Lobgesänge von allen Seiten wären übertrieben aber dem ist nicht so. Grandios!

P.S.: Immer wenn ich bei dir ein Kommentar abschicken will bekomme ich den Fehler "Ihre Anfrage konnte nicht verarbeitet werden. Bitte versuchen Sie es erneut". Beim zweiten mal senden klappt es dann aber...komisch.

tumulder hat gesagt…

@candide
Mache dir keine Sorgen, ist so ein typisches Gehabe bei Blogger. Ich denke mal, daß in diesem Moment die Verbindung zum Server kurz unterbrochen wurde.

Ich meine die Krüger hat so eine ähm bescheidene Stimme.;)

Kommentar veröffentlichen

Kommentare zu Blogeinträgen, die älter als sieben Tage sind werden weiterhin von mir moderiert. Sei freundlich, fair und bleib beim Thema.