Der New York Ripper

Ende der 70er sorgte eine neue Spielart des Horrorfilms für Furore. John Carpenter und Sean S. Cunningham sollten mit ihren Filmen Halloween und Freitag der 13. eines neues Subgenre definieren, das bis weit in die 80er hinein für volle Kino- und Videothekenkassen sorgte. Erstmals durfte der pathologische Serienmörder ein Messer in die Körper Jugendlicher rammen, die sich in den meisten Fällen eines unmoralischen Verhaltens schuldig gemacht hatten, selbstredend war dies das ziehen am Joint oder vorehelicher Sex. Aus konventioneller Sicht symbolisierten die Morde natürlich die Bestrafung für das unzüchtige Verhalten der Jugendlichen. Aus der wesentlich künstlerischen Sichtweise können die Morde auch als Metapher für das Verlassen des Kindesalters gesehen werden. Der Schutz der Kindheit ist aufgehoben, das Leben des Erwachsenen ist voller Gefahren. Zumindest im Hinblick auf Carpenters Werk ist diese Sichtweise plausibler, denn Carpenter ist alles andere als der von reaktionären Gedankengut getriebene Typus eines Regisseurs. Inspiration für ihre Filme fanden sowohl Carpenter als auch Cunningham nach eigenem Bekunden in den italienischen sexuell konnotierten Serienmörderfilmen Mario Bavas oder Sergio Martinos, den Gialli, die wiederum von Hitchkocks Psycho und – man höre und staune – von den deutschen Krimis, insbesondere der Edgar Wallace Reihe, beeinflußt waren. So finden Hans Joachim Fuchsberger, Eddi Arent, Heinz Drache oder Siegfried Lowitz doch noch ihre filmhistorische Bedeutung. Im Sog der Erfolge der amerikanischen Slasher versuchte auch der Giallo, der seinen Höhepunkt Anfang der 80er längst überschritten hatte, wieder den Weg in die Kinos zu finden. Dario Argento lieferte mit Tenebre einen vielversprechenden Neuanfang. Lucio Fulci legte im gleichem Jahr mit The New York Ripper vor.

In New York geht ein Serienmörder um, der junge Frauen auf bestialische Weise ins Jenseits befördert. Lieutenant Williams leitet die Ermittlungen, und da der Täter keine Spuren außer den Verstümmelungen primärer und sekundärer weiblicher Geschlechtsorgane hinterläßt, sucht er Dr. Paul Davis um Rat auf. Der Täter ist davon überzeugt niemals entdeckt zu werden, sucht sogar telefonischen Kontakt zu Williams um ihn in ein Spiel zu verwickeln, das mit dem Tod der Freundin Williams endet. Als daraufhin überraschend der Hauptverdächtige Mickey Scellenda tot aufgefunden wird, scheint der Fall für Williams gelöst, doch der Tod Scellendas trat fünf Tage vor dem Mord an Kitty ein.

Lucio Fulci hatte sich 1982 gewiß nicht nur aufgrund seines künstlerischen Hangs zum Surrealismus, den er ein Jahr zuvor mit The Beyond fast schon meisterlich unter Beweis stellte, einen Namen im Filmgeschäft gemacht. Die exzessive Ausstellung von Gore und Blut in seinen Filmen darf da mit Sicherheit schon eher als Grundstein seiner großen Fanbasis betrachtet werden, und gerade diese war und ist auch heute noch der erste Kritikpunkt, den seine Gegner im Diskurs um sein filmisches Lebenswerk anführen. Jetzt ist es nicht so, daß er der einzige Regisseur war, der sich damals schon nicht mehr damit begnügte die Destruktion von menschlichen Körpern anzudeuten, sondern sie dem Zuschauer auch soweit wie möglich in ihrer Gänze realistisch darbot. Während das amerikanische Horrorkino jedoch im Allgemeinen den Schrecken der Tat an sich und ihr Ergebnis in den filmischen Mittelpunkt stellte, konzentrierte sich das italienische Horrorkino schon früh auf die detaillierte Darstellung der Grausamkeiten. Lucio Fulci zelebriert geradezu die Herbeiführung des Todes mit seinen Großaufnahmen und dem vom Zuschauer erwarteten jedoch ausbleibenden Schnitt im letzten Moment. Doch kann das, was in seinen übernatürlichen Filmen so gut funktionierte, da es in einem absolut fiktiven Sujet stattfand, auch auf das viel realistischere Genre des Giallos übertragen werden? In dem nicht Geister, Dämonen, Untote und andere Kräfte des Übersinnlichen die Lebenden auf grausamste Art und Weise zu sich ins Jenseits holen, sondern es ein pathologischer Fall von einem Serienmörder in Anlehnung an das Jack the Ripper Motiv vor allem auf die primären und sekundären Geschlechtsorgane junger freizügiger Frauen abgesehen hat, dessen tricktechnischer Höhepunkt das Zerschneiden einer Brustwarze darstellt, nachdem der Mörder dem Opfer zuvor schon das weit aufgerissene Auge in Gedenken an Bunuels andalusischen Hund mittels Rasierklinge in der Detailaufnahme in zwei Hälften trennte?

Der Giallo war schon vor Fulcis Skandalfilm dem Vorwurf der latenten Frauenfeindlichkeit allein durch seine in nahezu allen Fällen sexuell konnotierte Thematik und seinem dramaturgischen Aufbau ausgesetzt, doch Fulci scheint mit dem New York Ripper das Genre den Kritikern mit voller Wucht vor die Füße werfen. Schon direkt am Anfang seines Filmes läßt er den Mörder mit der Entenstimme einer Fahrradfahrerin in Großaufnahme und ausgiebig bebildert das Messer in die Brüste rammen. Daß genau solche Szenen nicht nur Moral und Sittenwächter auf den Plan rufen, sondern auch die Mysogoniemeter der Frauenrechtler über den Anschlag hinaus kollabieren lassen, ist sicherlich keine Überraschung. Gesellen sich noch andere Szenen des Filmes dazu, die weniger der Handlung als der puren Sexploitation dienen, wie zum Beispiel Mrs. Lodge abenteuerlich ausgelebtes Sexualleben oder die oberflächlich betrachtet grundlegende Dämonisierung der Sexualität an sich, dann ist man schnell geneigt, in den Chor der Kritiker einzustimmen. Doch wäre dies ein vorschnelles Urteil. Denn Fulcis Film ist in seiner Gesamtheit weitaus ambivalenter, als der Zuschauer aufgrund der dargebotenen Exploitation auf den ersten Blick glauben möchte. Da wird er schnell Opfer seiner eigenen Kognition, und mit dieser spielt Fulci unentwegt, indem er die Regeln des Genres ein ums andere mal aufbricht. Da rekrutiert er die Opfer aus dem Rotlichtmilieu, verleiht ihnen jedoch keinesfalls negative Attribute. Ganz im Gegenteil, die Hure Kitty ist die Bettgefährtin Lieutenant Williams. Da bezeugt er eher seine Sympathie zu den Opfern, wenn er die Hure als loyale Freundin skizziert, die Darstellerin der Live-Sex Bühnenshow als selbstbewußte Frau darstellt, die gerade einen normalen Job erledigt hat. Mrs. Lodge, gespielt von Alexandra Delli Colli, die zuvor in einigen Softsex Filmen mitspielte und auch dem skurrilen Zombie Holocaust das Quentchen Sexploitation einhauchte, ist dann auch gar nicht die Ehegatten betrügende Nymphomanin, ganz im Gegenteil, Mr. Lodge hat Anteil an ihrer selbstbestimmten freizügigen Sexuallität, spricht von ihr in ehrlicher Weise in den höchsten Tönen. Es sind eher die Männer, die Fulci hier nicht gut wegkommen läßt. Die Mrs. Lodge anfänglich harmlosen Flirt als Aufforderung zur sexuellen Nötigung und Demütigung verstehen. Da erscheint dann auch die überharte Inszenierung der Morde in einem ganz anderem Licht. Der Zuschauer soll nicht im geringsten Spaß an ihnen empfinden. Da ist keine Spur von Ironie zu finden, kein versteckter Humor, sie sollen schocken, sie sollen den Zuschauer die Hände vor das Gesicht halten lassen. Wenn Fulci hier vorgeworfen wird er ergötze sich an der Zerstümmelung von Frauenkörpern, wird außer Acht gelassen, daß er vor allem die Tat in ihrer gänzlichen Abscheulichkeit schildert. Warum sollte er sich an den Morden seiner Sympathieträgerinnen erfreuen? Man darf behaupten die Inszenierungen sind zu viel des Guten, übertrieben in ihrer Brutalität, fehl am Platze. In ihnen jedoch einen Ausdruck Fulcis frauenfeindlicher Ideologie zu sehen, halte ich für zu kurz gedacht, aber für verständlich. Viel zu sehr unterdrückt eben jene Radikalität der Bilder die Details, die in ihnen zu finden sind. Da muß man schlicht von einer schlechten Regie sprechen, wenn die Intention des Regisseurs nicht zum Ausdruck kommt. Er sie sogar immer wieder ad absurdum zu führen scheint, da er oftmals zu plump vorgeht. Da installiert er den geheimnisvollen Mickey Scellenda als falschen Hasen, der Zuschauer hat den Köder schon längst geschluckt, aber Fulci muß unbedingt noch einen draufsetzen indem er die Bleibe des Verdächtigen mit Tonnen von draufsetzen, indem er die Bleibe des Verdächtigen mit Tonnen von Pornos und Heroinspritzen ausschmückt. Unnütz. Oder spielt Fulci hier doch nur mit der Voreingenommenheit des Zuschauers? An einer anderen Stelle gelingt ihm das recht gut, da kann er ihn sogar auf galanter Weise seiner eigenen Homophobie überführen. Daß diese natürlich von nicht wenigen sofort wieder auf Fulci selbst projiziert wird, kann nicht verhindert werden. Dabei läßt Fulci Dr. Davis einfach ein Schwulenmagazin am Kiosk kaufen und sich später im Selbstgespräch über die limitierte Denkweise des Stadtpolizisten in verdächtiger Art und Weise amüsieren. Ein Schlitzohr dieser Fulci, und auch noch gleichzeitig einen Verweis auf Friedkins Cruising untergebracht.

Dennoch, Der New York Ripper bleibt ein zweischneidiges Schwert, das sich nur schwerlich von den Vorwürfen seiner Kritiker befreien kann und höchstens für Genreliebhaber von Interesse sein wird. Fulci hat hier schlampig gearbeitet. Nicht nur das Drehbuch erzeugt den Eindruck unter höchster Eile entstanden zu sein, was sich nicht nur aber vor allem im recht hanebüchenen Plot zeigt, der in der letzten Einstellung dem Zuschauer von Williams und Davis während einer Autofahrt erklärt werden muß. Auch dieser Fulci ist ein Low-Budget Monster, doch wirken sich hier die Limitierungen einer solchen Produkion recht negativ auf den Gesamteindruck aus, da Fulci es dieses mal nicht versteht, den Zuschauer mit einer außergewöhnlichen Atmosphäre zu versöhnen. Zwar bietet die Kamera wieder einige Leckerbissen, doch muß der Score von Francesco De Masi als absolut kontraproduktiv angesehen werden. Da dudelt mehr die nervige musikalische Untermalung einer 70s Krimiserie, als das die Musik auch nur ansatzweise an einen Thriller, geschweige denn Giallo erinnern würde. Teilweise glaubt man Kojak läuft gleich durchs Bild, da fehlen dann nur noch die quietschenden Reifen Telly Savallas Einsatzwagens. Insgesamt läßt sich der Eindruck eines Schnellschußes nicht leugnen. Als ob Fulci oder die Produzenten den Film unbedingt noch vor Dario Argentos Tenebre in die Kinos bringen wollten. Das ist schade, denn eigentlich hat Fulci hier ein recht ordentliches Schauspielerensemble zur Verfügung, welches bis auf wenige Ausnahmen durchweg gute, zumindest aber durchschnittliche Arbeit abliefert. Hätte Fulci dem Drehbuch die gleiche Aufmerksamkeit zukommen lassen wie seiner Inszenierung der Morde, wer weiß. Zumal Fulci mit dem New York Ripper beweißt, daß das postmoderne Zitatenkino keine Erfindung eines Quentin Tarantinos ist, denn sein Film ist gespickt mit Verweisen auf Genreklassiker. Eine Szene enthält der Film aber, die mir wirklich gut gefällt, die ich dann auch für die gelungenste des ganzen Filmes halte. In der Fulci seine ganze Kreativität und seinen zynischen Humor zum Ausdruck bringen kann. Fay Majors, Fulcis Referenz an Carpenters Laurie Strode in Halloween, trifft abends allein in der U-Bahn auf Mickey Scellenda, der sie in der Art anlächelt wie der böse Mann, vor dem uns unsere Mütter im Kindesalter immer gewarnt haben. Fay ist sichtlich eingeschüchtert und verläßt die Bahn an der nächsten Station. Scellenda eilt ihr nach, wunderbar bedrohlich von Kameramann Luigi Kuveiller eingefangen. Fay flüchtet immer noch verfolgt in ein dunkles Kino, irrt herum und plötzlich blitzt das Messer im flackernden Licht des Projektors auf, fährt auf sie nieder, Fay kann kurz das Gesicht des Angreifers erkennen und schon wacht sie im Krankenhausbett aus ihrem Alptraum auf. Im Kino stirbt niemand wirklich. Herrlich Lucio, hättest Du doch nur auch dem restlichen Film soviel von Deinem Können geschenkt.
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5,5/10 Punkten

2 Kommentare:

Grammaton Cleric hat gesagt…

Wieder mal ein spitzen Text. Und jetzt bin ich richtig heiß auf den Ripper ... ;-)

tumulder hat gesagt…

Da bin ich mir sicher, daß der Dir gut gefallen wird. Ganz bestimmt.:)

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