Watchmen

Wenn dann endlich nach über zweieinhalb Stunden der Abspann über die Leinwand läuft, ist man hin und hergerissen zwischen der Zufriedenheit darüber, endlich mal wieder einen Film gesehen zu haben, der sich optisch und narrativ traut ein Comic zu sein und der Enttäuschung über die Oberflächlichkeit mit der er den Inhalt seiner Vorlage in bewegte Bilder umzusetzen versucht. 12 Bände gönnen Alan Moore und Dave Gibbons ihrer Reflexion des amerikanischen Superheldenmythos, eingebettet in einer alternativen Welt des kalten Krieges, deren nahendes Ende mittels einer großen Uhr, deren Zeiger sich unaufhaltsam auf die Zwölf zu bewegen, symbolisiert wird. Gespickt mit unzähligen Ver- und Hinweisen auf das Genre und seiner Geschichte, untergebracht in den Biographien der Superhelden, die durch ihre Charakterisierung zu normalen Bürgern werden dürfen. Mit all ihrer Menschlichkeit und derer Makel. Es wäre zu einfach Zack Snyder zum Vorwurf machen zu wollen, Moores Vorlage Seite für Seite einfach abgefilmt zu haben, zeugt dies doch auch vom Respekt vor dem Werk. Doch es ist genau dieses Vorgehen Snyders, welches dem Zuschauer, der Moores Watchmen nicht kennt, den Zugang zum Stoff verwehrt. 12 Bände in einem Kinofilm. Da bleibt kaum Zeit über das gerade Gesehene nachzudenken, es tatsächlich aufzunehmen. Das Comic gewährt einem die Zeit, um einmal inne zu halten, zurückzublättern, den Hinweisen nachzugehen. Der Film läßt einem aufgrund seiner Natur dazu keine Chance. Auch wenn er sich hauptsächlich mit den für die Geschichte wichtigsten Figuren und Elementen beschäftigt. Er schafft nicht den Bruch mit dem Medium, spult einfach alles nacheinander ab. Das mag vielleicht mit der Verfilmung Sin Citys schon einmal gelungen sein, doch ist Millers Vorlage selbst eine filmische und ihr Szenario weitaus unkomplexer als Alan Moores Watchmen. So ist z.B. die für die Watchmen so existenzielle endzeitliche Atmosphäre zwar vorhanden, doch gelingt es dem Film nicht sie auch wirklich inhaltlich zu begründen. Kalter Krieg, Richard Nixon, die Sowjets. Das setzt beim Zuschauer eine wesentlich größere historische Kenntnis voraus, als ein einfaches Szenario, indem ein geschminkter Spaßmacher ein Krankenhaus in die Luft jagt. Man erahnt das Potenzial des Filmes, doch kann er es zu keiner Sekunde über den optischen Reiz hinaus transportieren. Snyder und das Drehbuch versuchen zwar immer wieder sich die Zeit für das Wesentliche der Geschichte zu nehmen, doch kann sie nicht ausreichen, um den Zuschauer wirklich in die Welt der Watchmen eintauchen zu lassen. So bleibt sie über die gesamte Spieldauer des Filmes eine fremde, nur schwerlich greifbare, die eine tiefere Auseinandersetzung mit ihren Figuren verwehrt und nur an der Oberfläche des Stoffes kratzen kann. Bei aller Opulenz, deren Hochglanz das geringste Problem zu sein scheint, kommt kaum das epische Gefühl auf, das Moores Geschichte im Comic soviel ihrer Faszination schenkt. Watchmen ist wahrlich kein schlechter Film, immer wieder gelingt es ihm sich vom Einheitsbrei der üblichen leicht zu rezipierenden Comic Mainstreamer der letzten Jahre zu distanzieren. Aber das gelingt ihm nicht wirklich aus eigener filmischer Kraft, sondern eher durch die ungewöhnliche Geschichte, die er erzählt. Die deutlich mehr Zeit benötigt hätte, als die, die ihm das Medium Spielfilm bereit ist zu gewähren, um ihre wahrhaftige Größe zu entfalten. Die noch nicht einmal Zeit findet die wahren Ausmaße ihres Endes ins rechte Licht zu rücken, dem Plot die ganze Brisanz nimmt, indem Snyder sich nicht traut zu zeigen was es heißt Millionen von Menschenleben für den guten Zweck zu opfern. Da hocken sie in der Antarktis und fabulieren über das Ergebnis. So ist Watchmen im Kino ein ebenso zweischneidiges Schwert wie die Charaktere, von denen er erzählt. Das Formale ist dabei lediglich Geschmackssache.

4,5/10 Punkte

13 Kommentare:

Mr. Hankey hat gesagt…

Schöne Kritik, mit der Du den Nagel sicherlich auf den Kopf triffst. Ähnliche Gefühle hatte ich (als einer der den Comic nicht kennt) nämlich auch. Auch wenn ich alles in allem dennoch zufriedener bin (komme auf 7,5/10 mit der Tendenz zu 7) und mein Kumpel, der die Comics liebt und ihm 9,5 Punkte gibt (aus seiner Sicht DIE perfekte Verfilmung), so gar nicht Dieser Meinung ist, so glaube ich dennoch, dass Du recht hast und vor allem das der Film in der angedachten Extended Version noch so einiges ausbauen kann! Jedenfalls tolle Kritik! Vielleicht überzeugt sie auch Rajko mal davon, das nicht jeder Snyder gleich ein schlechter Film bedeutet! ;)

Doc Savage hat gesagt…

hmm... ja... seh ich auch so. Sehr zweischneidig das ganze. Ich bin immer noch ratlos, wie ich den Film denn nun bewerten soll (spontan 6,5 bis 7 oder anders ausgedrück: pauschal 3 Zimbelaffen). Das filmische Gesamtwerk war für mich nur sehr schwer greifbar und es fiel mir ziemlich schwer, in die Materie einzutauchen. Schätze, das liegt daran, dass ich den Comic ebenfalls nicht kenne. Die gedruckte Version ist allerdings bereits auf dem Weg zu mir und vielleicht klettert die Wertung danach weiter noch oben.
Jedenfalls hatte.. habe ich das Gefühl, dass man als Nicht-Comic-Kenner eher die Finger von "Watchman" lassen sollte, da man ihn dann nicht in seiner Gänze zu schätzen weiß. Oder so ähnlich...

orangedoe hat gesagt…

"Die noch nicht einmal Zeit findet die wahren Ausmaße ihres Endes ins rechte Licht zu rücken, dem Plot die ganze Brisanz nimmt, indem Snyder sich nicht traut zu zeigen was es heißt Millionen von Menschenleben für den guten Zweck zu opfern."

Fehlt dir hier das Ende aus der Vorlage? Mir war Snyders Wahl jedenfalls zu "sauber", das sah aus wie aus einem Emmerich-Film. Vielleicht wollte er aber auch nur ein NC-17 Rating vermeiden.

tumulder hat gesagt…

@orangedoe
Mir war das Ende zu steril. Die Opfer nur eine Zahl, die irgendwie als Kollateralschaden abgehandelt wurden. Daß das originale Ende natürlich nur schwerlich in einem Blockbuster zu realisieren ist, ist klar. Aber Cameron z.B. hat ja schon gezeigt wie so etwas auch für das Mainstreampublikum eindringlich zu lösen ist.;)

tumulder hat gesagt…

@doc und hankey
Ich habe das Comic vor Jahren gelesen (Stadtbücherei sei dank;)), also seht mein Review als genau zwischen Kenntnis und Unkenntnis liegend.

David hat gesagt…

Wieso oberflächlich? Ich habe direkt nach dem Film noch mal in den Comic geguckt, weil ich vieles vergessen hatte, und war dann sehr überrascht, dass die Sprechblasen und sogar die Kameraeinstellungen (wenn man das so sagen kann) größtenteils 1 zu 1 übernommen wurden.
Oberflächlichkeit würde ich Watchmen nun wirklich nicht vorwerfen, ganz im Gegenteil.

tumulder hat gesagt…

@david
Wenn Du die Möglichkeit hast, schlage doch bitte mal Seite 2 des letzten Bandes auf. Schaue Dir das Bild genau an und denke mal über den Unterschied zum Film nach. Müßte dir doch eigentlich auffallen, was ich mit oberflächlich meine. Ich meine nicht die Leichen und all das Blut.;)

David hat gesagt…

Ich hab den Gesamtband, aber ich denke Du beziehst Dich auf den Kraken?
Wenn ja, für mich ist das her nebensächlich für die Handlung, meiner Meinung nach wurde das sehr clever umgesetzt, so dass es alles Sinn macht. Und eine kleine Änderung macht den Film doch noch lange nicht oberflächlich, oder? :-)

Ich finde, man hat sich da sehr gewissenhaft an alle Kleinigkeiten gehalten, wenn an 1 oder 2 Stellen was geändert wurde, dann nur, weil es für den Film sinnvoll war. Das mit dem Kraken hätte die Zuschauer die das Buch nicht kennen doch nur übermäßig verwirrt.
Herr der Ringe nennt auch keiner oberflächlich (will ich hoffen), obwohl Tom Bombadil fehlt und das Ende komplett anders ist :-)

tumulder hat gesagt…

Ich meine nicht den Kraken, sondern Moores und Gibbons direkter Hinweis auf die faschistische Natur Ozymandias Weltrettungsplan. Schau mal wer im Madison Square Garden auftritt. Das geht im Film durch die saubere Darstellung des Untergangs New Yorks total unter. Keine Kleinigkeit, sondern ein wesentlicher Aspekt des Comics. Snyder hat schon bei 300 die Bedeutung des Endes verfälscht und Leonidas zum Märtyrer gemacht, dort steht das Ende meiner Meinung nach eben für den sinnlosen Tod seiner Soldaten, für den Untergang, den Spartas Faschismus brachte. Snyder hat in beiden Fällen, allein durch kleine Änderungen den Kern der Vorlage missachtet.

David hat gesagt…

Pale Horse?
erstens: wer ist das?
zweitens: sowas fällt Dir auf? Für mich ist das einfach nur ein Comic, nicht mehr (wie es für viele zu sein scheint). Was Du hier aufzeigst sind meiner Meinung nach Kleinigkeiten aber da sind wir wohl unterschiedlicher Ansicht.

tumulder hat gesagt…

Krystallnacht! Mein Gott, das ist doch keine Kleinigkeit, kein Schmuck. Ozymandias ist ein Faschist, der mit einem Holocaust an der New Yorker Bevölkerung die Welt rettet. Das ist der Plottwist, der die ganze Soße so schwer verdaulich macht. Dämmerts immer noch nicht?

probek hat gesagt…

"Watchmen - die Miniserie" wäre vermutlich die künstlerisch befriedigendere Lösung gewesen (gibt's die Idee schon?). Das ist aber ein Problem, mit dem viele Kinofilme zu kämpfen haben: die Zeit, eine Story in epischer Breite über mehr als (auch schon grenzwertige) 240 Minuten auszuformulieren gibt ihnen schlicht das Medium (vulgo: die menschliche Physis) nicht.

Da ist im Zweifel die Flimmerkiste besser geeignet, so sehr man dann auf der kleinen Leinwand doch Abstriche bei den Schauwerten machen muss. Aber zumindest die Zeit als limitierender Faktor fällt dort nicht so ins Gewicht, ein Grund, warum z.B. das Storytelling von "Six Feet Under" höheres Niveau erreichen kann als 95 Prozent der Kinofilme.

tumulder hat gesagt…

Ich kann Dir da nur beipflichten.

Kommentar veröffentlichen

Kommentare zu Blogeinträgen, die älter als sieben Tage sind werden weiterhin von mir moderiert. Sei freundlich, fair und bleib beim Thema.