Posts mit dem Label chris carter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label chris carter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Akte X - Jenseits der Wahrheit

Back to the Roots. Als im September 1993 die wohl bekannteste Fernsehserie der 90er Jahre in den USA startete und bald darauf auch über deutsche Bildschirme flimmerte, war an außerirdische Invasoren und Verschwörungen noch nicht zu denken. In erster Linie ermittelten Scully und Mulder in Fällen, die auf paranormale Phänomene schließen ließen. Poltergeister, Hellseher – Monster of the Week. Erst viel später kamen die extraterrestrischen Invasionsinhalte, die das Bild der Serie bis heute prägen, hinzu. Der Erfolg der Serie sollte einen wahren Boom an Mystery Serien auslösen, von denen es jedoch keine zu einem vergleichbaren Kultstatus schaffte wie eben diese X-Files. Einen Großteil der Faszination und des Charmes der Serie rekrutierte sich vor allem aus dem Zusammenspiel des Ermittlerduos Fox Mulder und Dana Scully. Ersterer Psychologe mit ausgeprägtem Hang zum Glauben an das Übersinnliche, letztere Medizinerin mit ausgeprägtem Hang zum Glauben an die Wissenschaft, was natürlich für einen fortwährenden Twist zwischen den beiden sympathischen Hauptfiguren der Serie sorgt, der jedoch nie in Streit endet und sie auch nicht davon abhalten wird mehr als nur ein kollegiales Verhältnis zueinander aufzubauen.

I want to Believe ist weit von dem entfernt, was die Serie zum Schluß darstellte. Keine Verschwörungen zwischen Politikern und Ausserirdischen, keine Ufos, keine einsamen Schützen, das Übersinnliche bleibt unerklärt. Stattdessen verschwinden junge Frauen mit der seltenen Blutgruppe AB im winterlichen Setting Virginias während ein geläuterter pädophiler Geistlicher das FBI zu Fundstellen menschlicher Körperteile führt. Scully und Mulder arbeiten längst nicht mehr für das FBI, werden von der leitenden Ermittlerin Dakota Whitney für diesen Fall jedoch reaktiviert. Während Mulder nach einer kurzen Verweigerung gegenüber dem FBI wieder der alte Wahrheitsfinder zu sein scheint, hat Scully große Zweifel sich an den Ermittlungen zu beteiligen. Sie möchte das Dunkle aus ihrem Leben verbannen, abends nach der Arbeit nach Hause kommen und die Füße hochlegen. Ein normales Leben führen. Doch so einfach stellt sich ihre Situation nicht dar, arbeitet sie doch an einem kirchlichen Krankenhaus, dessen Führung ihren sterbenskranken Patienten aufgrund der vermuteten Unheilbarkeit in ein Sterbehospiz verlegen lassen möchte. Die einzige Hoffnung für den Jungen ist eine schmerzhafte Stammzellentherapie, deren Ausgang ungewiß scheint. Am Ende wird das Monster of the Week besiegt, doch die Geheimnisse bleiben Geheimnis.

Macken, um ihn ins Land der Belanglosigkeiten zu schicken, hat Chris Carters zweiter X-Files Kinoausflug zu genüge. Man darf ihm vorwerfen sich nicht wirklich wie ein Kinofilm anzufühlen, sondern eher wie eine mehr als ordentlich produzierte Doppelfolge der Fernsehserie. Man darf ihm vorwerfen nicht wirklich zu wissen, was er sein möchte. Thriller, Drama oder Mysteryhorror? Man darf ihm vorwerfen den eigentlichen Fall ein wenig stiefmütterlich zu behandeln. Über das Monster of the Week erfährt der Zuschauer nicht viel. Man darf ihm Xenophobie vorwerfen, nicht nur Scully und Mulder werden reaktiviert sondern auch die alten Feindbilder des Kalten Krieges. Selbst eine gehörige Portion Naivität, wenn Scully als erfahrene Ärztin tatsächlich nach „Stammzellentherapie“ googelt und dabei Bilder von geheimen russischen Tierversuchen findet. Kritiker finden genug Ansätze, um I want to Believe den Todesstoß zu verpassen. Doch genau um diese Dinge geht es im Film eigentlich gar nicht. Sein Hauptthema trägt er schon im originalem Titel, der wie so oft vom deutschem Verleih seiner Zweideutigkeit bestohlen wurde. Ich möchte glauben. Mulder an die Visionen des Geistlichen, Scully an den Erfolg der Therapie für den sterbenskranken Jungen und Dakota Whitney an die Hilfe der Beiden in diesem Fall. Wenn da nicht nur diese steten Zweifel der Protagonisten wären. Die Zweifel an dem was man glauben möchte oder vielleicht muß, um seine Ziele zu erreichen. Dies ist dann auch der stärkste und ungewöhnlichste Teil des Filmes, da er hier vieles als Möglichkeit und nicht als Gegebenheit darstellt und so die Untiefen der ungewollten Lächerlichkeit gekonnt umschiffen kann. Ob Pater Joe nun wirklich über hellseherische Kräfte verfügt oder doch in die Mordfälle verwickelt ist bleibt genauso offen wie der Erfolg der Stammzellentherapie für Scullys Patienten. Letzte Zweifel bleiben dem Zuschauer, auch wenn er glauben möchte. Und so funktioniert der Film eher auf einer Ebene, die man in diesem Sujet nicht unbedingt vorzufinden glaubt. Da ist es doch zu verschmerzen, daß Carter wiederum für den Zuschauer ein wenig zu früh den Täter liefert und sich nicht zu Schade ist im Finale mit delikaten Details nicht zu sparen. Sicherlich nicht so selbstzweckhaft inszeniert, wie es Ridley Scott bei Hannibals Dinner passierte, doch scheint es, als ob Carter der Horrorfraktion unbedingt noch ein paar Häppchen anbieten wollte, damit sein Film auch auf der Ebene des Thrillers funktionieren kann. Ein wenig fühlt man sich hier in die mit Leichenteilen gefüllte Kühltruhe Alexandre Ajas und Eli Roths Folterkeller versetzt. Nur ein wenig, jedoch überflüssig, weil die Stärken des Filmes, wie schon erwähnt, ganz woanders liegen. Ufologen und Area 51 Touristen ziehen einen halben Punkt ab, Schneeliebhaber addieren einen halben dazu.


7/10 Punkte