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RocknRolla

Die Unterweltgröße Lenny Cole glaubt das große Geschäft an Land gezogen zu haben, für den russischen Milliardär Uri Olmovich soll er die nötigen Baugenehmigungen für das geplante Megaprojekt besorgen. Im Organisieren von Genehmigungen ist Lenny eine Granate, kein Problem solange die richtige Menge an Kohle an die richtigen Leute transferiert werden kann. Damit es gar nicht erst zu eventuellen Problemen kommt, leiht ihm Omovich auch gleich sein geliebtes Glücksgemälde. Und schon verläßt Omovich selbst das Glück. Omovichs Buchhalterin beauftragt die Kleinkriminellen One Two und Mumbles die 7 Millionen Euro Bestechungsgeld während des Transportes von der Bank zu Omovich zu stehlen. Die beiden gehen auf den Deal ein, benötigen sie doch selbst ein wenig Kleingeld, da sie bei Lenny Cole ganz tief in der Kreide stehen. Und dann wird auch noch Omovichs Glücksgemälde aus Lenny Coles Büro gestohlen, die Spuren führen zu Coles für Tod geglaubten Stiefsohn Johnny Quaid.

Snatch ist Geschichte, Pulp Fiction sowieso. Spätestens seitdem Jonathan Glazer 2002 mit Sexy Beast dem spaßigen Gangster Flick mit all seinen schrägen Vögeln und lustigen Toden ein bitterböses und stark unterschätztes Requiem gönnte herrscht im Genre ein ernsterer Ton. Das hat Guy Ritchie aber anscheinend nicht wirklich erkannt, der größte Tarantino Fanboy des britischen Kinos. Nach zwei Mega-Flops in Folge versucht er mit RocknRolla wieder an vergangene und erfolgreichere Tage anzuknüpfen, ortet die Figuren seines neuen Coups erneut in der Unterwelt Londons. Der einzige Unterschied zu seinen beiden Überraschungshits in den 90ern ist dann auch lediglich die Größe der Fische. Läßt er nicht kleine gegen große Fische, sondern den großen Fisch gegen den Blauwal antreten. So jedenfalls der Anschein, doch wir wissen - am Ende kann es nur den RocknRolla geben. Das wäre gar nicht so tragisch, hecheln wir doch alle wieder nach ein wenig mehr Komödie im Gangsterfilm, doch die RocknRolla innewohnende Stagnation, die er nur begrenzt mit seinem ernsteren Ton und der zurückhaltenderen Form vertuschen kann, führt dann doch zu einer einzigen Enttäuschung. Da tauscht er Statham und Graham einfach gegen Butler und Elba aus, versucht den Clou seines Revolvers mit den Typen aus Snatch zu erzählen. Sicher, das sieht teilweise gut aus, erweckt den Eindruck einer dynamischen und charmanten Reflektion seines eigenen Schaffens. Aber die heutzutage nur noch albern wirkende Zitatwut der 90er Jahre Postmoderne verrät ihn als jemanden, der immer noch in der Vergangenheit lebt. Da ist kaum Originelles zu entdecken und schon gar nichts Neues. Der Russe ist jetzt kein durchgeknallter Waffenhändler mehr, sondern der superreiche distinguiert durchgeknallte Oligarch, der ausgebuffte Barnacle Boxer im heruntergekommenen Trailer ist nun der ausgefuchste Junkie im Altbau. Ritchie wiederholt sich zum wiederholten mal, das ist wenig, sehr wenig. Natürlich kann der Film trotz allem unterhalten, doch fehlt ihm das gewisse Etwas, das einem über den alten Wein in noch nicht einmal neuen Schläuchen gänzlich hinwegsehen läßt. Die Figuren der Geschichte fallen wie gewohnt oberflächlich aus, sind nicht mehr als reine Karikaturen ihrer Klischees, was in diesem Genre nicht unbedingt einen Makel bedeutet, doch fehlt weitestgehend das verbindende Element des skurrilen Situationsswitzes, des Unvorhergesehenen in ihrem Handeln, das ihnen doch ein wenig Leben einhauchen könnte. Erschreckend teilnahmslos verfolgt man dann auch One Two und seine Kollegen während der erschreckend offensichtlichen RocknRolla-Werdung, zumal Ritchie die eine oder andere Länge bis dahin auch nicht umschiffen kann und seinen Film um gute 20 Minuten zu lang werden läßt. Wie daneben Ritchie oftmals nicht nur mit dem Cast liegt, Butler fehlt es einfach an der nötigen Kleinkriminellenglaubwürdigkeit und Thandie Newton kann sich auch diesmal nicht über das schicke Beiwerk hinaus irgendetwas anderes erspielen, kann selbst am lieblos zusammengestellten Soundtrack erahnt werden. Wenn der angebliche RocknRolla beim Posen mit dem alten Clash Hit Bankrobber, der alles nur kein RocknRoll ist, in Szene gesetzt wird, dann geschieht das nur aufgrund des so gerade noch passenden Textes des Songs. Und klar, The Clash ist bei iTunes auch irgendwie unter Rock zu finden. RocknRolla selbst paßt dann auch irgendwie so gerade noch...

6/10 Punkte

Identitätskrise - Revolver

Drei Jahre dauerte es bis Guy Ritchies Werk Revolver endlich eine DVD Auswertung in Deutschland vergönnt wurde. Ich weiß nicht wie es ihm aktuell geht, aber 2005 steckte er definitiv in einer Identitätskrise. Ob das auf seine Ehe mit der Popmadoma zurückzuführen ist weiß ich nicht, auszuschließen ist dies nicht, doch auch nur reine Spekulation. Genug Gossip für heute. Fakt ist, Revolver versucht Kunstfilm zu sein, eine Parabel über den einzigen Feind des Menschen, das Ich.

Profispieler Jake Green saß sieben Jahre unschuldig im Knast und möchte sich nun an dem Mann rächen, der ihm die Strafe eingebrockt hat. Casinobesitzer und Unterweltgröße Macha. Im Knast hat Jake viel über den perfekten Clou gelernt, die Zelle zwischen zwei Superhirnen war da von Nutzen. Rotzfrech spaziert er in Machas Casino und demütigt in verbal als auch monetär am eigenen Spieltisch. Der sinnt seinerseits auf Rache und setzt einen Attentäter auf Jake an, doch zwei Unbekannte retten Jake zweimal das Leben. Das dritte Mal wird es nicht umsonst sein. Jake soll ihnen für ihre Dienste sein ganzes Vermögen überlassen und keine Fragen stellen. Er geht auf den Deal ein als ihm die Ärzte eine unheilbare Krankheit diagnostizieren, die ihn nur noch drei Tage am Leben teilhaben lassen wird.

Nachdem Ritchie 2002 auf den Weg das Gaunerpossenimage zu vertreiben mit Swept Away so ziemlich die schlimmste Bauchlandung erfuhr, die ein Regisseur nach einem Erfolg wie Snatch es nun einmal war erleben kann, macht er nun die Rolle rückwärts und setzt seine Story wieder im Gangstermilieu an. Doch anders als seine vergnüglichen Gaunerkomödien spielt Revolver in einer fiktiven Stadt. Die Bosse sind eine Nummer größer, das Setting absolut im Comicstil gehalten, der Humor lediglich in homöopathischen Dosen verabreicht. Wenn überhaupt. Fotografiert ist das Ganze wiedereinmal grandios, der gelernte Werbefilmer ist vom Fach. Doch all der ganze Rest, der vonnöten ist um ein Film als gelungen zu bezeichnen ist nicht auffindbar. Auf Ritchies Weg zur Erkenntnis trampelt er durch ausgetretene Pfade der Kinogeschichte, klaubt hier und dort mal etwas auf von dem er sich künstlerische Finesse erhofft. Lynch, Kubrick, Godard, wie sie alle heißen und eine gute Prise Ritchies popkulturelles Ich. Daß das nicht gut geht steht außer Frage. So quält sich der Zuschauer bis zum Ende durch pseudopsychologische Phrasen, nichts sagende Szenen und aufgeklebte Keysersöze. Er hofft ja auf die große Auflösung. Die kommt zwar, doch ist sie dermaßen bemitleidenswert inszeniert, ich bin geneigt von Stümpertum zu sprechen. Während im Finale Ray Liotta in so mancher Szene fantastisch aufspielt und nicht annähernd durchblicken läßt in welch einer Grütze er mitwirkt kumulieren Jason Stathams limitierte Fähigkeiten in der darstellerischen Bankrotterklärung. Your mind will not accept this big. Wenn es das mal wäre...

2/10 Punkte

Unterschätz’ niemals die Vorhersehbarkeit von Dummheit! - Snatch

Turkish hat es nicht leicht. Als selbsternannter Boxpromoter muß er seine Geschäfte in einem runter gekommenen alten Wohnwagen planen. Aber schlau wie er ist hat er ja schon für ein neues Büro gesorgt und bei den Pavees, den irisch stämmigen Zigeunern Großbritanniens, einen neuen Wohnwagen klar gemacht. Tommy muß ihn nur noch abholen und es wäre nicht schlecht, wenn er noch ein wenig Wechselgeld zurückbringt. Daraus wird leider nichts, denn erstens erweist sich der gerade erworbene Nuttenpalast kaum an der Anhängerkupplung hängend als schrottreif und zweitens ist ein Deal ein Deal. Es kommt noch schlimmer. Tommy, dieser Obertrottel von einem Assistenten, läßt auch noch Gorgeous George gegen Mickey O'Neil in einem spontanen Boxkampf antreten, um die verlorene Kohle zurückzugewinnen. Was Tommy und Gorgeous George nicht wissen, „One Punch“ Mickey ist Meister im Bare-Knuckle Boxen. Boxen ohne Boxhandschuh und so fällt Gorgeous George für den nächsten von Brick Top angesetzten Kampf aus. Gar nicht gut. Dieser Brick Top ist so ungefähr das widerwärtigste was man sich als Gangsterboss vorstellen kann. Nicht nur das er so ziemlich alles organisiert auf das sich wetten läßt, Hauptsache es ist blutig und schmerzhaft, er hält auch zufällig ein paar Schweine. Sechzehn Schweine beseitigen zweihundert Pfund Fleisch in acht Minuten. Willkommen in Londons Unterwelt.

Das waren nur vier der skurrilen Figuren in Guy Ritchies Ganovenposse, in der er unentwegt kleine Fische gegen große Haie antreten läßt und daraus eine schiere Flut an Situationskomik und schwarzen Humor kreiert. In der die Charaktere nur das Grundgerüst für eine vergnügliche Show der zynischen Klamotte darstellen. Die ist selbstredend eine Ausstellung aller möglichen übertriebenen Klischees des Gangsterfilms und darüber hinaus. Von Boris „The Blade“, dem Ex-KGB Agenten, der schneller mit dem Metzgerbeil zur Hand geht als man Metzgerbeil buchstabieren kann bis zu „Bullet Tooth“ Tony, der mit seiner Desert Eagle .50 und dem elektrischen Fensterheber seines alten Jaguars für klare Verhältnisse und todsichere Informantentipps sorgt. Jeder Figur widmet Ritchie lediglich die Aufmerksamkeit, die nötig ist, um ihre Schrullen in den Vordergrund zu stellen. Und schrullig sind sie alle irgendwie. Tiefgang ist hier nicht zu erwarten, der wäre auch so nützlich wie eine Knarre, die mit ihrer Harmlosigkeit mittels der ihr deutlich erkennbar eingestanzten Buchstaben R E P L I C A kokettiert.

Die Handlung ist dabei eher nebensächlich. Klar, es geht auch um einen fetten Diamanten, den Franky „Four Fingers“ von seinem letztem Coup in Antwerpen mit nach London gebracht hat und der eigentlich in New York von Cousin Avi erwartet wird. Aber was soll's, der Klunker dient nur dazu die drei Handlungsstränge und ihre Figuren aufeinander treffen zu lassen. Deren Pläne werden immer wieder durch komische Zufälle unterminiert, sodaß sich ständig neue Situationen ergeben, die in immer neue Katastrophen für die Beteiligten enden und die spärlich vorhandene jedoch vortrefflich konstruierte Handlung wiederum vorantreiben. Dabei glaubt jeder die jeweilige Situation unter Kontrolle bringen zu können, oder sie schon unter Kontrolle zu haben. Doch Pustekuchen, lediglich einer geht hier halbwegs als Sieger aus dem Ring und der hat eigentlich gar nichts mit den Dingen zu tun, da ihn eh keiner für voll nimmt. Das liegt nicht nur an seinem unverständlichen Dialekt.

Visuell ist Snatch eine wahre Wucht. Sowohl Kamera als auch Schnitt erhöhen noch einmal das Tempo und die Dynamik der Gauner Farce. Ja, man muß feststellen, daß sie einen nicht unerheblichen Teil der Attraktivität des Filmes ausmachen. Jump Cuts, Montagen, Splitscreens und Zooms ohne Ende. Was bei anderen Regisseuren oftmals zu nervender Redundanz mutiert wird von Ritchie so virtuos eingesetzt, daß es selbst zu einem Element der Komik wird, die der Film in Unmengen bereit hält, sofern man dem makaberen Humor nicht abgeneigt ist. Sicherlich, auch Snatch ist unübersehbar von Tarantinos Pulp Fiction inspiriert, doch bleibt es nur bei der Inspiration, denn Snatch ist vor allem eine britische Komödie. Dafür sorgen schon die wunderbar unverbrauchten schrägen Gesichter des britischen Kinos und TV's aus denen Gaststar Brad Pitt noch nicht einmal im besonderen Maße heraus sticht. Für Jason Statham und Vinnie Jones war Snatch der Katalysator ihrer bis jetzt ganz ansehnlichen Film- und Fernsehkarriere, allein Vinnie Jones ist dieses Jahr in sieben Produktionen zu sehen. Der wahre Star ist jedoch Alan Ford in der Rolle des schon erwähnten Gangsterbosses Brick Top. Selten Noch nie wirkte ein starrer Blick in Kombination mit einer Brille deren Gläser wahrlich den Vergleich mit Glasbausteinen standhalten so diabolisch, fies und menschenverachtend. Gelobt werden sollte an dieser Stelle einmal die Synchronstimme Alan Fords, Reiner Schöne verleiht Brick Tops Bösartigkeit das I-Tüpfelchen. Im Original wirkt er doch ein wenig harmloser. Ich weiß, die Dogmatiker schreien jetzt auf, denn um das Original kommt man gerade bei Snatch nicht herum. Wenn Turkish und Tommy mit Mickey die Konditionen für den nächsten Boxkampf aushandeln, ist das wohl eine der lustigsten Szenen des Filmes überhaupt. Hier treffen zwei sprachliche Welten aufeinander und der Humor, der sich daraus ergibt, ist einfach unbeschreiblich.

9/10 Punkte