EMotional

O.K., kaum einer hätte daran gezweifelt, daß sich die deutsche Nationalmannschaft frühzeitig für die EM 2008 in den Alpen qualifiziert. Diesmal so frühzeitig wie noch keine andere deutsche Nationalelf zuvor. Mit einem Torwart, der bei seinem Verein zur Zeit nur auf der Bank sitzt. Ohne Ballack, ohne Schneider, ohne Lahm, ohne Klose, ohne große Schnitzer... Es ist schon beeindruckend, wie viel Spaß deutscher Fußball auf nationaler Ebene wieder macht. Von 1992 bis 2004 hatte ich nicht den richtigen Spaß an der Nationalmannschaft. Ja selbst als wir 1996 Europameister und 2002 Vizeweltmeister wurden, waren dies nur kurze Momente des Glücks. Absolute Ausnahmen in einem lange währendem Tal der Tränen. Es lag nicht immer an den Trainern, es lag auch nicht immer an den Spielern, es war einfach dieses Anrennen gegen dieses Bollwerk an festgefahrenen Traditionen und Ängsten vor Veränderungen der Verantwortlichen beim DFB und in der öffentlichen Meinung.

Ich weiß nicht welches Tunier das schlimmste war in dieser Zeit. Die WM 1994, die WM 1998 oder die beiden Europameisterschaftstuniere 2000 und 2004? Den Tiefpunkt stellte mit Sicherheit das Trainerduo Ribbeck/Stielike dar. Anscheinend völlig planlos stellten sie die Nationalmannschaft gleich nach den Empfehlungen der Bildredaktion auf. Hätte nur noch gefehlt, daß ein Mario Basler in Holland und Belgien aufgelaufen wäre. Es hätte mich ehrlich gesagt nicht gewundert. Mit Rudi Völler wurde es besser, viel schlechter ging es ja auch nicht. Deutschland wurde mit viel Glück und einer tollen Leistung noch einmal Vizeweltmeister. Wäre die Mannschaft vor dem Finale jedoch auf einen richtigen Gegner gestoßen, ich lege meine Hand dafür ins Feuer, sie wäre gescheitert. Doch Völler machte vieles richtig, er baute Spieler in die Mannschaft ein, die heute Leistungsträger sind. Lahm, Schweinsteiger, Kuranyi, Schneider, Klose und Podolski sind keine Entdeckung Klinsmanns. Das darf man nicht vergessen, nur hatte Völler es ungleich schwerer als der Sonnyboy aus dem Schwabenland. Er mußte Resultate zeigen, denn die Qualifikationen zu den großen Tunieren sind nicht mit Freundschaftsspielen und Confederationscup zu vergleichen. Schon allein darauf gründet mein Respekt vor Rudi Völler als Nationaltrainer. Nur hatte er das große Pech, daß die jungen Wilden damals wirklich noch zu jung waren um Verantwortung in der Nationalelf zu übernehmen. Er zerbrach letzten Endes jedoch an einer Presse, die unfähig war, dies zu erkennen. Zu hart gingen sie mit einem Lächelm im Gesicht gegen ihn ins Gericht. Sein Ausraster nach dem unsäglichen 0:0 gegen Island 2003 läutete seinen Abschied ein, er hatte merklich keine Lust mehr sich ständig dem Stammtisch erklären zu müssen. Aus heutiger Sicht wäre ein Rücktritt zu diesem Zeitpunkt für ihn sicherlich verständlich gewesen. Rudi ließ die Mannschaft aber nicht in Stich, er wollte sie trotz allem ins Tunier führen. Doch auch die Mannschaft konnte die negative Stimmung, die ihr aus der Öffentlichkeit entgegenkam, nicht abwehren. Wenn Du jeden Tag liest wie scheiße Du bist, glaubst Du auch irgendwann selbst daran. So endete Völlers Laufbahn als Nationaltrainer mit 2 Punkten aus der Vorrunde der EM 2004.

Jogi Löw hat es heute einfacher. Er hatte vor der WM 2006 zwei Jahre Zeit, mit Jürgen Klinsmann an der Seite, Völlers begonnenen Neuanfang konsequent durch zu ziehen. Ohne den Druck einer Qualifikation. Der Erfolg beim Confederation Cup gab den beiden Sportleitern soviel Auftrieb, daß man sich sogar von Sepp Meier trennen konnte, ohne daß es den ganz großen Aufschrei in der Öffentlichkeit gegeben hätte. Die deutsche Mannschaft hatte plötzlich wieder Selbstbewußtsein. Eine 1:4 Klatsche gegen den späteren Weltmeister Italien wurde von der Presse zwar auch als Katastrophe wahrgenommen, Eminenzen der Ex-Fußballmacht Deutschland forderten Klinsmanns Rücktritt, doch das Neue konnte nicht mehr aufgehalten werden. Klinsmann und Löw verschafften Deutschland ein neues Fußballgefühl. Ein dritter Platz bei einer Weltmeisterschaft im eigenen Lande. Endstation Halbfinale gegen Italien, nach einer fulminanten Leistung in einen einem Endspiel würdigen Viertelfinales gegen Argentinien. Da war kein Platz für Stammtischnörgelei. Die Enttäuschung währte nur ein paar Stunden, die Party konnte weitergehen, Spieler und Trainer wurden wie Weltmeister vor dem Brandenburger Tor von ganz Deutschland geherzt.

Die deutsche Nationalmannschaft hat wieder einen Stellenwert in unserer Gesellschaft der sich nicht aus der Historie der großen gewesenen DFB Auswahlen vergangener Zeiten generiert, sondern aus ihren eigenen Leistungen. 2:1 in Wembley mit einer Notnagelelf, 3:1 mit einer Notnagelelf gegen in der ersten Halbzeit starke Rumänen. 3 Spieltage vor Ende der Qualifikation das Ticket zur EM 2008 gelöst, da kann man schon mal schlecht gegen Irland spielen. Zumal auch diesmal wieder Stammkräfte fehlten. Man könnte sich auf das nächste große Tunier freuen, wenn da nicht Herr Wielands fürchterliche Recherche wäre...

2 Kommentare:

Herr Wieland (Drei Ecken, ein Elfer) hat gesagt…

Erstmal Danke für den Link.
Die Recherche erledigte allerdings Herr Stefan Rommel, zu dessen Artikel ich unter meinem Text auch verlinkt habe; ich habe das nurnoch etwas überarbeitet.
Sei’s drum, ma’kucken was draus wird.

In Deinem Text kommt mbMn Völler zu gut- und Klinsmann zu schlecht weg. Völler hat uns Demut gelehrt, aber ohne uns Hoffnung zu geben, trotz des guten Abschneidens bei der WM. Denn wie Du schon geschrieben hast, da war Glück bei und jeder den ich kenne würde sicherlich sofort unterschreiben, dass die WM Dritten von 2006 ungleich stärker gespielt haben als die Vizeweltmeister von 2002.

Klinsmann hat sich den Mühlen des DFB entzogen indem er seine Leute installierte. Erhat sich durchgesetzt, gegen Dinge die „immer schon so waren“, egal ob es um Fittneßtrainer, dem Hotel mitten in Berlin oder den Bruch der Tradition der „Torhüter-Ära“ ging.
Er hat dafür gesorgt, dass wieder positiver gedacht wurde; man mag das als amerikanisches Showgelaber erachten, und doch erzielte es Wirkung.

Heute glaubt Deutschland wieder an seine Nationalmannschaft (der Rest der Welt hat eh immer mit D gerechnet), nicht nur weil sie immer irgendwie weit gekommen ist, sondern weil sie mittlerweile mithalten kann. Ohne Klinsmann würden wir uns immer noch selbst leid tun, möglicherweise ähnlich Österreich.

Klinsmann hat wirklich alle Steine umgedreht und zumindest bei allem eine Änderung in Betracht gezogen. Völler war nur ein neuer Trainer in der gleichen Struktur wie eh und je.

tumulder hat gesagt…

Deinen Link zu Stefan Rommel habe ich tatsächlich übersehen. Ich wollte mit dem Artikel keinen falls die Leistung Jürgen Klinsmanns schmälern. Es tut mir leid, wenn dies vielleicht so rüberkommt. Zugebenermaßen wollte ich mich über Rudi Völler eigentlich auch gar nicht so positiv äußern. Mußte aber durch die Recherchen zum Artikel feststellen, daß Rudi einfach andere Vorraussetzungen hatte, als er das Traineramt aus der Not des DFB heraus übernahm. Vielleicht war seine Demut in der Tatsache begründet, daß er das tatsächliche Leistungsvermögen der Nationalmannschaft als einer der wenigen richtig einzuschätzen vermochte.

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