Posts mit dem Label david cronenberg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label david cronenberg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Fast Forward >> Scanners

Verbogene Löffel, per Gedankenkraft wieder zum Laufen gebrachte Uhren. Uri Geller sorgte in den 1970er Jahren mit seinen Fernsehauftritten für eine Renaissance der parapsychologischen Phänomene in der öffentlichen Wahrnehmung. Selbst die Geheimdienste aus Ost und West widmeten sich der Erforschung der übersinnlichen Informationsbeschaffung, allerdings mit enttäuschenden Ergebnissen. Im Kino ließ George Lucas Science-Fiction Helden mittels der "Macht" die Galaxie aus den Händen der imperialistischen Tyrannen befreien und Jack Gold John Morlar Englands Bevölkerung mit psycho-kinetischen Kräften bedrohen. Telepathie und Telekinese waren hipp. Jetzt kann man nicht gerade behaupten, daß David Cronenberg einer der Regisseure ist, die sich blutegelgleich an jedes gerade angesagte Thema saugen und es in einem ihrer routiniert heruntergekurbelten Genrefilme zu monetisieren versuchen. Ganz im Gegenteil, nur wenige Regisseure schaffen wie Cronenberg Genrefilme, die sich eines dermaßen ausgeklügelten psychologischen Unterbaus bedienen und sich dadurch einer gewissen Zeitlosigkeit erfreuen. Ob er in der Neuverfilmung des harmlosen Wissenschaftshorrors Die Fliege Veränderungen der menschlichen Psyche mittels häßlichster körperlicher Veränderungen visualisiert oder später mit der Literaturverfilmung Crash das unverständliche psychologische Element des sexuellen Fetisches anhand der Verschmelzung von Metal und Fleisch verdeutlicht.

Scanners scheint hier ein wenig aus Cronenbergs filmischen Themendiskurs herauszufallen, steht doch nicht der Einzelne im Mittelpunkt des Geschehens, sondern gleich eine ganze Gruppe von Menschen, die aufgrund ihrer übersinnlichen Fähigkeiten, die sie zum Guten, wie auch zum Schlechten nutzen können, als nicht gesellschaftsfähig gilt. Die Macht, die sie über ihre Mitmenschen durch ihre Fähigkeit erlangen können gefährdet die freiheitliche Welt. Allein durch Gedankenkraft können die Scanner die Köpfe ihres Gegenübers platzen lassen, was Cronenberg gleich zu Anfang in einer aus tricktechnischer Sicht auch heute noch sehr beeindruckenden Szene vorführt. Angeführt werden die Scanner von Darryl Revok, dessen Organisation aus dem Untergrund agiert und nicht weniger als die Weltherrschaft anstrebt. Ihm entgegen steht Dr. Ruth, der den Scanner Cameron Vale ausbildet und ihn auf die Suche nach Revok schickt, um Revoks Pläne zu durchkreuzen. So gibt sich Scanners über die gesamte Laufzeit hinweg als zwar ungewöhnlicher, jedoch eindeutig klassischer Agenten-Thriller, auch wenn er dem Zuschauer das klassische Ende eines solchen verwehrt. Das ist dann wiederum ein typisches für Cronenberg, da läßt er das Böse an die Oberfläche der Körper treten. Flammen und Deformationen. Aber auch sonst lassen sich bei genauerer Betrachtung Hinweise auf die größeren Ambitionen des Stoffes finden, die leider durch die teilweise fehlende Stringenz des Filmes in den Hintergrund treten und nicht mit der nötigen Sorgfalt ausgearbeitet erscheinen. Unumstritten darf man hier die kuriosen Produktionsbedingungen verantwortlich machen, unter denen nicht nur Regisseur und Darsteller im winterlichen Montreal litten, sondern auch das Drehbuch, das Cronenberg erst während Dreharbeiten fertigstellen konnte. Cronenberg benötigte im Anschluß fast ein dreiviertel Jahr, um aus dem Material einen Film zu schneiden. Die wirklich großartigen Szenen sind ihm dann auch nicht gegönnt, sieht man einmal vom Anfang und vom Ende ab. Dazu fehlt es gerade dem Hauptdarsteller Stephen Lack an der nötigen Kraft, was in den Szenen, in denen er zusammen mit Michael Ironside - der sich jedoch auch nicht gerade an den Grenzen seines Könnens bewegt - überdeutlich wird. Übrig bleibt ein durchaus unterhaltsamer und visuell eleganter B-Movie, der Cronenbergs Handschrift zwar erkennen läßt, jedoch ein gutes Stück unter den Möglichkeiten des Regisseurs bleibt. Der im Vergleich zu seinem Vorgänger Die Brut vielleicht einen Rückschritt darstellt, jedoch Cronenbergs Entwicklung nicht schadete.

7/10 Punkte

Fast Forward >> Shivers

David Cronenberg ist einer meiner absoluten Lieblingsregisseure. Es gibt nicht viele seiner Zunft, die es wie er verstehen psychischen Horror in physischen Deformationen und Destruktionen darzustellen. Die dabei so provokant, skurril, fast immer auch grotesk vorgehen, ohne in der Exploitation zu enden. Cronenberg ist in diesem Metier ein Meister, seine Filme sind immer auch ein tiefer Blick in die menschliche Seele, spielen mit den unausgesprochenen Ängsten und Verlangen der Menschen. Natürlich ist auch Shivers, Cronenbergs erster als abendfüllend geltender Film, von diesen für ihn so typischen Aspekten erfüllt. Das Zittern erfaßt hier den luxuriösen und weitestgehend autarken Starliner Appartement-Komplex auf einer Insel vor den Toren Montreals. Eigentlich wollte der pensionierte Wissenschaftler Hobbs einen Parasiten entwickeln, der im Einklang mit dem menschlichen Körper lebt und dabei die Aufgaben kranker Organe übernimmt. Doch irgendetwas ist dabei schief gelaufen, der Parasit entwickelt ein unerwünschtes Eigenleben und verwandelt die Versuchperson Annabel Brown offensichtlich zu einem promisken Vamp. Schnell kommen der Hausarzt St. Luc und Hobbs Forschungspartner Linski dahinter, daß der Parasit die sexuellen Gelüste seiner Wirte zur Fortpflanzung seiner selbst forciert. Bevor sie etwas dagegen ausrichten können ist schon die Mehrheit der Mieter des Wohnkomplexes von dem Parasiten befallen. Die, die sich der sexuellen Übergriffe der Nachbarn erwehren, haben genretypisch nur eine geringe Chance auf die Unversehrtheit ihrer Körper. Am Ende stirbt auch Linski, und St. Luc taumelt auf der Flucht vor der großen Orgie durch die anonymen Flure des Gebäudes, bis er sich schließlich auch nicht mehr vor dem Zungenkuß seiner mit dem Parasiten infizierten Freundin im olympianormkonformen Schwimmbecken des Luxusanwesens retten kann. Wer jetzt ein schlüpfriges Sexploitation Ripoff Romeros Nacht der lebenden Toten oder Crazis erwartet, steht aber im falschen Gang der Videothek. Cronenbergs Film ist zwar nicht wesentlich impliziter als die meisten Exploitationer seiner Zeit, auch hier geht es ziemlich blutig, ekelig und alles andere wie in einem Sonntagnachmittagsfilm zu. Doch differenziert sich schon Cronenbergs Art der Inszenierung im wesentlichen durch ihre Nüchternheit von den üblichen Verdächtigen und erzeugt so einen tiefgründigen Horror, der sich schon bald als wunderbare Groteske über die Angst vor einer sexualisierten Gesellschaft herausstellt, deren Plotauflösung er sich bis zum Abspann aufspart. Wer aber schon zuvor genau hinschaut, wird bemerken, daß die zombiesken Sexualtäter ihre Opfer gar nicht töten, daß die tötlichen Verletztungen, die die Opfer erleiden, durch ihren Widerstand selbstverschuldet sind. Der deutsche Titel Parasiten-Mörder wieder einmal reine Spekulation. The Situation is normal, verkündet der Nachrichtensprecher im Autoradio, das Land wird nicht von einer Welle sexueller Übergriffe heimgesucht, die Hysterie erweist sich als unbegründet. Ein Schelm dieser Cronenberg, der mit seinen Filmen den Blick der Menschen auf die Welt verändern möchte.

7/10 Punkte