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Keiner kommt hier lebend raus

Egal ob Hütte oder Villa. So ein Haus dient in erster Linie dem Schutz seiner Bewohner und deren Gäste. Es schützt vor Wind und Wetter und dazu noch vor so manch anderer Gefahr, die sich außerhalb des Hauses formieren könnte. Der Mensch fühlt sich in einer befestigten Unterkunft wesentlich wohler als z.B. in einem Zelt. Das Sicherheitsgefühl steigt je dicker die Wände und stabiler die Türen. Und selbst in Reykjavík, der angeblich sichersten Stadt der Welt, wird wohl jeder lieber in den sauren Apfel beißen und das horrend teure Hotelzimmer einer Übernachtung auf der Straße oder der Parkbank vorziehen. Wenn man dann doch einmal im Zelt oder einfach im Schlafsack am Lagerfeuer übernachtet geschieht das heutzutage in unserer westlichen Welt eher aus Abenteuerlust als aus purer Notwendigkeit. Selbst auf den großen Campingplätzen machen sich Eltern um ihre Kinder sorgen, die anstatt im Wohnwagen doch lieber draußen im Zelt übernachten wollen. Wer weiß, wer da Nachts nicht so alles durch die Anlage streift. Ganz klar, wer nicht in einem Haus übernachten kann lebt gefährlich.

Umso perfider wenn das Haus, das eigentlich ein sicherer Ort ist, zum Ort Gefahr wird. Meist für den Besucher, oft durch seine Bewohner. Auch wenn das Haus letztendlich selbst niemanden getötet hat, so steht es doch in diesen Fällen als Symbol für den Schrecken, der sich dort abspielt. Berühmtestes Beispiel ist wohl das Bates Anwesen aus Hitchcocks Psycho. Selbst wenn man den Film nicht gesehen haben sollte, jeder assoziiert sofort den Anblick des Hauses mit Mord und Totschlag.

Noch fünf weitere mehr oder weniger berühmte cineastische Fälle der Kategorie "Keiner kommt hier lebend raus."

Cannibal Man/La Semana del Assesino
Aus Marcos ärmlichen Haus kommt niemand lebend heraus. Denn Marcos kehrt seine Probleme lieber unter den Teppich oder besser gesagt stapelt er sie in seinem Schlafzimmer. Natürlich Spanien, Hitze, da fängt es schnell an zu müffeln. Und so investiert Marcos seinen kläglichen Lohn, den er in der Lebensmittelfabrik verdient, in sicherlich nicht wesentlich besser riechende Raumdeos. Doch es nutzt alles nichts. Immer wieder sucht sein Besuch nach dem Grund der übelen Gerüche, und dann greift eben das Sprichwort "Curiosity killed the cat". Ganz schön mutig was Eloy de la Iglesia da 1971 auf die Leinwand brachte. Kein Horror, kein Thriller wie Titel und Film Enzyklopädien suggerieren. Eine einzige Abrechnung mit Francos System und dessen erzkatholischer Gesellschaft. Wenn Marcos, der die Leichen in seiner Fleischfabrik entsorgt, von seiner Wirtin eine leckere Suppe mit Fleischeinlage aus eben seiner Fleischfabrik serviert bekommt ist das nur der offensichtliche Teil der Doppelbödigkeit dieses kleinen der Zensur zum Opfer gefallenen Films.


The Devil's Rejects
Das Kahiki Palms Motel steht einladend an einem Highway. Warum nicht ein Zimmer mieten und sich für ein paar Stunden ausruhen? Keine gute Idee. Eine Serienmörderfamilie könnte Sie als Geisel nehmen und erst einmal ordentlich terrorisieren bevor dann das für das Genre so unvermeintliche Ende naht. Rob Zombie spielt hier auf ganz perfide Weise mit dem Zuschauer. Natürlich ist die grafische Gewalt immens, doch spielt sich der wahre Terror eher im Kopf des Publikums ab. Wird die Geschichte doch fast ausschließlich aus der Sicht der Bösen erzählt. Durch die Flucht wird die Familie Firefly zum scheinbaren Opfer, denn der Kleinstadt-Sheriff ist nicht wirklich eine adäquate Identifikationsfigur. Quält und foltert er doch selber aus niederen Rachegelüsten anstatt die Familienmitglieder, die seinen Bruder auf dem Gewissen haben, dem Staatsanwalt zu übergeben. Auf den Gipfel treibt es Zombie in der Schlußszene. Da fahren die drei Überlebenden Fireflys in einem Cadillac Eldorado Cabriolet zu Skynard Lynards Free Bird in den sicheren Tod. Die Geschehnisse im Kahiki Palms Motel immer im Hinterkopf. Oliver Stone hat mit diesem Kniff schon seinen Natural Born Killers zu einem Skandalfilm gemacht. Doch gelingt Zombie der ambivalentere und vor allem intensivere Film. Echter Terror.


Blutgericht in Texas/Texas Chainsaw Massacre
Wirkt dieses Haus nicht einlandend? Auf dem ersten Blick könnte man meinen Pam sucht ein wenig Schatten auf der kleinen Veranda. Eine kühle erfrischende Limondade, natürlich von der guten Seele des Hauses selbst gemacht. Welch ein schöner Sommernachmittag. Aber dann fallen die dunklen Fenster auf. Im Kontrast zum unschuldigen Weiß der Fassade wirken sie irgendwie bedrohlich auf den Betrachter. Und tatsächlich, hier wohnt die wohl bekannteste Familie des Genres. Einen Namen soll sie erst 29 Jahre später in Michael Bays Remake erhalten. Tobe Hooper beschäftigt sich erst gar nicht mit solchen unwichtigen Details. Bei ihm bleibt die Familie weitestgehend anonym. Völlig losgelöst von jeglicher Empathie erschlägt sie ihre Opfer und verarbeitet sie zu Sülze. Die Kettensäge ist nur Mittel zum Zweck ohne weitere Bedeutung. Wirkt der Film heute anfangs vielleicht dated verliert sich dieser Eindruck spätestens im letztem Drittel. Terror total, nicht zuletzt wegen seiner beispielhaften Konsequenz.


Die Nacht der lebenden Toten/Night of the Living Dead

Ein vermeintlicher Ort der Rettung, das Haus in dem sich etwa 90% der Handlung George A. Romeros apokalyptischen Science Fiction Horror Films abspielt. Doch als die ersten Zufluchtsuchenden eintreffen sind seine eigentlichen Bewohner schon tot. Das Haus hat also schon zu Beginn des Filmes als Ort des Schutzes versagt, ohne daß dies dem Zuschauer auf dem erstem Blick offensichtlich wird. Während draußen die Toten wandeln und sich über die Lebenden hermachen um sie zu verspeisen, entwickelt sich im Haus ein Kleinkrieg zwischen Ben und Cooper. Beide beanspruchen die Führerschaft über die kleine Gruppe, die sich im Haus verschanzt hat. Anstatt mit vereinten Kräften vorzugehen verzetteln sie sich immer wieder in Diskussionen über die Vorgehensweise ihrer eigenen Rettung. So wird der Fluchtversuch zu einem Fiasko, die Verbarrikadierung des Hauses nur halbherzig ausgeführt. Die Nacht wird nur Ben überleben, doch der Schein trügt, auch er wird das Haus nicht lebend verlassen. Romero wird seinen verachtenden Blick auf die Menschheit nie wieder so konsequent auf die Leinwand bringen.


Bug
Agnes Appartement ist ihr letzter Zufluchtsort. Hier kann sie sich vor ihrer Vergangenheit verstecken, ihren Lebensschmerz mit Alkohol und Drogen betäuben. Nach ihrem Job als Kellnerin in der abgelegenen Bar ein wenig Zerstreuung finden. Schutz bietet das Arppartement von Anfang an kaum. Gleich zu Beginn leutet das Telefon bedrohlich, der prügelnde Ex-Ehemann kündigt sich an. Doch geht die echte Gefahr von ihrem neuem Freund Peter aus. Geschickt erschleicht er sich erst Zugang zu Agnes Appartement und danach zu Agnes Gefühlswelt. Manipuliert Agnes so, daß sie jeglichen Kontakt zur Außenwelt abbricht. In ihren eigentlichen Freunden eine Bedrohung sieht. Dem Appartement wird zwar keine echte Rolle zugeteilt, doch ist es offensichtlich, daß es Agnes durch seine Abgeschiedenheit und sein soziales Umfeld von der Gesellschaft, die sie vielleicht vor schlimmeren bewahren könnte, trennt. Es bietet Agnes und Peter die nötige Konspiration um ihre Paranoia freien Lauf zu lassen. Das von tendenziellem Overacting begleitete Ende ist hier nur Konsequent. Friedkins kammerspielartiges Spätwerk ist ein Blick auf die selbstzerstörerische Kraft von Verschwörungstheorien. Vielleicht ein wenig mehr, in jedem Fall aber wird es sein Publikum spalten.

Der letzte macht die Tür zu

Als ich gegen Sieben durch die Stadt fuhr lachte mir das Planet Terror Plakat aus dem Schaufenster meiner Videothek entgegen. Und bevor ich noch groß überlegen konnte lud ein freier Parkplatz direkt vor dem Eingang zum kurzen Stöbern ein. Eigentlich wußte ich gar nicht so recht was ich mir ausleihen sollte. Planet Terror jedenfalls nicht. Der ist in meiner Erinnerung noch zu präsent. Während ich also so herumschlendere, ganz entspannt die eine oder andere DVD aus dem Regal nehme und nach kurzem Blick auf den Klappentext wieder zurückstelle, fallen mir zwei Dinge auf.

Zum einen wurde das Angebot kräftig umsortiert, was ich nicht weiter als schlimm empfand und zum anderen war es verdammt still. Irgendwie so ungemütlich still. So still, daß man automatisch selbst versucht so leise wie möglich zu sein. Dabei war ich gar nicht allein in der Videothek. Egal, irgendetwas wird sich doch finden lassen.

Mir dürstete es nach einem Klassiker. Vielleicht etwas mit Rutger Hauer oder Kurt Russel. Die Klapperschlange, Hitcher der Highway Killer. Ja, Hitcher der Highway Killer. Genau. Letztens kam der ja noch in der gekürzten Fassung im Fernsehen. Den wollte ich doch eigentlich sehen, habe es dann aber aufgrund der verstümmelten Version dann doch sein lassen. An der Theke war gerade viel Betrieb, Kundschaft und Schichtwechsel, also entschloß ich mich den Hitcher zunächst selbst zu suchen.

Plötzlich wird die Stille von einer korpulenten Dame, deren Alter ich nur schwer einschätzen kann, durchbrochen. Ich schätze sie jetzt mal zwischen 38 und 55 ein. Wirklich schwer. Ihr Organ war mindestens so korpulent wie ihre Statur und mir war sofort klar, hier weht jetzt ein anderer Wind. "Na hör mal, wir sind hier nicht zum Spass, wir sind hier auffe Aabeit", posaunt es von einem rauchigen und hüstelnden Lachen begleitet durch die Räumlichkeiten. "So, 12 Euro 50 bekomme ich vom jungen Herrn!" Das Ganze in nicht minderer Lautstärke.

Ich entschließe mich nicht nachzufragen wo ich den Hitcher finden kann. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, daß hinter her die ganze mittlerweile gut gefüllte Videothek weiß, welchen Film ich heute Abend schauen möchte. Nicht, daß mir das peinlich wäre. Warum auch? Aber trotzdem habe ich es nicht gerne wenn wildfremde Menschen wissen was ich mir so anschaue. Da kann man ja gleich mit einem Schild "Ich finde folgendes gut..." durch die Gegend laufen. Ich habe aus gleichem Grund auch keine Payback Karte. Aber egal. Ich glaube auch ehrlich gesagt nicht, daß ich ihr den Unterschied zwischen Rutger Hauer und Sean Bean hätte klar machen können. Hört sich jetzt vielleicht ein wenig arrogant an, aber ich hatte absolut keine Lust auf ein längeres Fachgespräch mit dieser Dame.

Also stöberte ich selbst noch ein wenig weiter. Rambo..., Rambo II..., Karate Tiger..., Universal Soldier..., Terminator... Vielleicht steht der Hitcher jetzt doch in der Horrorabteilung.

Ich begebe mich gerade zu einem anderen Regal, da wird die Thekenposaune von echtem Terror abgelöst. In Oktoberfest Bierzeltlautstärke brüllt ohne jegliche Vorwarnung eine akustische Emission Jürgen Drewsschen Ausmaßes aus den Lautsprechern der Videothek. Meine Nackenhaare richten sich auf, mein Magen verkrampft sich, ich leide unter plötzlichem Würgereiz. Jetzt nur noch schnell den Hitcher finden und nix wie weg.

Gerade versuche ich mir die Welt noch schön zu malen indem ich mir einrede, daß der Spuk gleich ein Ende haben wird. Da knallt auch schon die nächste Psychoterrorangriffswelle über mich hinweg. Bildlich gesprochen stand ich da wie Carrie in Brian de Palmas Film als sie mit Schweineblut überschüttet auf der Bühne des Abschlußballes steht. Reagiert habe ich allerdings ein wenig gemäßigter. Ich bin einfach gegangen.

Als ich dann endlich wieder in meinem Auto saß genoß ich erst einmal für ein paar Sekunden die erneute Stille. Beobachtete noch kurz die Gesichter der aus der Videothek kommenden Leute und überlegte ob die jetzt auch einfach so gegangen sind ohne sich etwas auszuleihen. Ich weiß es nicht, die Vermutung liegt aber nahe...