Der letzte macht die Tür zu

Als ich gegen Sieben durch die Stadt fuhr lachte mir das Planet Terror Plakat aus dem Schaufenster meiner Videothek entgegen. Und bevor ich noch groß überlegen konnte lud ein freier Parkplatz direkt vor dem Eingang zum kurzen Stöbern ein. Eigentlich wußte ich gar nicht so recht was ich mir ausleihen sollte. Planet Terror jedenfalls nicht. Der ist in meiner Erinnerung noch zu präsent. Während ich also so herumschlendere, ganz entspannt die eine oder andere DVD aus dem Regal nehme und nach kurzem Blick auf den Klappentext wieder zurückstelle, fallen mir zwei Dinge auf.

Zum einen wurde das Angebot kräftig umsortiert, was ich nicht weiter als schlimm empfand und zum anderen war es verdammt still. Irgendwie so ungemütlich still. So still, daß man automatisch selbst versucht so leise wie möglich zu sein. Dabei war ich gar nicht allein in der Videothek. Egal, irgendetwas wird sich doch finden lassen.

Mir dürstete es nach einem Klassiker. Vielleicht etwas mit Rutger Hauer oder Kurt Russel. Die Klapperschlange, Hitcher der Highway Killer. Ja, Hitcher der Highway Killer. Genau. Letztens kam der ja noch in der gekürzten Fassung im Fernsehen. Den wollte ich doch eigentlich sehen, habe es dann aber aufgrund der verstümmelten Version dann doch sein lassen. An der Theke war gerade viel Betrieb, Kundschaft und Schichtwechsel, also entschloß ich mich den Hitcher zunächst selbst zu suchen.

Plötzlich wird die Stille von einer korpulenten Dame, deren Alter ich nur schwer einschätzen kann, durchbrochen. Ich schätze sie jetzt mal zwischen 38 und 55 ein. Wirklich schwer. Ihr Organ war mindestens so korpulent wie ihre Statur und mir war sofort klar, hier weht jetzt ein anderer Wind. "Na hör mal, wir sind hier nicht zum Spass, wir sind hier auffe Aabeit", posaunt es von einem rauchigen und hüstelnden Lachen begleitet durch die Räumlichkeiten. "So, 12 Euro 50 bekomme ich vom jungen Herrn!" Das Ganze in nicht minderer Lautstärke.

Ich entschließe mich nicht nachzufragen wo ich den Hitcher finden kann. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, daß hinter her die ganze mittlerweile gut gefüllte Videothek weiß, welchen Film ich heute Abend schauen möchte. Nicht, daß mir das peinlich wäre. Warum auch? Aber trotzdem habe ich es nicht gerne wenn wildfremde Menschen wissen was ich mir so anschaue. Da kann man ja gleich mit einem Schild "Ich finde folgendes gut..." durch die Gegend laufen. Ich habe aus gleichem Grund auch keine Payback Karte. Aber egal. Ich glaube auch ehrlich gesagt nicht, daß ich ihr den Unterschied zwischen Rutger Hauer und Sean Bean hätte klar machen können. Hört sich jetzt vielleicht ein wenig arrogant an, aber ich hatte absolut keine Lust auf ein längeres Fachgespräch mit dieser Dame.

Also stöberte ich selbst noch ein wenig weiter. Rambo..., Rambo II..., Karate Tiger..., Universal Soldier..., Terminator... Vielleicht steht der Hitcher jetzt doch in der Horrorabteilung.

Ich begebe mich gerade zu einem anderen Regal, da wird die Thekenposaune von echtem Terror abgelöst. In Oktoberfest Bierzeltlautstärke brüllt ohne jegliche Vorwarnung eine akustische Emission Jürgen Drewsschen Ausmaßes aus den Lautsprechern der Videothek. Meine Nackenhaare richten sich auf, mein Magen verkrampft sich, ich leide unter plötzlichem Würgereiz. Jetzt nur noch schnell den Hitcher finden und nix wie weg.

Gerade versuche ich mir die Welt noch schön zu malen indem ich mir einrede, daß der Spuk gleich ein Ende haben wird. Da knallt auch schon die nächste Psychoterrorangriffswelle über mich hinweg. Bildlich gesprochen stand ich da wie Carrie in Brian de Palmas Film als sie mit Schweineblut überschüttet auf der Bühne des Abschlußballes steht. Reagiert habe ich allerdings ein wenig gemäßigter. Ich bin einfach gegangen.

Als ich dann endlich wieder in meinem Auto saß genoß ich erst einmal für ein paar Sekunden die erneute Stille. Beobachtete noch kurz die Gesichter der aus der Videothek kommenden Leute und überlegte ob die jetzt auch einfach so gegangen sind ohne sich etwas auszuleihen. Ich weiß es nicht, die Vermutung liegt aber nahe...

3 Kommentare:

Matthias hat gesagt…

Eine wirklich sehr schöne Beschreibung dessen, was uns allen in Videotheken so begegnet. Irgendwie empfinde ich diese Läden immer wieder als eine Art Parallelwelt - vergleichbar eigentlich nur noch die mit Spielotheken. Dazu trägt wahrscheinlich auch die akustikfeindliche Rundum-Teppich-Ausstattung bei, die man so nur noch in Videotheken und Spielotheken findet. Früher waren noch Oma-Cafés mit angeschlossener Konditorei ähnlich möbliert, aber auch das ist längst vorbei.

Ich frage mich generell, wie lange es Videotheken noch geben wird. In spätestens 5 Jahren hat doch sowieso jeder entweder einen "Mediaserver" oder eine "Set-Top-Box" zu Hause herumstehen. Dann entfällt der Gang in die Videothek und wird durch einen Klick mit der Fernbedienung ersetzt. Datenintensive Technologien wie Blue-Ray werden dies auch nur bedingt aufhalten können, da zum einen das Internet (siehe VDSL) immer schneller wird und zum anderen, Fernvideotheken (z.B. Amazon) den Bedarf an physischen (Film)Datenträgern bereits heute recht gut decken können.

Ich will jetzt nicht fatalistisch sein, aber ich befürchte, schon in naher Zukunft wird es jede Menge neue Ein-Euro-Shops und Tinten-Tanken in bester Innenstadtrandlage geben.

tumulder hat gesagt…

Ich vermute ja, daß die großen Ketten in den Großstädten da noch ein wenig länger Luft haben. Aber in den kleinen Vororten sehe ich für die Zunft auch keine Chance. Eigentlich schade, denn ich stöber eigentlich gerne.

Tobias hat gesagt…

Ich glaube nicht, das die Videotheken in den Grossstaedten am laengsten ueberleben werden. Es gibt noch erstaunlich viele Orte in Deutschland ohne DSL. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht aendern. Gerade in laendlichen Regionen sind Filme aus dem Internet daher keine Konkurrenz. Ich sehe eher, das die Videotheken in Klein- und Mittelstaedten mit unangeschlossenem Umland bessere Chancen haben.

Kommentar veröffentlichen

Kommentare zu Blogeinträgen, die älter als sieben Tage sind werden weiterhin von mir moderiert. Sei freundlich, fair und bleib beim Thema.