Alle auf die 1

Oliver Reck hält immer noch den Bundesligarekord von nur 22 Gegentoren in der Saison 1988, und den Vergleich mit Oliver Kahn in Bezug auf Spiele ohne Gegentor braucht er auch nicht zu scheuen, obwohl Oliver Kahn im Verlauf seiner Karriere mit Sicherheit die besseren Abwehrstrategen vor sich herumlaufen hatte. Trotzdem wird irgendwann einmal in seinen Nachrufen vornehmlich der "Pannen-Olli" vorkommen. Das ist halt so, daran wird er nichts mehr ändern können. Selbes Schicksal wird wohl auch einem Tomislav Piplica ereilen. Sein Eigentor in einem Spiel gegen Mönchen Gladbach würde sich mit Sicherheit auf jeder Best of Bundesligakuriositäten DVD unter den Top 10 Clips in den vorderen Rängen einreihen. Wie oft er seinen Verein vor einer Niederlage bewahrte wird wohl eher unerwähnt bleiben. Na ja, jetzt wurde er erst einmal von der Presse aus dem Tor seiner Mannschaft geschrieben, nachdem er zwei Gegentreffer kassierte, die sicherlich diskutierbar sind, jedoch nicht als Patzer in die Bundesligatorwarthistorie eingehen werden.

Weniger mußte Jens Lehmann in seiner Karriere unter Pannen leiden, wohl eher unter seinen haarsträubenden Fehlern. Am 16.10.1993 fuhr er schon zur Halbzeit mit der Straßenbahn aus Leverkusen zurück nach Gelsenkirchen, nachdem er maßgeblich bis dahin an allen 3 Gegentoren seiner Mannschaft beteiligt war. Aber auch Holger Gehrke konnte die 5:1 Niederlage nicht mehr verhindern. Doch drei einhalb Jahre später sollte Lehmann dem aufstrebenden einstigen Skandal Club in San Siro in einem unvergessenem Elfmeterschießen den bisher einzigen internationalen Erfolg in der Vereinsgeschichte sichern. Auch in der Folgezeit litt er jedoch immer wieder unter Leistungsschwankungen, so endete seine Karriere beim AC Mailand nach nur einem halben Jahr, nachdem Bastistuta ihm im Seria A Spiel gegen den AC Florenz ordentlich einschenkte und er daraufhin seinen Stammplatz gegen Sebastian Rossi verlor. Der Trainer riet ihm bei den Nero Rossi zu bleiben, seine Zeit solle noch kommen. Doch Lehmann wechselte zum bösen Verein in der Nähe Lüdenscheidts, sein Ruf bei den Schalkern war ruiniert. Rossi erhielt kurz darauf eine Sperre von 10 Spielen, hätte Lehmann doch auf Alberto Zaccherroni gehört. Denn wer weiß, ob er nicht schon vor 2006 die Nr. 1 im Tor der Nationalmannschaft hätte sein können. Seine Leistungen im Tor der Westfalen waren vor allem durchwachsen. So konnte er sich auch dort nicht so richtig zum Liebling der Massen manifestieren. Zum einen weil er Ex-Schalker war, zum anderen weil er sich auch dort immer wieder den einen oder anderen Fauxpas leistete. An das 0:4 im Westfalenstadion, an dem er nicht unwesentlich beteiligt war, erinnern sich heute wahrscheinlich nur noch die Anhänger der Knappen. Erst als er in die Premier League wechselte änderte sich das Bild des leicht verrückten Torwarts aus Essen in Deutschland. 2004 wurde er mit Arsenal Meister, 2006 erreichte er nach seiner wohl bislang besten Saisonleistung das Finale der Champions League an dessen Ausgang auch er einen maßgeblichen unglücklichen Anteil hatte. Nach seiner Leistung bei der WM im eigenen Land war es so, als hätte ein Oliver Kahn nie zwischen den Pfosten der Nationalmannschaft gestanden. Lehmann hielt genauso wie einst im Mai 1997 im Elfmeterschießen gegen Inter Mailand nun gegen die stark favorisierten Argentinier. Deutschland im Rausch, es flossen Glückstränen, Lehmann auf dem Zenit seiner Karriere mit 36 Jahren.

Dieser Jens Lehmann ist Vorbild für den jungen Torwart des FC Schalke 04. Manuel Neuer wurde von den Spielern der Bundesliga zum besten Torwart der Saison 2006/2007 gewählt. Gefeiert von den Fans und von der Presse. Manuel Neuer, der weiße Riese aus Gelsenkirchen, die Zukunft im Tor der Nationalmannschaft. Für Außenstehende stand er plötzlich im Kasten der Schalker und machte den Abgang von Frank Rost schnell vergessen. Nach außen hin strahlt der Mann eine Ruhe und Selbstvertrauen aus, wie sonst nur sehr wenige in seinem Alter. Auch nach seinen Patzern gegen Rostock und Chelsea behauptet er in Topform zu sein. Typisch Gelsenkirchener Großmäuligkeit will man ihm unterstellen. Doch schaut man sich die Szenen einmal genauer an, hatte er in Rostock vielleicht einfach nur Pech weil er den Rostocker hinter Raffinha nicht gesehen hat. Auch der Patzer gegen Chelsea erscheint im objektiven Licht nicht so dramatisch wie auf den ersten Blick. War es doch vorher schon das gesamte Mittelfeld, das Raffinha in eine unnötige 1:1 Situation gegen Malouda brachte und auch Kollege Westermann deckte lieber das Zentrum des Schalker Strafraums obwohl dort schon Bordon gut postiert war. Neuer hat die Situation falsch eingeschätzt und war einfach zu spät unten, so daß ihm der eher schwache aber dafür präzise Flachschuß Maloudas durch Hände und Beine flutschte. Das passiert sogar einem Olli Kahn in WM Finalspielen, nur redet hinter her keiner darüber.

Die Baukastensportberichterstattung der üblichen Verdächtigen hat sich aber schon auf Neuer eingeschossen. Schalke, Torwart, Patzer. Da ist jeder auflagenorientierte Chefredakteur schnell dabei und schreibt das was Nicht-Schalke-Deutschland gerne lesen möchte. Nämlich, daß Schalke erfolglos ist und auch noch einen schlechten Torwart hat. Gestern im Spiel gegen Werder Bremen hatte Neuer eine unglückliche und eine schlechte Szene. Die schlechte war sicherlich Frings halbhohe Flanke auf Sanogo. Da verschätzte sich Neuer und flog an Frings Flanke vorbei. Zum Glück vergab Sanogo. Die unglückliche Szene hatte er zusammen mit Westermann. Der wollte zu Neuer köpfen, doch Neuer stand schon an der Strafraumlinie. Eine Kopie der Szene aus dem Trondheimspiel, die aber auch genauso glimpflich ausging. In zwei Kontersituationen rettete Neuer jedoch glänzend. War es ein Schuß von Almeida den Neuer zur Ecke lenkte? Ich kann mich nicht mehr recht erinnern. Ich sehe nur noch wie er den Ball mit den Fingerspitzen berührt und damit eine Bremer Führung verhindert. Kurz vor Ende des Spiels taucht Sanogo allein vor dem Schalker Tor auf, so wie man es eigentlich nicht nur in letzter Zeit vom Gegner in der Veltins Arena gewohnt ist. Ich halte meinen Atem an, will schon laut Scheiße schreien und mich für die nächsten 6 Wochen krank melden um mich in meinem Keller zu barrikadieren. 9 von 10 dieser Spielsituationen enden in allen Ligen der Welt mit einem Platzverweis des Torwartes oder einem Gegentor. Doch Neuer ist so schnell an der Strafraumgrenze, er baut sich vor Sanogo zu einem Riesen auf, leider spielte er gestern in Schwarz, er kann den Ball mit seiner Brust gerade noch von Sanogo wegleiten. Sanogo ist einfach nur verdutzt und so gelingt auch nicht der Nachschuß ins leere Tor. Genau diese Situationen sind es, die gute und zuverlässige Torwarte von außergewöhnlichen Torwarten separieren. Dies war meiner Meinung nach Neuers beste Szene in dieser Saison.

Doch auch nach dieser Leistung wird natürlich nach weiteren Fehlern Neuers gesucht. Der Kommentar in der Spielberichterstattung der ARD Sportschau wollte einen Fehler Neuers beim Ausgleich der Bremer gesehen haben. Ich fand dies äußerst lächerlich und populistisch, Sportberichterstattung auf Bildzeitungsniveau. Betrachte ich Tim Wieses Leistung beim Freistoßtor Carlos Grosmüllers mit gleichem Maßstab, würde ich ihm raten seine Karriere sofort zu beenden.

Also, immer locker bleiben.

1 Kommentare:

Herr Wieland (Drei Ecken, ein Elfer) hat gesagt…

Ja, auf Neuer wird nun noch ’ne Weile rumgehackt werden. Weil es eben eine einfache Schlagzeile gibt. Aber das vergeht, er muss eben nur sicher halten. Das DSF hat in Bundesliga Pur übrigens äussert Neuer-freundlich kommentiert. Fast schon zu anbiedernd, wie ich fand.

„taucht Sanogo allein vor dem Schalker Tor auf, so wie man es eigentlich nicht nur in letzter Zeit vom Gegner in der Veltins Arena gewohnt ist“

DAS ist eher mein Problem mit Schalke, aktuell. Hier mein Beitrag dazu: Nix Halbes, nix Ganzes

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