Das war 2007 - Teil 4

Das Jahr neigt sich dem Ende. Grund genug für einen kleinen medialen Rückblick in losen Folgen.

Der Zeitverschwender und der Film

Das Kino und der Film sind neben dem Fußball die weiteren großen Leidenschaften des Zeitverschwenders. Lesern die hier regelmäßiger vorbeischausen wird dies schon aufgefallen sein.

Wie sah also mein Filmjahr 2007 aus? Worauf habe ich mich gefreut? Was hat mich entzückt? Was waren die größten Enttäuschungen?

Es war im November 2006, da stolperte ich auf Youtube über einen Trailer, der mich wie selten einer zuvor ganz heiß auf das Kinojahr 2007 machen sollte. Dany Trejo im martialischen Ledermantel, Rose McGowan mit einer dicken Wumme am Oberschenkel, Explosionen, Zombies, ultracooler Sound und ein auf alt getrimmter Look. Am Ende des Trailers waren zwei wohlbekannte Namen in dicken Lettern zu lesen. Rodruigez und Tarantino. Das ganze schimpfte sich Grindhouse Doublefeature. Daß der Trailer inoffiziell war, war mir ehrlich gesagt schnuppe und heizte meine Erwartungen nur noch mehr an. Nach kurzer Recherche waren folgende Fakten auf meinen LCD zu lesen. Rodruigez 60 Minuten, Tarantino 60 Minuten, dazwischen Faketrailer von Rob Zombie, Eli Roth und Edgar Wright. Eigentlich kann so etwas gar nicht mehr in die Hose gehen. Eigentlich.

Im Januar meldeten einige englischsprachige Websites dann schon den ersten Dämpfer. Die Weinsteins sahen keine ordentlichen Vermarktungschancen außerhalb der USA und entschlossen sich beide Filme getrennt voneinander in die deutschen Lichtspielhäuser zu bringen. O.K., warum nicht dachte ich mir noch und begann die alten Exploitationer aus den Grindhouse und Bahnhofskinozeiten zusammenzutragen und auch noch einmal zu sichten. Fulci, Craven, Carpenter, Bava, Deodato, Edmonds, Romero, D'Amato, Lenzi, Hooper und noch einige unbekanntere Regisseure waren im Fokus meines Begehrens. Es war natürlich viel Schrott darunter, wie sollte es auch anders sein, aber ich fühlte mich vor allem zurückversetzt in meine Jugendzeit, in meine Pubertät. Einer Zeit, in der man die Videokataloge durchblätterte und auf Titel wie Xtro, Man-Eater, Zombie 2, Voodoo - Schreckensinsel der Zombies, Cannibal Ferox usw. traf. Man sah sich die Bildchen an, laß die Inhaltsangabe und es war klar, diese Filme mußten gesehen werden. Irgendwie hatte man immer einen Freund oder Bekannten, der einen Bruder oder Verwandten hatte, der einem die entsprechenden Filme ausleihen oder sonst wie besorgen konnte. Dann saßen wir nach der Schule bei irgendeinem Schulfreund, dessen Eltern ihm eine eigene Bude im Keller oder auf dem Dachboden gönnten und sahen New York Ripper, Muttertag oder das Kettensägenmassaker. Wenn wir Glück hatten, waren auch unsere angebeteten Mädels dabei. Das spannenste an diesen Nachmittagen war natürlich die gefühlte Konspiration und ob die Mädels auch wirklich kommen. Die Filme an sich hielten meist gar nicht, was die Titel versprachen. Sie wirkten vor allem billig, hatten kaum eine Handlung oder rückblickend betrachtet verstanden wir damals noch gar nicht den doppelten Boden, den vor allem die amerikanischen Vertreter des Genres mit sich brachten. Wer von uns mochte damals schon die gesellschaftliche Kritik in Cravens Hügel der blutigen Augen, Romeros Dawn of the Dead oder Hoopers Kettensägenmassaker erkennen?

Die Geschichte um Planet Terror und Death Proof ist dann aber doch schneller erzählt. Death Proof kam zuerst in die Kinos, ist vielleicht der intelligentere, der formal bessere aber leider auch unzugänglichere Filmdes zerhackstückelten Doublefeatures. Zumindest für mich, da Herr Tarantino halt doch mehr Schrott in seinem Leben konsumiert hat. Um gute 20 Minuten zu lang grast Tarantino noch einmal alles ab, was er schon irgendwie mit Pulp Fiction, Jacky Brown und auch Kill Bill erledigt hatte. Death Proof ist kein schlechter Film und er ist seinen Vorbildern auch um längen vorraus, doch merkt man ihm an, daß er sich bemüht die 90 Minuten voll zu kriegen.

Rodruigez Planet Terror ist der kurzweiligere Film. Er ist genau das, was wir uns als 14 oder 16 jährige Jungens von diesem Genre erhofft hatten. Eine kunterbunte Achterbahnfahrt durch die Fantasien pubertierender Jungens, deren Ansprüche an einen guten Film lediglich aus dem Wunsch nach coolen Sprüchen, Sex, Action, Splatter und ein paar Witzen bestehen. Wer sich damit zufrieden gibt, wird auch bestens von Planet Terror bedient. Mir war dann die zweite Hälfte doch zu lustig, irgendwie eine blutigere Variante von Scary Movie. Und so etwas mag ich überhaupt nicht. Somit war Planet Terror schon die größere Enttäuschung, fing stark an, ließ stark nach.

Was gab es sonst noch?

Die Simpsons - Der Film, war dann doch sicherlich der überflüssigte Kinofilm in diesem Jahr. Lediglich eine lang gezogene Folge, deren beste Gags schon in den Trailern zu bewundern war. Das hat mich gar nicht überzeugt. Wo war die Anarchie? Wo waren die Promis, die man in einem Kinofilm der Simpsons erwartet? Wo war sie, die bissige Satire, die die Serie zu dem gemacht hat, was sie heute nicht mehr ist? Und vor allem, was ist am Spider-Schwein eigentlich lustig?

Dann waren da auch noch die bösen 300 Spartiaten. Meine Herren, an keinen anderen Film haben sich die Kritiker dieses Jahr die Zähne so ausgebissen, wie an diesem harmlosen Pop Objekt. Homophob sei der Film, ein faschistoides Machwerk in Riefenstahl Ästhetik. Die Iraner beschwerten sich über die androgyne Darstellung Xerxes, die Perser wären zu bösartig dargestellt. Ein antiiranischer Film, eine vom Pentagon mitfinanzierte Irak-Kriegs-Durchhalteparole. Dabei war der Film lediglich eine gelungene Comicverfilmung ohne Interpretationsmöglichkeit. Das sieht auch Knut Brockmann in seinem Essay auf G-Wie-Gorilla so. Mich hat der Film gut unterhalten, obwohl er wohl nicht in meiner persönlichen Hall of Fame auftauchen wird.

Gut unterhalten fühlte ich mich auch von Fresnadillos 28 Weeks Later, dessen Inszenierung im letzten Drittel einem Videospiel gleicht. Produziert wurde er von Dany Boyle, der mit Sunshine wieder die Ruhe und schöne Bilder des Weltraumes ins Science-Fiction Genre einfließen ließ. Schlecht unterhalten wurde ich von Bays Transformers, der einfach so dämlich wie ein typischer Bay daherkam und dabei das Versprechen der totalen Verwüstung nicht annähernd einlöste.

Auch Rob Zombies Halloween war für mich eine böse Überraschung. Da liefert der begabte Regisseur in der ersten Hälfte der Neuverfilmung Carpenters stilistisch stärksten Filmes einen neuen Ansatz im Slasher Sujet, in dem er nicht das Opfer beleuchtet, sondern sich dem psychischen Werdegang Michael Meyers widmet. Sein Verhältnis zu seiner Familie und Dr. Loomis zur Exposition stellt, nur um dann in der zweiten Hälfte einen beliebigen, langweiligen und fantasielosen Teenslasher in dümmlichster Hollywoodtradtion abzuliefern. Verstehe das einer wer will. Dümmlichster Schrott in Hollywoodtradition waren auch 30 Days of Night, The Reaping, Motel und natürlich, wie nicht anders zu erwarten, Saw 3.

Wächter des Tages war letztendlich kein Schrott, jedoch viel zu hektisch und unübersichtlich, auch wenn die Apokalypse am Ende des Filmes einfach toll anzusehen ist. Trotzdem, mir gefällt Antiheld Anton, der eine schöne Abwechselung zum amerikanischen Kino darstellt und Moskau als Schauplatz wirkt so exotisch für ein Fantasyspektakel, dagegen kommt Mittelerde schon heimelich daher. Ridley Scotts Versuch eines American Gangsterepos lasse ich jetzt einmal aus und verweise lieber auf die Kritik von TheRudi. Der kann das viel besser als ich. Ich ärgere mich immer noch darüber wieder einmal auf den alten Werbefilmer hereingefallen zu sein.

Kurzweiligkeit kann ich wiederum der Videospielverfilmung ohne Vorlage Shoot 'Em Up bescheinigen, deren Halbwertzeit dürfte jedoch noch unter der, der letztjährigen Videospielverfilmung ohne Vorlage Crank liegen. Clive Owen gibt hier den Max Payne, die Belluci die Mona Sax. Ganz so düster wie der indizierte Action Shooter aus dem Hause Remedy wird es aber dank Paul Giamattis glänzender Vorstellung als verbissener Bösewicht nicht. Nicht zu viel erwarten, dann hat man seinen Spaß.

Abschließend noch zwei wirkliche Überraschungen

Die eine kommt von, ich hätte es echt nicht für möglich gehalten, Eli Roth. Hostel 2 war lange nicht so schlecht wie es anzunehmen war. Vor allem war der Film lange nicht so blutig wie überall kolportiert wurde. Auch nicht im jetzt erschienenen Directors Cut. Roth macht im zweiten Teil einiges wieder gut, was er im ersten Teil irgendwie verbockt hat. Klar, er erzählt die gleiche Geschichte noch einmal. Aber dies macht er jetzt endlich richtig. Eine gute Prise Zynismus macht aus der schnöden Folterstory Hostel eine kleine böse Satire ohne jedoch ins Komödienfach abzurutschen. Dabei bringt er noch das eine oder andere Filmzitat unter und schafft es spielend sie nicht aufgesetzt wirken zu lassen. The Last House on the Left habe ich z.B. erst jetzt bei der zweiten Sichtung entdeckt. Natürlich ist Hostel 2 immer noch ein böser kleiner billiger Reißer und keine filmische Offenbarung, dafür ist der doppelte Boden dieses mal unübersehbar. 3..2..1.. Meins!



Die zweite Überraschung ist auch gleichzeitig mein diesjähriger Lieblingsfilm. Vom Feuilleton und Kinopublikum schmerzlich unbeachtet. Von manchem Kritiker zu unrecht klein und schlecht geschrieben startete im Januar ein großartiger Film in den deutschen Kinos. The Fountain von Darren Aronofsky behandelt das Thema vom Leben und Sterben so einfühlsam und dennoch so optimistisch wie lange kein Film vor und vielleicht auch lange nicht nach ihm. Auch hier gibt es eigentlich nicht viel zu interpretieren, die drei Geschichten, die doch eigentlich ein und die selbe sind fügt Aronofsky zu einer Botschaft zusammen. Habe keine Angst und lasse los. Hugh Jackman und Rachel Weisz spielen fantastisch, Aronofskys Bilder sind betörend, Clint Mansells Score ist mitreißend. Gefühlskino par excellence. Weit ab vom gewohnten Getöse der Filmindustrie, vom weichzeichnerischen Oscarkino, vom üblichen Taschentuch Kitsch. Zwar diesem manchmal gefährlich nahe, doch bekommt Aronofsky immer wieder rechtzeitig die Kurve.

Wenn Spiegel-Online schreibt,

"Dann gibt es noch den Trash, der nicht als solcher gedacht ist, die schlimmste Kategorie von allen: der zur Katastrophe mutierte Kunstfilm. Der heiß ersehnte ‚The Fountain‘ von Darren Aronofsky ist ein solches Exemplar […] Besonders um die Schauspieler kann es einem Leid tun. […] Kunst soll das sein, bedeutungsschwer und wichtig. Tatsächlich ist es nur banal, prätentiös und nervtötend"

, dann kann es sich nur um einen Film handeln, der mit den Konventionen bricht, der das Interpretieren nicht zuläßt. Der eine so klare und einfache Botschaft hat, daß man sich beim Leser nur lächerlich machen kann, will man sie ihm auch noch erklären. Das mögen Filmkritiker nicht, das macht sie wütend, weil sie an ihre Grenzen stoßen, weil sie sich klein, dumm und überflüßig vorkommen. Es wurden schon ganz andere Werke von weitaus bekannteren und erfolgreicheren Regisseuren auf diese Weise zerrissen. Aronofskys Film wird es überleben, vielleicht wird er erst in ein paar Jahren als das was er ist erkannt. Mir hat er schon jetzt gefallen.

Update: Nach meinem gestrigen Weihnachtseinkauf hatte ich noch Lust auf ein wenig Kino. Persepolis zeichnet das Leben der iranischen Comic Zeichnerin Marjane Satrapi als urkomisches, dennoch ernsthaftes Biopic. Der Debutfilm von der heute in Frankreich lebenden Künstlerin überrascht mit bissigem Humor, einer kleinen aber feinen und für jeden verständlichen Geschichtsstunde zum Thema Iran und einem künstlerischen sympathischen Zeichenstil. Absolut liebens- und empfehlenswert! Reingehen!

Wird fortgesetzt...


4 Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

Eine große Ehre für mich, dass du mich in deinem Jahresrückblick erwähnst und mein American Gangster bashing verlinkst *g*

Zustimmung fast gänzlich zu THE FOUNTAIN, außer dass er nicht mein Lieblingsfilm war, aber dazu mehr in meinem eigenen Jahresrückblick diese Woche. Über Spiegel Online kann ich nur den Kopf schütteln, wer Aronofskys Werk als "Kunst-Trash" bezeichnet, der hat als Filmkritiker nichts verloren!

tumulder hat gesagt…

Zum Glück hat die Spiegel Kultur Redaktion ja bald einen neuen Chef, das wird sich auf Spiegelonline auswirken. Ich lese Deinen Filmblog im übrigen sehr gerne. Mein Filmjahr war ja wie zu lesen vor allem durch die Vorfreude auf Grindhouse geprägt, die natürlich auch meine Filmauswahl beeinflußte. Wenn man sich auf Dauer mit soviel Unsinn beschäftigt, wie ich es dieses Jahr getan habe, lechzt man vielleicht geradezu nach Filmen von Regisseuren wie Aronofsky. Ich kann Zombies und Konsorten jedenfalls schon nicht mehr sehen;-)

TheRudi hat gesagt…

Dann bleib I AM LEGEND lieber fern ;)

Fand auch deine Worte zu TRANSFORMERS cool - GRINDHOUSE wäre meiner Ansicht nach besser in der zusammengeschnittenen US-Version gewesen, getrennt, wie du vielleicht bei mir gelesen hast, waren sie eher enttäuschend.

tumulder hat gesagt…

Da mußte ich mir doch schnell noch vor der Bescherung den Trailer ansehen. Will Smith möchte anscheinend das Fach wechseln, da bin ich mal gespannt ob ihm das gelingt. Frohe Weihnachten!

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