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Das Kabinett des Dr. Parnassus

Imagination. Vorstellungskraft. An der hat es Terry Gilliam und seinen Filmen nie gefehlt. Egal ob nun Brazil oder Fear and Loathing in Las Vegas, Time Bandits oder Tideland. Gilliams Figuren haben ihre Kämpfe in einer surrealistischen Fantasie auszutragen. Das ist oftmals chaotisch, wirkt manchmal überambitioniert, ist aber immer ein schräger Gegensatz zum Mainstreamkino mit seinen vorgegebenen Rahmenbedingungen. Jeder Gilliam Film spaltete bisher die Filmgemeinde, man muss Gilliams Art Filme zu drehen einfach mögen, um überhaupt einen Zugang zu ihnen zu finden. Vor allem wenn das Drehbuch aus seiner eigenen Feder stammt. Eine Schwäche Gilliams, so sehr man auch seine Filme für den anderen Blickwinkel, den sie immer wieder einnehmen, lieben darf.

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Heath Ledger Groupies sind natürlich auch schon ganz heiß...

Fear and Loathing in Las Vegas

Gonzo. Was ist eigentlich Gonzo? Irgendetwas Verrücktes muß Gonzo sein. Ein Genre im Pornofilm, der Dorftrottel im kleinem Ort in der Nähe Palermos, meine Lieblingsfigur neben Beaker in der Muppet Show oder der Typ, der in einer Bostoner Kneipe das Saufgelage als letzter auf beiden Füßen stehend überstanden hat. Und da wären wir auch schon fast am Ziel. Gonzo-Journalismus, so nennt sich auch der subjektive, von Sarkasmus und Überspitzungen vereinnahmte Schreibstil zwischen Berichterstattung und Fiktion, dessen Ursprünge sich in den 30ern Jahren finden, jedoch erst durch Hunter S. Thompson zu Beginn der 70er Jahre eine große Popularität erfuhr. 1971 erschien Thompson Roman Fear and Loathing in Las Vegas, in dem er sein Alter Ego Roaul Duke mit dem samoanischen Rechtsanwalt Dr. Gonzo nach Las Vegas, der amerikanischsten aller amerikanischen Städte schickt, um über das Mint 400 Rennen in der Wüste Nevadas zu berichten. Im Kofferraum und Blutkreislauf eine schon bald unüberschaubare Flut von psychedelischen Drogen, begeben sich die beiden auf die Suche nach den Überbleibseln des neuen amerikanischen Traumes, die schon bald in einen paranoiden Selbstzerstörungstrip endet.

Wo Duke und Dr. Gonzo auflaufen, übernimmt das Chaos die Herrschaft über die Szenerie. Verwüstete Hotelzimmer, mit dem Messer bedrohte Fotografen, Kellnerinnen, unbezahlte Rechnungen und Suizidversuche. Unmöglich in diesem Zustand über das Mint 400 zu berichten, aber es wäre ebenso unsinnig über dieses Wüstenrennen, das sich nach wenigen Minuten durch den aufgewirbelten Wüstenstaub selbst für den Außenstehenden als unüberschaubares Chaos gibt, auf konventioneller Art und Weise Bericht zu erstatten. So des Dukes Überzeugung, der stattdessen versucht seine Drogenerfahrungen in einem Roman zu verarbeiten. Fear and Loathing in Las Vegas. Am Ende wird Roaul Duke jedoch wieder unverrichteter Dinge nach Los Angeles zurückkehren, nicht ohne vorher noch völlig breit einem Anti-Drogen Kongress der Staatsanwälte beigewohnt und ein noch größeres Trümmerfeld hinterlassen zu haben.

Man könnte meinen, Gilliams Film wäre einfach nur eine Achterbahnfahrt zweier Spinner, die sich auf einem Drogentrip befinden und dabei die Kontrolle verlieren. Und ja, warum sollte man dies nicht gelten lassen? Schließlich bietet der Film oberflächlich betrachtet nichts anderes als einen 120 minütigen Drogenexzess mit all den Auswirkungen eines solchen. Spaß, Hysterie und Katerstimmung nach dem morgendlichen Erwachen. All die Überheblichkeit und Arroganz gegenüber dem Establishment, seinem Irrwitz, die im Rausch Dukes und Dr. Gonzos in übersteigerten Ausmaß zur Entfaltung kommen, was für einen Sinn sollte dies alles sonst haben? Der Witz, die Satire, die sich weniger auf Dukes und Dr. Gonzos Opfer bezieht, als auf die beiden Protagonisten selbst, wird jedoch während der genaueren Betrachtung des Filmes erkenntlich. Was hat all die Provokation, der äußerliche und innerliche Aufstand gegen das konservative Amerika gebracht? Die Rebellion gegen die Borniertheit des reaktionären Bürgertums, der Kampf um die Freiheit, um die Veränderung der Welt. Versinnbildlicht durch das Gebären seiner Hauptfiguren, das noch nicht einmal mehr wirklich provozieren kann. Die beiden werden nicht einmal mehr von denen beachtet, gegen die sie ankämpfen wollen, die sie verachten. All ihre LSD Paranoia nichts als ein schlechter Witz. Kein Mensch in Las Vegas und Umgebung interessiert sich für sie. Am Ende ist nichts geschehen. Kein Knast, keine Prügel, kein Tod auf dem Highway. Was hat das Aufbegehren letztendlich gebracht, außer der Beliebigkeit, mit der die einstiegen Feinde nun den Dissidenten entgegentreten? Ein Irrglaube, die Welt allein durch Acid, Gras und dem Vertrauen in die Kraft eines Zeitgeistes verändern zu können. Dukes und Dr. Gonzos Drogeneskapaden sind nichts anderes als die Flucht vor dem Kater, den das Scheitern der Hippie Bewegung Ende der 60er Jahre mit sich brachte. Nixon und Vietnam, statt Love and Peace.

In der zweiten Hälfte des Filmes, der sich insgesamt stark an den als unverfilmbaren Stoff Thompsons hält, kommt dies verstärkt zum Ausdruck. Duke und Dr. Gonzo sind nicht mehr die Agitatoren, die sie noch anfangs zu sein schienen, sondern nur noch auf der Flucht vor dem Chaos, das sie zuvor hinterließen. Drogen, na klar, wie soll man sich sonst vor der Realtität retten können? Die Party ist schon längst vorbei, alle Versuche, sie noch einmal in Gang zu bringen, können nur scheitern. 1965, das war eine andere Zeit, sechs Jahre später sollte man lernen den Spaß in der Niederlage zu erkennen. Gilliams weiß dies alles in seinem Film unterzubringen, der selbst durch und durch auf den Pfaden des Gonzos wandelt und nur an den Stellen halt macht, die sich nicht mit dem Medium Spielfilm vereinbaren lassen. Johnny Depp, eng mit Hunter S. Thompson befreundet, und Benicio del Toro ist der Spaß an ihrer Performance zwischen Karikatur und Overacting, das für Gilliams Chaos überaus wichtig ist, deutlich anzusehen. Gilliam steuert diesem Wahnsinn ansatzlose CGI Montagen, schräge Kameraeinstellungen und einen überbordenen Symbolismus bei. Formalitäten, die aber nie zur Hauptattraktion des Filmes werden, sondern sich immer ganz dem Geschehen und Thompsons Erzählung unterzuordnen wissen. Es ist schade, daß dieser Film wohl 30 Jahre zu spät entstanden ist und dadurch einem Publikum vorgeführt wird, das sich doch gar nicht mehr mit seinem eigentlichen Inhalt identifizieren kann. Der diesem irgendwie so fremd erscheinen muß, daß da letztendlich nur noch Gilliams Inszenierung Dukes und Dr. Gonzos Wahnvorstellungen übrig bleibt. Keine Frage. Doch besser ein zu spät verfilmter Stoff, als nie verfilmter Stoff. Und vor allem, was ändert das an der Tatsache, daß Gilliam hier einen der wunderbarsten Filmbeiträge zum Kino der 90er Jahre abseits der Tarantino und Boyle Hinterherhechelei erschaffen hat?

8/10 Punkte

Tideland

Vor dem Hauptfilm gibt Terry Gilliam noch schnell eine Erklärung ab. Eine Erklärung wohlgemerkt. Kein übliches Grußwort, wie es bei den zahlreichen Sonder Editionen, Director Cuts und Jubiläums Ausgaben mittlerweile Usus ist. Eine Erklärung. O.K., Texttafeln, die den folgenden Film eindeutig im Reich der Fantasie verorten, vor verstörenden Bildern warnen oder die Neugier durch den Verweis auf die wahre Begebenheit anheizen, die ist man gewohnt. Aber ein Regisseur, der sich vor Beginn seines Filmes hinstellt und Anweisungen gibt, wie sein Werk anzuschauen ist, das ist eher selten.

Jeliza-Rose ist ein achtjähriges Mädchen, und schon in den ersten Einstellungen des Films wird klar, daß ihr Leben in alles anderen als normalen Bahnen verläuft. Ihre Eltern sind Junkies der bedauernswertesten Sorte, die nicht nur ihr eigenes Leben mit Schmackes in die Tonne werfen, sondern auch mit ungebremsten Enthusiasmus das ihres Kindes vor die Wand fahren werden. Jeliza-Rose muß sich selbst vor dem unausweichlichen Frontal-Crash schützen und flüchtet sicherheitshalber in ihre Fantasiewelt. Nach dem Goldenen Schuß ihrer Mutter verkrümelt sich Vater Noah mit seiner Tochter auf's Land ins verrottete Landhaus seiner eigenen Mutter, die natürlich selbst schon längst das Zeitliche gesegnet hat. Puh, das Leben ist anstrengend, Zeit für einen kurzen Abstecher ins Land der Träume, Jeliza-Rose bereitet wie gewohnt das Besteck. Doch diesmal wird ihr Vater nicht aus dem Kurzurlaub zurückkehren, was die Achtjährige jedoch nicht weiter zur Kenntnis nehmen möchte. Weiterhin berichtet sie ihm von ihren Erlebnissen, von ihren neuen Freunden aus der Nachbarschaft, die sich selbst als sehr sonderbar herausstellen. Dell, Noahs Jugendliebe, ist sehr entzückt über die Rückkehr ihres einstigen Liebhabers, und wer tote Tiere präparieren kann, dem gelingt das auch mit einem toten Junkie. Zwischen ihrem geistig behinderten Bruder Dickens und Jeliza-Rose entwickelt sich eine Freundschaft, die sich kurz vor dem Finale des Films in kindliche Liebe verwandeln wird. Schließlich teilen sich Dickens und Jeliza-Rose nicht nur ein ähnliches Schicksal, sie leben auch in der selben Welt.

Man müsse sich von seiner herkömmlichen Betrachtungsweise eines Filmes verabschieden, so Terry Gilliams im Vorwort zu Tideland. Der Film ist komplett aus der Perspektive Jeliza-Roses inszeniert. Viele werden ihn mögen, manche hassen, und wiederum andere werden vielleicht gar nichts mit ihm anfangen können. Darauf kommt es Gilliam jedoch nicht an. Wichtig sei ihm, daß über das Gesehene nachgedacht und gesprochen werde.

Das sind nicht gerade die Worte eines Regisseurs, der von seinem Werk überzeugt scheint. Ja, und tatsächlich scheint mit Tideland vieles nicht zu stimmen. Nicht daß Tideland nicht ohne weiteres als Terry Gilliam Film zu erkennen wäre, daß er nicht all die in seinen vorherigen Filmen so geliebten subtilen Elemente wie die schrägen Einstellungen, Weitwinkel-Aufnahmen und schrillen Typen mitbringen würde, die seine gesellschaftssatirischen Stoffe bisher so einzigartig machten. Sie trotz ernster Themen so vergnüglich gestallteten. Sie sind alle vorhanden, jedoch genau sie sind es, die Tideland einfach nicht funktionieren lassen wollen. Sie wollen einfach nicht zum ernsten Thema Tidelands passen. Egal ob sein Film nicht eine Sekunde die Perspektive des die Realität verdrängenden Kindes verlassen möchte. Die Verwahrlosung und Mißhandlung von Kindern will sich, auch wenn das vielleicht in literarischer Form funktionieren kann, einfach nicht mit Gilliams satirisch humoristisches Traumkorsett pressen lassen. Es nimmt diesem Verbrechen zuviel seines Schreckens. Ohne Frage, es ist in seinem Film jederzeit deutlich zu erkennen, was der kleinen Jeliza-Rose von den Erwaschsenen angetan wurde, die psychische und körperliche Mißhandlung des Mädchens und ihre Verdrängungsmechanismen sind offensichtlich. Doch geht Gilliams im Drehbuch als auch in der Inszenierung zu sanft, zu inkonsequent mit den Gegensätzlichkeiten der realen Welt und Jeliza-Roses Wahrnehmung um. Der Schrecken will sich nicht als Schrecken entpuppen. Gilliam verpaßt es Realität und Traum direkt miteinander zu verknüpfen. So wirkt die Handlung seines Filmes nicht nur streckenweise mehr als zerfahren. Zerfahrener als die Gedanken und Gefühle eines Kindes vielleicht sein könnten. Es fehlt einfach der emotionale Zugang zu den Figuren. Vor allem zur Protagonistin, deren Darstellung zu allem Überfluß auch noch unter den überambitioniert wirkenden Schauspielkünsten Jodelle Ferlands leidet. Seltsam gefühllos kommt Tideland daher, viel zu sehr auf seine Fantasterein als auf das Schicksal seiner Hauptdarstellerin konzentriert. Künstlich mit Gilliams gewohnten Skurrilitäten vollgestopft, doch will man diesmal nicht über sie lachen. Erstens ist das Thema des Films einfach nicht für sie geschaffen, zweitens wollen sie die Geschichte nicht weiterführen. Szenen, so schön und handwerklich gut sie auch sein mögen, fühlen sich völlig überflüssig an. Anstatt den Stoff zu verdichten, verwässern sie ihn nur. Und so aufgesetzt die Handlung zwischen Alice im Wunderland und Texas Chainsaw Massacre gibt sich dann auch das Ende, das zwischen gewolltem Kitsch und unglaublicher Überforderung des Regisseurs pendelt.

Nein, so sehr ich mich auch anstrenge irgendetwas gutes in Tideland zu entdecken, ich schaffe es einfach nicht. Einmal von Gilliams Mut abgesehen, sich überhaupt so eines schweren Stoffes anzunehmen, der nicht nur im Kino zu den gesellschaftlichen Tabus zu zählen ist. Gilliam ist einfach ein zu guter Mensch, als daß er sich eindringlich eines so zermürbenden und zerstörerischen Themas wie das der Kindesmißhandlung adäquat annehmen könnte. Er schafft es einfach nicht Jeliza-Rose und damit auch dem Zuschauer wirkliches Leid zuzufügen. Leid, daß es einem ermöglicht die Traumwelt des Mädchens selbst zu betreten. Und das wäre doch hier so wichtig, um den Kern der Sache nahe zu kommen. All die anderen Mißgeschicke dieses Filmes seien an dieser Stelle unerwähnt, da sie eh nur noch als Marginalien gelten dürften.

2/10 Punkte

12 Monkeys

2035. Die Menschheit lebt unter der Erde, da sich auf ihrer Oberfläche ein Virus ausgebreitet hat, der nur noch Fauna und Flora überleben läßt. Wer nicht systemkonform lebt wird in Gefängnisse – nein -, Käfige gesperrt und mit Glück als „Freiwilliger“ ausgewählt, der im Schutzanzug ans Tageslicht muß, um Kleinstgetier für wissenschaftliche Versuche zu sammeln. Eine skurril technokratische Welt ist das im Jahr 2035. Da James Cole während seiner Expeditionen Nervenstärke und Zuverlässigkeit bewiesen hat, wird er auserkoren ins Jahr 1996 zu reisen, um Informationen über die Armee der 12 Monkeys zu sammeln, die dem Glauben der Wissenschaftler nach für das menschenfeindliche Virus verantwortlich sind. Als Belohung winkt ihm die völlige Resozialisierung samt Straferlaß. Doch Cole landet nicht nur im Jahr 1990, sondern auch in der Psychiatrischen Klinik. Natürlich glaubt man dem verwirrten und mit Drogen vollgestopften Cole dort kein Wort, als er von der großen Katastrophe spricht, von den 5 Milliarden Menschen, die 1996 von einem Virus dahin gerafft werden sollen.

Terry Gilliams Stärke lag schon immer in der ausufernden Inszenierung surrealer Traumwelten, im Spiel mit der Realität und der Fiktion. Mit 12 Monkeys schafft er es aber noch mehr als eine solcher starken Traumwelten zu erschaffen, in der sich seine Figuren zurecht finden müssen. Der Zuschauer wird gleich selbst Opfer der Schwebe zwischen Realität und Fiktion, in der sich Gilliams Protagonisten wähnen. Ist man sich gerade noch sicher, daß Cole wirklich aus der Zukunft kommt, um der dortigen Menschheit wieder ein Leben an der Oberfläche zu ermöglichen - zumindest wäre es so, ließe sich Gilliams Film ausschließlich als üblicher Genrestoff lesen -, kommen schon bald Zweifel an dem gerade Gesehenen auf. Egal ob sich Cole in der Zukunft aufhält oder in der Gegenwart, das Wesen, die Atmosphäre der Orte an denen er gefangen ist, sind wie auch sein körperlicher Zustand immer die selben. Die Wissenschaftler in der Zukunft erscheinen durchgeknallt wie die Patienten der Psychiatrie, in der er in der Gegenwart gesteckt wird. Die sich bei näherer Betrachtung ebenso surreal erweist wie die Zukunft, aus der er kommen will. Keine Frage, das kann keine psychiatrische Einrichtung in einem Amerika der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts sein. Eher eine, die einer lebhaften Fantasie entsprungen ist.

Aber nicht nur Psychiatrie und zukünftiges Gefängnis weisen Parallelen in ihrem Surrealismus auf. Auch Philadelphia selbst erscheint in der Gegenwart ebenso apokalyptisch wie in Coles Zukunft. Es sind vernachlässigte Straßenzüge und Gegenden in denen Cole mit dem Entführungsopfer, seiner Psychiaterin aus dem Jahr 1990, Kathrin Railly, herumstreift, um die Armee der 12 Monkeys zu finden. Dampfende Gullideckel, stinkende Müllberge, dunkle Obdachlosenverstecke, die sich gefährlich wie Raubtierhöhlen geben. Mit Prophezeiungen beschmierte und zuplakatierte Fassaden und Zäune. Je weiter der Film fortschreitet, umso mehr kommen Zweifel an Coles Glaubwürdigkeit auf. Doch in dem Maße, in dem Gilliam den Zuschauer und auch Cole davon zu überzeugen scheint, daß Cole nur ein geisteskranker Phantast sei, der sich aus Fragmenten seiner Erinnerung etwas zusammenspinnt, beginnt Kathrin Railly, die schon längst mehr als Coles Psychiaterin und Entführungsopfer ist, an Coles Schicksal zu glauben. Sie findet augenscheinliche Beweise für Coles behauptete Zeitreise, immer wieder von Drehbuch und Gilliam eingeworfen. Der Film dreht den Spieß um. Jetzt ist es Railly, die Cole und den Zuschauer von der Wahrheit Coles Geschichte überzeugen möchte. Ein Foto aus dem ersten Weltkrieg und eine antike Gewehrkugel, die sie aus Coles Bein entfernt haben will, was uns Gilliam freilich nicht zeigen möchte und wir dennoch als gegeben hinnehmen. Denn Gilliam hat uns längst schon selbst in den Zustand seiner Protagonisten und seines Films versetzt. Schon wieder läßt Gilliam den Zuschauer zwischen den Realitäten beider Hauptfiguren hängen.

12 Monkeys läßt sich ebenso schwer für den Zuschauer fassen, wie die Wahrheit, der seine Figuren hinterher eilen. Selbst das Finale, das einerseits als Auflösung des Plots herhalten kann, andererseits aber nichts anderes als eine Erinnerung Coles ist, bringt uns nur scheinbar weiter. Nehmen wir es als Auflösung, gibt sich der Film als Zeitreise-Genrefilm, mit all den Untiefen, die die Logik eines solchen nur havarieren lassen können, ihn verletzlich gegen Angriffe machen. Sehen wir es als weiteren Traum Coles oder sogar eines anderen, was durchaus möglich ist, da Gilliam hier nicht von der surrealen Inszenierung eines Traumes abweicht, eröffnet es ganz andere Möglichkeiten. Dann läßt es uns die Freiheit des Kinos erfahren, das nicht nur in Gilliams Vorstellung ein Ort der Träume sein kann und soll. Cole gibt uns selbst kurz vor dem Ende den entscheidenden Hinweis, als er sich mit Railly im Kino versteckt, in dem Hitchcocks Vertigo zu sehen ist. Der Film bleibt immer der selbe, nur man selbst ist es, der sich verändert und den Film bei jedem Anschauen anders erscheinen läßt, so Cole. Welch ein Geschenk Gilliams und der Autoren, die uns damit selbst von der Suche nach der Wahrheit erlösen. Es liegt ganz in uns selbst, was wir in Gilliams Film sehen, der gerne in seiner Gesamtheit als Metapher für die Egalität zwischen Realität und Fiktion gesehen werden darf. Fiktion wird in Gilliams Vorstellung in dem Moment zur Wahrheit, in der sie glaubhaft wird. Es ist egal ob Cole tatsächlich aus der Zukunft in die Gegenwart geschickt wurde. Solange er daran glaubt, ist es für ihn die Wahrheit. Und genauso egal ist es, was der Zuschauer in seinem Film sieht, solange er daran glaubt, ist es für ihn die Wahrheit. Wahrheit ist solange Wahrheit wie sie glaubhaft ist. Wir glauben solange an die Wissenschaftler in Coles Zukunft, bis sie sich plötzlich in infantile Deppen verwandeln, die um Coles Krankenbett hopsen. Während wir jedoch keine Probleme haben diesen Witz von einer Nervenheilanstalt in der Gegenwart anzunehmen, da sich die dortigen Ärzte geben, wie wir es erwarten. Wir haben kein Problem daran zu glauben, daß sich in den Röhrchen, die am Ende durch die Sicherheitskontrolle des Flughafens geschleußt werden, tatsächlich die Viren befinden, die die Menschheit ausrotten werden, obwohl nichts darauf hinweist das dem so ist. 12 Monkeys ist schließlich ein Science Fiction-Film. Wenn 12 Monkeys über seine Geschichte und Referenzilität hinaus etwas zu erzählen hat, dann ist es dies.

8,5/10 Punkte

Can you imagine?


Bis zum 3. Dezember ist es zwar noch ein wenig hin, dennoch werde ich schon in den nächsten Wochen eine kleine Monty Python freie Terry Gilliam Retrospektive in Angriff nehmen. Erstens ist Anachronismus eine Tugend dieses Blogs und zweitens ist mir gerade danach. Vielleicht reicht es später auch noch für Jabberwocky, The Time Bandits, König der Fischer und den Baron von Münchhausen. Mal schauen, versprechen kann ich es nicht.