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Schon wieder zu Hause

Kein Grund mehr Bier als nötig zu trinken, freie Straßen und zwei ausgelassen am Straßenrand Feiernde mit Spanienflagge denen ich aus reiner Ironie als guter Verlierer ein wenig Unterstützung mittels meiner französischen Hupe zukommen ließ.

Ich könnte jetzt über die technischen Defizite unserer Mannschaft lamentieren, das wäre jedoch das Gejammer unserer Väter. Ich könnte mich über unsere Innenverteidigung amüsieren, hat sie doch im Ballbesitz für einige drollige Momente gesorgt. Mich über Herrn Kloses Interpretation des Forecheckings aufregen, die wohl darin besteht entweder im Abseits zu stehen oder hoffnungslos zwischen den beiden Innenverteidigern des Gegners hin und her zu traben. Ich könnte auch mit dem Schicksal hadern, das den Schiedsrichter in der zweiten Halbzeit dazu verleitete Deutschlands einzige Chance als Stürmerfoul zu betrachten. Nein, das alles werde ich nicht machen.

Denn dazu waren die taktischen Defizite des Mannes im Designerhemd aus streng limitierter Kollektion zu groß. Da hatte sein Kollege in sportiver Ballonseide auf der anderen Trainerbank doch einfach zuviel auf der Pfanne. Anstatt an der Seitenlinie zu posen fällte er knallharte Entscheidungen, die dem kurzzeitigen Auftrumpfen unserer Mannschaft schnell den Gar ausmachten. Tölpelhaft dagegen die letzte Option des Posers. Stürmer gegen Stürmer, das heißt für mich soviel wie Aufgabe. Ich werde es überleben, die Bratwurst hat trotzdem geschmeckt.

Fehleinschätzungen

Oh kay, da lag ich mit meinem EM Teilnehmer Check oft ein wenig daneben. Z.B. damit, daß die Türkei nicht gegen die Schweiz gewinnen wird. Oder damit, daß die Italiener erst zum Halbfinale kommen, für Rußland und Spanien das Viertelfinale die Endstation bedeutet. Und da wären wir auch schon beim gestrigen Halbfinalspiel zwischen denen, die den Raul glücklicherweise zu Hause ließen und denen, den von vielen Schlauexperten der Europameistertitel versprochen wurde.

Die spanische Presse überschlägt sich natürlich nach dem erstem Finaleinzug einer spanischen Nationalmannschaft seit 24 Jahren. Für sie ist der Titel so gut wie sicher, vor allem weil sie gegen die für sie so verhaßten Ergebnisfußballer aus Deutschland antreten dürfen. Nach der gestrigen zweiten Halbzeit und Deutschlands glücklichem Sieg gegen die Türkei kann man Spaniens Euphorie auch gut nachvollziehen. Geradezu wie eine Schülermannschaft wurden die Russen von den Spaniern vorgeführt. Drei Tore schenkte man ihnen ein und hatte dabei noch nicht einmal David Villa auf dem Platz. Da kann man schon einmal große Klappe haben.

Ich für meinen Teil sehe dem Finale am Sonntag jedoch ziemlich gelassen entgegen und halte die große Klappe der spanischen Presse für eine gefährliche Fehleinschätzung. Denn ich habe gesehen, daß Rußland nicht nur vorgeführt wurde wie eine Schülermannschaft, sondern auch so spielte wie eine Schülermannschaft. War Rußland in der ersten Halbzeit einer nicht unverdienten Führung ziemlich nahe, die Abwehr konzentriert, lief nach der Halbzeitpause eine völlig andere Mannschaft auf dem Rasen des Ernst-Happel-Stadions herum. Da hatte man überhaupt nicht verstanden, daß Aragones das Mittelfeld aufgefüllt hatte, versuchte immer noch David Villa, der gar nicht mehr auf dem Platz war, in Manndeckung zu nehmen. Registrierte in keiner Sekunde, daß Spanien es sehr klug verstand seine zentralen Mittelfeldspieler in den Sturm zu beordern. Als katastrophal muß man Rußlands Defensivspiel bezeichnen und Spaniens 1:0 war dann auch nicht mehr überraschend, höchstens der Zeitpunkt in der 50. Minute. Ich hätte schon gedacht, daß sie noch ein paar Versuche mehr benötigen. Hiddinks Mannschaft brach nach dem Rückstand völlig zusammen, ließ vor allem im Angriff die Köpfe hängen. Der viel gelobte Arshavin ein Totalausfall. Unverständlich, aber im Hinblick auf das Finale für Deutschland vielleicht ein Vorteil. Könnte sein, daß die Spanier dies nicht registriert haben. Zumindest wenn man einen Blick auf Spaniens Pressestimmen wirft. 7/10 Punkte.