
Rocky, daß ist mehr als die übliche Geschichte des Tellerwäschers, der zum Millionär wird. Über eine Stunde beschäftigt der Film sich mit der Verortung seines Protagonisten. Bettet ihn in einen Teufelskreis aus Armut, krummen Geschäften und ungerechter Chancenlosigkeit ein. Verschmutzte Straßen, abrißreife Wohnungen, im Gym blättert nicht nur die Farbe von den Wänden, auch der Trainer gehört eigentlich schon längst in Rente. 40 Dollar bleiben Rocky nach Abzug der Kosten von der Kampfbörse, nachdem er wieder einmal gesiegt hat. In einer schäbigen Halle mit noch schäbigerem Boxpublikum. Zwischen den Kämpfen hält er sich mit Gelegenheitsjobs für Mr. Gazzo, dem Kredithai des Viertels, über Wasser. Für ihn die einzige Möglichkeit sein Leben zu finanzieren, für Mickey der einzige Grund ihn trotz seines Talents nicht zu fördern, ihn sogar den Spint wegzunehmen. Die Leere zwischen seinem ungeliebten Job als Geldeintreiber und seinen geliebten Kämpfen versucht er mit Adrian zu füllen, der Schwester seines trinkenden und hysterischen Freundes Paulie. Und vielleicht ist es auch mehr der Wunsch Adrian ein Entkommen aus der Depression zu bieten, als das Verlangen nach der Krone des Boxsports zu greifen, wenn er dem Weltmeisterschaftsboxkampf zusagt, der ihm von Apollo Creed angeboten wird, obwohl Rockys Rolle als Fallobst für alle Seiten ersichtlich ist. Rocky ist Realist, sein Ziel ist es gegen Apollo zu bestehen, nicht vor dem Schlußgong der 15. Runde aufgeben zu müssen. Was noch keinem anderem Gegner Apollo Creeds gelungen ist.
Es ist die innere und äußere Bescheidenheit, die Rocky auch künstlerisch ganz nah an seine inhaltliche Botschaft herankommen läßt. Sowohl die seines Protagonisten, als auch die seiner Erscheinung selbst. Während Rocky keinesfalls Apollos Weltmeisterschaftstitel anzweifelt, großen Respekt vor ihm zeigt, verläßt sich der Film auf seine ruhigen, zurückhaltenden Bilder, mittels derer Symbolität er mehr zu erzählen weiß, als die wenigen aber jederzeit guten Dialoge es je könnten. Mit Philadelphia als Ort der Handlung, dieser Metropole, die nicht durch den Broadway, Wallstreet oder Freiheitsstatue vom American Way of Life kündet, sondern als Geburtsstädte der amerikanischen Unabhängigkeit von den Opfern erzählt, die dieses Land auf sich nehmen mußte, um zu dem zu werden, das den American Way of Life erst ermöglicht. Rocky selbst darf als Symbol dieses Freiheitsdrangs gesehen werden, nimmt er doch für die Freiheit, die ihm das Leben als Gelegenheitsjobber und Boxer bietet, gewaltige Opfer in Kauf. Wenn er sich immer wieder von seinem Freund Paulie, der in der Fleischfabrik arbeitet und schon dort nicht mit seinem Leben zurecht kommt, distanziert, indem er ihm versichert die Arbeit für Mr. Gazzo sei nichts für ihn, ist das auch ein Ausdruck Rockys Opferbereitschaft. Denn eigentlich ist Rocky gar nicht für diese Art Arbeit geschaffen, zumal sie ihn weiterhin im Milieu festhält. Doch sie gibt ihm die Freiheit seinem längst verloren geglaubten Traum einer erfolgreichen Boxkarriere weiterhin nachzugehen. Dafür wird er schließlich belohnt, wenn er durch Zufall von Apollo Creed als Kampfpartner ausgesucht wird. Hätte er zuvor seine Freiheit gegen die Abhängigkeit vom Lohnscheck der Fleischfabrik eingetauscht, hätte ihn Creed nicht im Boxerverzeichnis finden können. Die Botschaft des Filmes ist hier überdeutlich. Das Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit ist die Grundlage Rockys glücklicher Chance.
Als Allegorie auf den American Way of Life funktioniert Rocky fantastisch. Doch ist Rocky natürlich auch der klassische Sportfilm, selbst wenn er der Darstellung des Boxens nur wenig Raum bietet. Hier ist Rocky die einfache und romantische Geschichte vom Underdog, der gegen den großen Favoriten antreten muß. Die sich wie schon so oft und anscheinend unabdingbar im Genre des David gegen Goliath Bildes bedient, welches der Sport in der Realität jedoch auch gerne selbst bietet. Stallone führt die Inspiration zu seinem Drehbuch auf den Kampf Wepner gegen Ali im März 1975 zurück. Wepner, Ali deutlich unterlegen und offensichtlich nur Showgegner, bot dem damaligen Weltmeister jedoch einen harten Kampf, in dem er Ali sogar einmal zu Boden schicken konnte. Wepner wurde von den Zuschauern für seinen Mut und Kampfesgeist mehr bejubelt als der technisch bessere Ali für den Sieg, den er durch den Abbruch des Kampfes durch den Ringrichter erlangte. Wepner soll von Ali fürchterlich verprügelt worden sein. Auch Rocky steigt im Film als Sieger aus dem Ring, obwohl er den Kampf nach Punkten verliert und auch er ist vom Kampf schwer gezeichnet. So erzählt Rocky mit all seinen Zitaten des Boxsports auch dessen Geschichte. Egal ob die Figur Rocky selbst an Amerikas Alltime Great Rocky Marciano angelehnt ist, Apollo Creed den für seine große Klappe, die die Grenzen zur Arroganz gerne einmal überschritt, und als fast unbesiegbar geltenden Muhammed Ali verkörpert. Der oftmals belächelte und kritisierte Boxstil erinnert unweigerlich an die Bilder früher großer Boxkämpfe um die Jahrhundertwende, in denen sich die Kontrahenten oftmals mehr als 30 Runden durch den Ring prügelten. Selbst das Datum des Weltmeisterschaftskampfes, der Unabhängigkeitstag, ist eine Referenz an den denkwürdigen Boxkampf zwischen dem ersten schwarzen Weltmeister Jack Johnson und Ex-Champion Jim Jeffreys am 4. Juli 1910, dessen Ausgang mit der Verteidung Johnsons Titels schwere Rassenunruhen auslöste.
Rocky ist ein großartiger durch und durch amerikanischer Film, der trotz seiner Simplizität eine unglaubliche Vielschichtigkeit vorweisen kann. Die zu spüren ist, wenn Rocky zu der Fanfaren Bill Contis siegesgewissen Titelthemas Gonna Fly Now die Treppen zur Kongresshalle empor läuft. Dessen Entstehungsgeschichte den Mythos von dem der Film erzählt selbst zu bestätigen scheint. Der bis dahin als talentiert geltende jedoch mäßig erfolgreiche Schauspieler Sylvester Stallone schaffte es mit seinem Drehbuch und seiner Rolle bis ganz nach oben. Er hat sich seinen Ruhm verdient.
9/10 Punkte